24.12.2020 - 10:03 Uhr
PlößbergOberpfalz

Engel schweben auf Knopfdruck vom Himmel

Auch wenn die große Ausstellung im Plößberger Krippenmuseum abgesagt ist: Schnitzer sind weiterhin fleißig am Werk.

von Ulla Britta BaumerProfil

An der "Größten Krippe der Welt" wollten sich auch Ruth und Harald Gerl beteiligen. Die beiden Krippenschnitzer aus Plößberg sind ein Paar und frönen seit vielen Jahren ihrem Hobby gemeinsam. Für diese Idee von Schnitzerkollege Hubert Haubner, der den Weltrekord für das Guinnessbuch der Rekorde im Rahmen der elften Plößbeger Krippenschau angeregt hat, haben Harald und Ruth Gerl sowie ihre Freunde aus der Schnitzergruppe des Oberpfälzer Waldvereins bereits gearbeitet.

Zehn Figuren pro Jahr

Dann kam Corona, alles wurde abgesagt. Was nicht heißt, dass das Schnitzen eingestellt wurde. Die Gerls schnitzen pro Jahr etwa zehn neue Figuren für ihre Krippen. Das hört bei der Heiligen Familie, den Schäfchen und den drei Königen nicht auf.

In diesen weit über den Landkreis hinaus bekannten Plößberger Krippen, zu welchen auch die Exponate der Gerls zählen, ackern winzige Bauern auf dem Feld, ziehen Elefanten durch eine orientalische Landschaft, sägen g’standene Oberpfälzer Burschen Holz, hängen Frauen die Wäsche auf oder sitzen Plößberger Männer am Wirtshaustisch. Kaum eine Szene fehlt aus dem alltäglichen Leben und aus der Bibel. Die Wirtshausgruppe hat Ruth Gerl geschnitzt. Eine köstliche Szene: Drei Biertrinker schauen gar lustig drein, als wären sie bei der dritten, winzigen Maß angekommen.

In die Wiege gelegt bekommen

Die 54-jährige Ruth Gerl ist eine begabte Schnitzerin. „Sie hat das in die Wiege gelegt bekommen“, erklärt Robert Hecht. Er ist der Vorsitzende des Oberpfälzer Waldvereins, wozu die Schnitzer gehören. Ruth Gerl hat das Talent von ihrem Vater Reinhold Bösl geerbt, ein akademischer Bildhauer. Bösl lebte von seiner Kunst. Eine große Krippe von ihm ist im Besitz der Evangelischen Kirche Plößberg.

Ruth und Harald Gerl schnitzen aber nicht Tag und Nacht und nicht hauptberuflich. Schnitzen ist ihre Freizeitbeschäftigung im Winter. „Wenn wir Zeit haben“, lachen der Finanzbeamte und die Hausfrau. In der Schnitzerstube im Rathaus treffen sie sich jeden Montagabend mit den Freunden. Das Ehepaar bereichert mit seinem Doppel-Talent die Schnitzer des Oberpfälzer Waldvereins, denn mit 55 und 54 Jahren gehören Ruth und Harald mit zu den jüngsten Mitgliedern.

Tradition ohne Altersgrenze

„Bis 14 Jahren bleiben sie. Dann kommen andere Interesse“, erklärt Roland Hecht das Fehlen der Jugend, was in anderen Vereinen nicht anders ist. Nur eines ist in Plößberg anders: Krippenschnitzen ist keiner Altersgrenze unterworfen. Es ist eine Tradition, die über Jahrhunderte hinweg von den Eltern auf die Kinder vererbt wird. Kein Wunder, dass die Krippen immer größer werden und wie bei den Gerls ganze Stuben in den Plößberger Häusern in Anspruch nehmen.

Die Gerls haben ihre Krippe im November aufgebaut. Es dauert Tage, bis die über 350 Figuren ihren Platz haben. Harald Gerl schnitzt, während er von seinem Hobby erzählt, an einem neuen König Er könne erst immer nach Fertigstellung sagen ob es ein Männlein oder ein Weiblein geworden sei, lacht er bescheiden. Natürlich schnitzt er in Wahrheit wunderschöne Figuren. Die Chefin ist aber seine Frau Ruth, eine Meisterin dieses traditionellen Kunsthandwerks. Oftmals entstehen unter ihren Händen aus einem Stück groben Holz ganze Geschichten.

Ein Beispiel ist ein Schmied, der dem Pferd ein Huf verpasst. Neben ihm steht ein Mann und hält das Pferd am Zaumzeug. Die gesamte Szene hat Ruth aus einem Holzklotz gefertigt. Respekt ist hier das Zauberwort: Die Plößberger dürfen sich gern in die semiprofessionelle Klasse der Schnitzer aus aller Welt einreihen.

Lebendiges Museum

Kein Wunder also, dass die Plößberger Krippen derart großen Ruhm weit übers Stiftland hinaus erlangt haben. Zu den alle fünf Jahre veranstalteten „Plößberger Krippenschauen“ kommen Besucher aus ganz Deutschland und in fünfstelliger Zahl. Ihr Ruf eilt ihnen voraus: Mit viel Freude erzählen Robert Hecht und der Museumsführer Manfred Kopp, dass vor zwei Jahren der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer eine Plößberger Krippe bei ihnen bestellt hat. „Der Bischof hat viele Krippen. Aber eine aus dem Stiftland hatte er noch nicht“, sagen sie. Was sie stolz macht: Voderholzer ist von selbst auf die Plößberger aufmerksam geworden.

Als Ehre und Chance für mehr Öffentlichkeitsarbeit bezeichnen Hecht und Kopp auch die aktuelle Beteiligung am Regensburger Krippenweg. Im November haben die Plößberger eine ihrer Krippen auf Anfrage der Tourismusbranche nach Regensburg transportiert. Um Plößberger Krippen zu sehen muss aber niemand extra bis Regensburg fahren. Erst vor zwei Jahren hat der OWV mit Unterstützung der Marktgemeinde in der alten Schule ein Museum eröffnet mit einer Krippenabteilung. „Dafür haben wir viel Geld ausgegeben“, berichtet Roland Hecht von einem fünfstelligen Betrag allein für das Krippenzimmer.

Älteste Figur von 1780

Unter Federführung von Hubert Haubner wurden die Krippen alter Plößberger Familien in eigens dafür gebaute Glasvitrinen gebracht. Manche Exponate sind drei Jahrhunderte alt, die älteste Figur gehört zur „Schwarz-Krippe“ von 1780. Kopp erklärt die Details und Besonderheiten der einzelnen Exponate. Spätestens jetzt ist es an der Zeit, sich Zeit zu nehmen für diese Schätzchen. Kopp weiß zu jeder Figur eine Geschichte.

So sei der „Goasreiter“ eine typische Tradition in jeder Krippe sagt er. Der „Gosreiter“ ist ein junger, mutiger Mann beim Versuch auf einem Goasbock zu reiten. „Natürlich scheitert er“, lacht Kopp. Niemand könne auf einer Geiß reiten. Auch nicht, wenn er nur geschnitzt sei. Manchmal, erzählt der Sachbverständige weiter, sei die Heilige Familie in den Kripen gar nur eine Nebenerscheinung.

Bis zu Adam und Eva

Die biblischen Darstellungen reichen bis Adam und Eva zurück und enden bei Jesus auf dem Weg nach Golgatha. Unter den Exponaten befinden sich Leihgaben ebenso wie Fundsachen, die in alten Kellern und Dachböden bei Wohnungsauflösungen zum Vorschein kamen.

Ausgesprochen liebenswert ist die mechanische Krippe aus dem Sudetenland, die Manfred Kopp unter seine Fittiche genommen hat. Der 66-jährige Plößberger restauriert das seltene, wertvolle Stück seit langem. Vieles funktioniert wieder: Engel schweben auf Knopfdruck vom Himmel, ein Mönch segnet auf seinem Weg Vorbeikommende und Jesus dreht den Kopf demonstrativ weg, wenn der zwölfte Apostel Judas neben ihm erscheint.

Über 400 Teile

Was den besonderen Charme aller Krippen ausmacht, ist der nahtlose Übergang der Jahrhunderte ihrer Entstehung. Antiquare Figuren aus dem 17. Jahrhundert, geschnitzt von den Ururgroßvätern, geben moderner Schnitztechnik von den heutigen Enkelkindern die Hand. Wer die Figuren zählen möchte, sollte „früh aufstehen“. Das ist nahezu unmöglich, denn jede einzelne Krippe ist mit gut über 400 Teilen bestückt. Das erklärt auch den Weltrekordversuch fürs Guinnessbuch der Rekorde, es geht um die Anzahl der Figuren. Schade, das ist erstmal abgesagt.

Aber wenn auch die Enttäuschung groß ist, schauen die Krippenschnitzer positiv in die Zukunft. Die Flyer für die „11. Krippenschau 2021“ sind längst verteilt, Bischof Rudolf Voderholzer hat ein zweites Mal zugesagt für die neue Eröffnung den 27. November 2021 – und die Plößberger schnitzen weiter fleißig Schäfchen, Goasreiter, Baamrutscher, Engelchen, Ochs und Esel, Jesuskindlein, Könige und mehr für ihre "11. Plößberger Krippenschau", die erstmals dann eben im sechsjährigen Rhythmus stattfinden muss.

Hintergrund:

Neues Konzept erstellt

Im „Plößberger Krippenparadies“ ist Weihnachten zu Hause. Mit diesem Spruch wirbt der Oberpfälzer Waldverein für seine 11. Plößberger Krippenschau mit der größten Krippe der Welt. Hubert Haubner ist der Hauptverantwortliche für die Großveranstaltung. Er hat das Konzept für die abgesagte Schau erstellt und nun für das kommende Jahr 2021 neu konzipiert. Das Plößberger Museum, wozu auch das Glasschmelzofenmuseum gehört, befindet sich in der alten Schule. Besichtigt werden können die drei Bereiche „Weben“, „Glasschmelzofenbau“ und „Krippen“. Der OWV Plößberg hat für den Umzug 2018 das Konzept komplett überarbeitet. Die Abteilung Krippen ist mit „Faszination Hauskrippe“ überschrieben. Nur zwei Räume weiter befindet sich die Schnitzerstube, wo immer montags von 19 bis 22 Uhr Arbeitstreffen stattfinden. Der Gruppe gehören etwa 20 Mitglieder an, das älteste Mitglied Ludwig Reisnecker hat bis vor kurzem noch im Alter von 85 Jahren mitgeschnitzt. Der 64-jährige Robert Hecht ist seit 15 Jahren OWV-Vorsitzender. Das Plößberger Museum gehört seit einiger Zeit zu „die zwölfer“, einem Museumsverbund im Landkreis Tirschenreuth. Unter anderem kann auf der Homepage www.daszwoelfer.de unter dem Link „Museum to Go“ ein virtueller Streifzug mit einem 360-Grad-Rundgang gemacht werden. Wegen der Corona-Pandemie ist das Plößberger Museum nicht regelmäßig offen. Die Öffnungszeiten richten sich nach der aktuellen Lage und sind über das Rathaus Plößberg abrufbar.

 

 

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