20.10.2020 - 16:02 Uhr
PlößbergOberpfalz

Campingplatz Plößberg: Stellplatzmieter verärgert über "Zwangsräumung"

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Bei einem Treffen der Dauercamper auf dem Campingplatz Plößberg am Wochenende kochen die Emotionen über. Sie schildern ihre Situation und forderten Alternativen zur Räumung des Areals.

In einem halben Jahr soll die Wohnwagensiedlung der Dauercamper am Campingplatz in Plößberg aufgelöst sein. Der Zeitraum bis 31. März 2021 ist den Stellplatzmietern zu kurz, besonders im Hinblick auf die Wintermonate.
von Lena Schulze Kontakt Profil

„Niemand hat mit so einem radikalen Einschnitt gerechnet“, sagt Wilhelm Üblacker. Der Neustädter ist seit 2004 Stellplatzmieter auf dem Campingplatz in Plößberg. Mit Entsetzen erfuhr er vergangene Woche via Pressebericht aus dem Neuen Tag, dass die Gemeinde den Campingbetrieb einstellen will. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht. „Unser Unmut angesichts der Vorgehensweise ist immens“, ist Üblacker verärgert. Er startete sogleich eine Petition gegen die Räumung. Binnen weniger als einer Woche hat der Neustädter schon über 600 Unterschriften gesammelt. „Seit Tagen bin ich nur am Telefonieren. Mich rufen Camper aus Berlin, Nürnberg oder Regenstauf an, was jetzt wird. Ich kann wegen der Sache nachts nicht mehr schlafen.“

Ratlosigkeit und Verzweiflung

Am Wochenende trafen sich über 100 Dauercamper, die teils seit Generationen in Plößberg eine zweite Heimat haben. Sie sind verzweifelt, wütend. In kleinen Gruppen wird heftig diskutiert und geschimpft – ratlos, kopfschüttelnd und achselzuckend wird auf den Platz gestarrt. Die Argumentation seitens des Gremiums ist für die Betroffenen nicht nachvollziehbar. Sie fordern Alternativen. SPD-Fraktionsvorsitzender Marktrat Marcus Fritsch stellt sich beim Treffen der Diskussion und zeigt sich gesprächsbereit. Er macht aber deutlich, dass die Gemeinde grundsätzlichen an der Räumung festhalten wird.

Erhebliche Mängel machen die Räumung des Campingplatzes notwendig

Plößberg

Für die Gemeinde war die Sache klar: Es muss gehandelt werden auf dem Campingplatz, der mangels eines Pächters seit April von der Kommune betrieben wird. Seit dem Frühjahr hat man erst richtig bemerkt, wie marode der Platz ist. „Bei so einem eklatanten Defizit hätte man die Reißleine viel früher ziehen müssen“, merkt Üblacker an.

„Von uns hat keiner etwas gegen eine Modernisierung“, wird ein Mann laut. Im Gegenteil. Einigen stößt es übel auf, dass über die Jahre nichts gemacht wurde. Heruntergekommenen Toiletten, Probleme in der Strom- und Wasserversorgung – „Dafür war der Pächter zuständig.“ Sie sind sich einig: Nicht die Dauercamper haben das Gelände heruntergewirtschaftet. „Da machen die was falsch, wenn der Platz nicht wirtschaftlich betrieben werden kann. Nicht wir!“ Für bauliche Missstände an einzelnen Häuschen hätte die Gemeinde Abmahnungen erteilen können.

Teilsanierung angeregt

Andere sagen: „Uns taugts a so.“ Von einer Vermüllung hätten sie nichts mitbekommen. So oder so: Die Betroffenen wären gerne in den Entscheidungsprozess eingebunden gewesen. „Man hat uns außen vor gelassen“, ruft ein Camper dazwischen. „Ich konnte es nicht fassen. Uns einfach zu kündigen, und das erfahren wir aus der Presse, ist keine Art und Weise“, sagt eine Frau. „Wir wollen das einfach nicht so stehen lassen.“ Die Leute regen an, die Sanierung bei laufendem Betrieb und in eingeschränkter Form durchzuführen. „Man hätte doch nach und nach sanieren können. Straße für Straße.“ Die Camper verstehen nicht, warum sie weg sollen, wenn noch nicht einmal Pläne existieren, was mit dem Platz passieren soll. „Die haben ja noch nicht mal ein Konzept.“ Gerade in einer Zeit, in der Camping wieder im Trend ist, sie die Betriebseinstellung eine Frechheit.

Ein weiterer Punkt ist der Zeitraum, der den Stellplatzmietern, die überwiegend im Rentenalter sind, für die Räumung gewährt wird. Bis 31. März 2021 sollen sie weg sein. „Das ist zu kurzfristig“, sagt Üblacker. Ein halbes Jahr zum Leeren des Platzes sei zu knapp – vor allem über die Wintermonate. „Wir sind kein Flüchtlingslager“, sagt der Neustädter. „Wir können unsere Zelte nicht von heute auf morgen so einfach abbrechen.“ Viele der Wohnwagen seien eingebaut und teilweise nicht mehr fahrtüchtig. Besonders nach dem Sturm Kyrill 2007 hätten viele Stellplatzmieter ihr Hab und Gut sturmfest eingerichtet. Der Großteil der langjährigen Camper investierte mit den Jahren über Zehntausende Euro in den eigenen Stellplatz. Einige neue Mieter seien erst kürzlich mit der Gestaltung ihrer Parzelle fertig geworden.

Rückzugsort aufgeben

Über den Zeitpunkt der Räumung könne man aber noch reden, erklärte SPD-Marktrat Marcus Fritsch. Er bringt eine Verlängerung der Frist bis 30. September 2021 ins Gespräch. Zufrieden stellt das die Dauercamper nicht. „Wir müssen alles wegreißen, was wir uns jahrelang aufgebaut haben. Da blutet mir das Herz“, sagt ein Plößberger, der seit 2018 einen Stellplatz auf dem Areal hat. „Keiner weiß, wohin mit dem Zeug“, sagt eine Frau verzweifelt, die erst vor zwei Jahren den Stellplatz geerbt hat. „Wie kann so etwas so von statten gehen“, fragt sich ihre Nachbarin.

„Für uns war das hier speziell in Corona-Zeiten die letzte Rückzugsmöglichkeit“, sagt Üblacker, der selbst rund 100 Tage im Jahr seine Freizeit in diesem Idyll genießt. „Das hier war mein Refugium, nach der Arbeit bin ich immer hier raus“, erklärt Rentnerin Dagmar Mortler aus Weiden. Sie ist seit 15 Jahren in Plößberg. „Der Platz hier bedeutet für mich Lebensqualität.“ Jetzt soll sie zerstören, was sie sich mit Herzblut aufgebaut hat.

Auch Horst Danzl und seine Lebensgefährtin Ilona Müller-Heinze aus Nürnberg sind seit Jahren Dauergäste auf dem Campingplatz. „Die Nachricht hat uns getroffen wie ein Blitz!“ Sie wurden über eine Whatsapp-Gruppe informiert. Trotz der Mängel: „Wir hatten uns daran gewöhnt, das Wasser im Kanister von der Wasserstelle zu holen. Wir hätten nie daran gedacht uns zu beschweren“, sagt Müller-Heinze. Ihre Anbauten, berichtet ihr 66-jähriger Partner, seinen so vom Bürgermeister genehmigt.

Camper bleiben für immer weg

In einem halben Jahr hier weg zu sein, ist unvorstellbar für das Paar. „Utopisch.“ Normalerweise verbringen sie bis zu vier Monate im Jahr in der Oberpfalz. „Wir wissen nicht wie wir das alles koordinieren sollen“, sagt Danzl, der einen einfachen Anfahrtsweg von 140 Kilometern hat. „Man kann das alles hier nur entsorgen.“ Die beiden Dauercamper kommen nach der Räumung nicht wieder. So wie die Mehrheit der über 100 Stellplatzmieter, die teilweise aus Berlin, Neumarkt, München oder Regenstauf kommen.

Dass gegenseitige Vorwürfe die Parteien nicht weiterbringt, weiß Üblacker. Mit der Petition möchte er erreichen, dass zumindest die betroffenen Camper gehört werden. Er hofft, dass der Bürgermeister und die Gemeinde Kompromissbereitschaft signalisieren und Alternativen überdenken.

Die Schließung des Campingplatzes schreckte die Dauercamper auf

Plößberg
Hintergrund:

Belegung lässt Investition nicht zu

Der Marktrat beschloss in der Sitzung am 13. Oktober, den Betrieb des Campingplatzes Plößberg vorerst einzustellen. Es bestehe ein erheblicher Investitionsstau bei den Stellplätzen und zentralen Einrichtungen, etwa an den Sanitäranlagen im Haupt- und Nebengebäude, in der Gaststätte und Küche sowie beim Brandschutz. Besonders die Technik bedürfe einer Erneuerung.

Laut Gemeinde können notwendige Investitionen auf dem Platz nicht umgesetzt werden, weil die derzeitige Belegung der Dauercampingstellplätze dies nicht zulasse. So müssten Wasser- und Abwasserleitungen verlegt, die Stromversorgung sowie Rettungswege ausgebaut werden. Zudem seien vielfach Um- und Einbauten auf den Stellplätzen nicht akzeptabel, nicht zulässig und manchmal auch nicht ansehnlich.

Der Campingplatz ist laut Kommune nicht wirtschaftlich zu betreiben, weder vom Markt selbst noch von einem Pächter. Von den Dauercampern seien pro Jahr nur Einnahmen unter 100 000 Euro zu generieren. Daraus sind alle Steuern, Versicherungen, der Unterhalt des Gebäudes und des Platzes zu tragen. So verbleibe kaum noch Geld, um Personalkosten bezahlen zu können. Seit dem Jahr 2000 ist deshalb ein Defizit von fast 800 000 Euro aufgelaufen, die der Markt in den vergangenen Jahren aus Steuermitteln beglichen hat.

Den über 100 Mietern der Dauercampingstellplätze wird zum 31. März 2021 gekündigt. Auf ihrer Internetseite bittet die Gemeinde um Verständnis, dass der Beschluss nicht nachverhandelbar ist. "Wir wünschen Ihnen und uns, dass die Räumung reibungslos und ohne Streit abläuft. Gleichwohl sollten Sie keinen Zweifel haben, dass wir eine Räumung notfalls auch durchsetzen werden", heißt es auf der Seite. Die Kommune sei sich bewusst, dass damit viele persönliche, sehr angenehme und freundschaftliche Kontakte zu langjährigen Dauercampern verloren gehen. "Wir bedauern das sehr."

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.