21.12.2020 - 12:52 Uhr
RegensburgOberpfalz

Gott, die Kirche und das Austrittstelefon

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Immer mehr Gläubige verlassen das Schiff, das sich Gemeinde nennt. Deshalb startete das Bistum Regensburg im vergangenen Sommer erneut die Aktion Austrittstelefon.

Claudia Stöckl: "Gott steht zu jedem Menschen, auch wenn sich dieser von der Institution Kirche abwendet. Denn auf die Liebe Gottes ist immer Verlass."
von Christa VoglProfil

10.655 Katholiken des Bistums Regensburg haben im Laufe des letzten Jahres ihren Austritt aus der Kirche erklärt. Das ist knapp 1 % aller Mitglieder. Die Bistumsleitung reagiert auf die hohe Zahl der Menschen, die der Kirche den Rücken kehren, mit dem Angebot eines Austrittstelefons: 2020 lief diese Aktion bereits zum fünften Mal. Dieses Jahr standen für die Dauer von ungefähr einem Monat vier verschiedene Personen als Gesprächspartner zur Verfügung: ein Priester, eine Mallersdorfer Schwester, ein Diakon und eine Gemeindereferentin. Claudia Stöckl, die seit 17 Jahren als Gemeindereferentin im Bistum Regensburg tätig ist, war das erste Mal bei der Aktion dabei. Oberpfalz-Medien möchte wissen, welche Anrufe es gab, was mit den Anfragen passiert und wie sie auf Gemeindeebene mit den Problemen umgeht, die an sie herangetragen werden.

ONETZ: Frau Stöckl, wie viele Menschen haben sich während der letzten Aktion "Austrittstelefon" bei Ihnen gemeldet?

Claudia Stöckl: Es gab es insgesamt ungefähr 100 Anrufe. Ich persönlich führte ungefähr 20 Telefonate.

ONETZ: Worum ging es darin?

Viele Anrufer haben einfach ihren Frust abgeladen. Es ging um den Umgang mit Geschiedenen, mit Wiederverheirateten, mit Homosexuellen, es ging um den Missbrauch Schutzbefohlener, um den Missbrauch von Geldern, um die Ausgrenzung der Frauen, um den Zölibat. Viele Anrufer erklärten, dass sie „einfach mal einem Kirchenvertreter die Meinung sagen wollen.“ Und am Ende des Gesprächs hieß es oft: „Jetzt hört mir endlich jemand zu.“ Die Anrufer wollten, dass sich das jemand anhört. Und natürlich auch weitergibt nach oben.

ONETZ: Und haben Sie das nach oben weitergegeben?

Ja, Anfang Oktober gab es ein eineinhalbstündiges Treffen mit dem Bischofsrat. Dieser besteht üblicherweise aus unserem Bischof Rudolf Voderholzer, dem Generalvikar Michael Fuchs sowie Weihbischof Josef Graf. Bei diesem Gespräch erhielten wir Gelegenheit, den Frust, die Beschwerden und die Sorgen der Anrufer weiterzugeben. Und ich muss sagen, dass sich dabei keiner von uns vieren ein Blatt vor dem Mund genommen hat.

ONETZ: Und wie hat der Bischofsrat auf ihre zusammengetragenen Sorgen und Beschwerden reagiert?

Alle haben sich Notizen gemacht.

ONETZ: Aber war das überhaupt notwendig? Wie sehen solche Gesprächsnotizen aus? 1.Frauen wollen Gleichberechtigung. 2. Kindesmissbrauch soll bestraft und nicht vertuscht werden. 3. Die Veruntreuung der Kirchengelder muss aufhören. Vielleicht so? Unser Bischof muss doch inzwischen wissen, wie die Nöte seiner Schäfchen aussehen und wo es in der Kirche selbst hakt.

Das will ich doch hoffen. Ich erwarte einfach, dass er die Beschwerden und Wünsche aus den Telefonaten in die Gremien trägt, in denen er etwas zu sagen hat, damit das auch Gehör findet. Ich kann nicht sagen: „Ich brauche bis morgen ein Ergebnis.“ Das wäre zwar schön, aber das geht halt nicht.

ONETZ: Was erwarten Sie sich von der Aktion Austrittstelefon?

Ich erwarte eine Reaktion, so wie es die Gemeindemitglieder von mir auch erwarten. Sie vertrauen darauf, dass ich mich ihrer Sorgen annehme, wenn sie mich auf der Straße oder nach dem Gottesdienst ansprechen. Ich hoffe, dass die Fragen von der Bistumsleitung engagiert angegangen und in die entsprechenden Gremien weitergetragen werden. Das war ja auch die eindringliche Bitte meiner Anruferinnen und Anrufer.

ONETZ: Was sagen Sie den Anrufern, wenn sich diese zum Beispiel über die Veruntreuung von Kirchengeldern beschweren oder den Ausschluss von Frauen aus Ämtern anprangern?

Ich habe für diese Beschwerden keine Lösung. Ich kann sie nur notieren und weitergeben.

ONETZ: Das ist nicht besonders viel. Und wie gehen Sie mit den angesprochenen Problemen in Ihrer Gemeinde um?

Ich sehe den Menschen als Menschen. Ich kenne in der Pfarrei viele, die bestimmte Sachen nicht kirchenkonform machen. Deswegen schaue ich in ihre Augen und in ihr Herz - und fertig. Vor mir stehen Menschen, egal ob schwarz oder weiß, geschieden oder wiederverheiratet. Man muss auf die Leute schauen, die vor einem sind, und nicht auf etwas, was in den Augen der Kirche nicht vertretbar ist. Der respektvolle Umgang mit den Mitmenschen hat auch mit Anstand und Kinderstube zu tun. Und wenn zum Beispiel jemand geschieden ist, wenn jemand aus der Kirche ausgetreten ist, wenn jemand homosexuell ist: dann ist das doch immer noch ein Mensch. Jesus ist auch zu jedem gegangen, hat ihn angenommen so wie er ist - und ihm wieder Mut gemacht hat.

ONETZ: Was sagen Ihre Gemeindemitglieder zu den Missständen in der Kirche?

Kirchenpolitische Themen sind in meiner Gemeinde kein größeres Thema. Ich glaube, dass dort wo eine menschenfreundliche Pastoral und Seelsorge erlebt wird, da fühlen sich die Menschen auch ernst genommen und arbeiten gerne mit bzw. leben gerne ihren Glauben mit der Gemeinde vor Ort. Ich bin eine Frau aus der Praxis und die großen kirchenpolitischen Themen kann ich in meiner täglichen Gemeindearbeit nicht lösen. Aber die frohe Botschaft kann ich weitergeben.

ONETZ: Und wie lautet die frohe Botschaft?

Setze dich als Christ für Frieden, Gerechtigkeit, Menschenwürde und deine Schöpfung ein. Gestalte Glauben mit, dass das Reich Gottes jetzt schon spürbar wird.

ONETZ: Wenn man aus der Kirche ausgetreten ist, kann man dann trotzdem noch „in den Himmel kommen“?

Ja. Davon bin ich überzeugt. Wer getauft ist, bleibt getauft. Gott steht zu jedem Menschen, auch wenn sich dieser von der Institution Kirche abwendet. Denn auf die Liebe Gottes ist immer Verlass.

Zur Person:

Claudia Stöckl

Claudia Stöckl ist Gemeindereferentin für die Pfarreiengemeinschaft Rothenstadt-Etzenricht; Studium der Religionspädagogik; 44 Jhare alt, verheiratet.

Hintergrund :

Nächste Austrittstelefon-Aktion

Für die Advents- und Weihnachtszeit ist das Angebot des Austritttelefons erneut geplant. Die Anzahl der Gesprächspartner wird dazu von vier auf mindestens acht Mitarbeiter erhöht. Auch Claudia Stöckl ist wieder dabei.

Kirchenaustritte im Jahr 2019

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