07.05.2021 - 16:46 Uhr
PressathOberpfalz

Mutter empört: Vor Schule in Pressath Protest gegen Corona-Maßnahmen

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Die Mutter ist erleichtert, die Tochter freut sich: Die Erstklässlerin darf wieder zum Unterricht. Und dann das: Vor der Schule in Pressath protestiert ein Mann gegen die Corona-Maßnahmen. Ein "Schlag ins Gesicht" für die Mutter.

Auf dem Gehweg bei der Treppe zum Haupteingang der Grund- und Mittelschule Pressath steht immer wieder ein Mann, um gegen Corona-Maßnahmen zu protestieren.
von Anita Reichenberger Kontakt Profil

Der Corona-Winter 2020/2021 war anstrengend: Über vier Monate Schulschließung und Homeschooling haben gehörig an den Kräften und Nerven der meisten Eltern gezehrt. "Man steht immer wieder an dem Punkt, wo man denkt, so geht es nicht mehr", sagt eine Mutter aus Pressath. "Und gerade deswegen regt es mich so auf."

Über was sie sich so empört, hat sich vor wenigen Tagen zugetragen. Da hat sie ihre sechsjährige Tochter zum ersten Mal seit 15. Dezember wieder zum Präsenzunterricht zur Schule gebracht. An der Treppe zum Schuleingang - "das ist die Stelle, wo man seine Kinder dann abliefert" - werden sie quasi in Empfang genommen: Ein Mann steht auf dem Gehweg - "ganz prominent; man konnte nicht ausweichen".

"Er hat niemanden angesprochen", berichtet die Mutter. Aber das Plakat, das er dabei hat, hat es für sie in sich: "Gegen Maskenpflicht, Impfpflicht und Testpflicht. Für die Zukunft unserer Kinder", steht darauf.

Kein Ort für Meinungsmache

"Das hat nichts vor einer Schule zu suchen", entrüstet sich die Frau. "Ich habe damit ein riesengroßes Problem." Das macht sie dem Mann gegenüber auch deutlich: "Ich habe nur zu ihm gesagt, 'das muss ja wirklich nicht sein, vor der Schule'. Und gleich hat er mit der Impfpflicht angefangen."

Andere Mütter mischen sich ein - dabei erhalten beide Seiten Unterstützung -, die Pressatherin dagegen klinkt sich rasch aus: Nicht nur, weil sie auf eine Debatte nicht vorbereitet ist, und der Mann seine Position auf eine "ganz krude Art und Weise" vertreten habe. "Es ist schwierig, mit solchen Leuten zu diskutieren. Die wollen einem das Wort sowieso im Mund rumdrehen." Deshalb will sie auch anonym bleiben: "Es gibt zu viele Leute, die sich ereifern."

Vor einer Schule Meinungsmache und Politik betreiben, das hält sie generell für bedenklich. Außerdem handle es sich in Pressath um eine Grund- und Mittelschule: "Das lesen die größeren Schüler ja auch." Und auf welchen Boden bei ihnen diese Botschaften fallen, "das weiß man ja nicht".

Polizei sagt Überprüfung zu

Die Mutter meldet den Sachverhalt auch deshalb der Polizei. "Wenn er auf dem Gehsteig steht, können sie nichts machen", habe sie dort zur Antwort bekommen: "Solange er niemanden belästigt und sich friedlich verhält." Aber ihr sei zugesagt worden: "Die Kollegen werden ihn mal ansprechen, wenn sie ihn sehen." Außerdem habe die Polizei "auf das hohe Gut der Meinungsfreiheit verwiesen". "Schön und gut", sagt die Frau dazu. "Aber das muss nicht vor der Schule sein. Es kann nicht sein, dass das von der Meinungsfreiheit gedeckt ist."

Die Polizei sieht das differenzierter. Eine Frage sei laut Werner Stopfer: "Wo steht der Mann genau?" Wenn sich jemand auf dem Schulgelände befinde, dann liege das Hausrecht bei der Stadt beziehungsweise der Schule, erläutert der Leiter der Polizeiinspektion Eschenbach. "Öffentlichen Verkehrsgrund" dagegen "darf jeder nutzen - auch dieser Mann -" und dort auch "seine persönliche Meinung kundtun": "im Rahmen der freien Meinungsäußerung".

Und Stopfer weist auf einen weiteren Aspekt hin: Stehe nur eine Person dort, "kommt das Versammlungsrecht nicht zum Tragen", betont er nach Rücksprache mit dem Juristen des Landratsamts als der Behörde für die Anmeldung von Versammlungen. "Es braucht zwei Personen, um die Rechtsgrundlage einer Versammlung eintreten zu lassen." Die Intention des Mannes sei deshalb besonders von Interesse: "Inwieweit er das alleine macht oder andere Leute ansprechen will?" Das müsse "immer im Einzelfall überprüft werden". Erst dann könne die Polizei entscheiden, "haben wir weitere Möglichkeiten, gegen ihn vorzugehen?".

Die Pressatherin hofft darauf, zumal die Protestaktion des Mannes ihrer Ansicht nach für Schule und Lehrer ebenfalls eine Kränkung sei: "Die tun alles dafür, dass sie die Kinder wieder zurück an die Schule bringen." Natürlich hat die Mutter dort nachgefragt, ob bekannt sei, was sich vor dem Eingang abspiele. "Ich habe herausgehört, dass der Mann der Schule bekannt ist."

Das bestätigt Schulleiterin Ulrike Neiser: "Er steht öfter da", um auf seine Sicht der Dinge hinzuweisen. "In einem demokratischen Staat ist das sein gutes Recht", erklärt sie. Das sei zwar "nicht optimal" und "keine Unterstützung der Schule", aber der Mann belästige die Schüler nicht und stehe ihnen nicht im Weg. Die Kinder gingen laut Neiser "unaufgeregt" damit um: Sie "schauen schon mal hin", liefen aber "relativ desinteressiert vorbei".

Schulleiterin sieht auch Chance

Nach einer Diskussion im Kollegium sei deshalb auch entschieden worden, die Lage zu beobachten. "Wir behalten ihn im Auge und achten dabei sehr auf unsere Kinder." Von den Büros aus würden Sekretariat und Schulleitung den Mann "gut im Blick" haben. Und auch die Polizei "patrouilliere nun verstärkt".

Die Schulleiterin sieht die Protestaktion übrigens "nicht nur von der negativen Seite", sondern "durchaus als Chance, um den Kindern Rechtsstaat und Demokratie nahezubringen": dadurch, dass jemand "eine andere Position vertritt". Wichtig sei für die Schüler, "dass sie das einordnen können". Sie habe jedoch festgestellt, dass die Kinder "kein Problem damit haben".

Die Pressatherin hat das schon. Sie fühlt sich durch den Protest des Mannes vor allem auch persönlich angegriffen: "Es ist ein Schlag für alle, die die ganzen Maßnahmen mittragen und alles mitmachen zum Schutz der Schwächeren. Und dann kommen Leute, die sagen, 'die Maßnahmen sind das Schlimme'."

"Es war ein unheimlicher Stress, Arbeit und Schule unter einen Hut zu bringen", blickt sie auf die vergangenen Monate zurück. "Das Belastendste dabei war, dass wir nicht nur Eltern, sondern auch Lehrer zu sein hatten und sogar Freunde ersetzen mussten." Und sie macht deutlich: "Irgendwann haut das nicht mehr hin." Dieser Punkt sei in ihrer Familie "relativ schnell erreicht" worden: "Alles ist so belastend, dass sich das manchmal schon krisenhaft zuspitzt und man psychisch darunter leidet."

Die Betreuung der beiden Schulkinder zu Hause "konnten wir nur einrichten, weil mein Mann Gleitzeit und eine sehr tolerante Chefin hat", erläutert sie. An den Tagen beispielsweise, an denen sie als Teilzeitkraft nachmittags arbeiten musste, sei er "sehr früh in die Arbeit" und zur Mittagszeit schon wieder nach Hause gekommen, um "den Rest vom Homeschooling" zu übernehmen: "Wir haben uns die Klinke in die Hand gegeben", verdeutlicht sie. "Abends haben wir die Kinder ins Bett gebracht und sind gleich selbst zu Bett gegangen." "So leben wir seit Monaten", merkt die Frau an. Sie sieht jedoch auch das Positive: "Wir hatten keine finanziellen Sorgen." Infektionen in der Familie habe es ebenfalls nicht gegeben. "Aber alleine die Situation, dass man das alles tragen muss ..." Wie es anderen geht, bei denen finanzielle Probleme dazu kommen, das will sie sich gar nicht vorstellen.

Frust angesichts "Hin und Her"

Und noch etwas kommt hinzu: Sie schiebe "nicht nur Frust über die Situation an sich, sondern über dieses Hin und Her", sagt die Pressatherin. In vieler Hinsicht habe sich Bayern an die Bundesnotbremse gehalten, "aber nur für Schulen galten die strengeren Richtlinien" mit Öffnung erst bei 7-Tage-Inzidenz von unter 100. "Das waren immer nur Lippenbekenntnisse", kritisiert sie deshalb Politiker-Aussagen wie "Bildung ist das Wichtigste, Kinder sind das Wichtigste". "Und dann waren doch wieder Zoos wichtiger", ärgert sie sich über "falsche Prioritäten" und "diesen Schlingerkurs".

Als sie dann vor der Schule den Mann mit seinem Plakat gesehen habe, "hat es mir gereicht": "Es geht nicht, dass sich da so jemand hinstellt. Das ist eine Watsch'n für alle, die sich abmühen seit Monaten, um großen Schaden von der Gesellschaft abzuwenden durch dieses Sch...virus." Jeder leide zwar "auf seine Art und Weise darunter". Aber sie wünsche sich, "dass solche Leute nicht vor Schulen ihre Meinung ausbreiten".

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Hintergrund:

Protest gegen Corona-Maßnahmen vor der Grund- und Mittelschule in Pressath

  • Der Mann steht mit seinem Plakat auf dem Gehweg vor der Schule: laut Rektorin Ulrike Neiser "immer, wenn die Kinder kommen", also etwa zwischen 7.45 und 8 Uhr - "ganz bewusst, wenn voller Betrieb ist".
  • Protestaktion erfolgt nicht täglich; bisher etwa fünf Mal, schätzt Neiser. Start am 13. April, einen Tag nach der Demonstration einer Gruppe von Eltern vor dem Schulamt in Neustadt/WN.
  • "Das ist sein gutes Recht" - solange der Mann sich an die Regeln hält, macht die Schulleiterin deutlich.
  • "Eltern sind sehr verblüfft gewesen am ersten Schultag diese Woche", berichtet Neiser. Manche haben den Mann angesprochen und mit ihm diskutiert. Außerdem Hinweis von Elternseite an die Polizei, die danach mit der Schulleitung sprach.
  • Polizei diese Woche auf Weg zu anderem Einsatz zufällig auch selbst vor der Schule auf Mann aufmerksam geworden. Aber "haben ihn persönlich noch nicht angetroffen und überprüfen können", informiert Werner Stopfer, Leiter der Polizeiinspektion Eschenbach. Hinweis liegt vor, "wer er sein könnte". (rca)

 

 

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