07.08.2020 - 13:39 Uhr
PirkOberpfalz

Von Ministerpräsidenten und Kirwaköniginnen: Georg Stahl im Interview zum 80. Geburtstag

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Er hat Humor und Souveränität. Insofern darf man Georg Stahl gefahrlos einen der buntesten Hunde der politischen Landschaft der Region nennen. Am Sonntag feiert er 80. Geburtstag. Vorher blickt er mit Oberpfalz-Medien ein bisschen zurück.

Wenn Georg Stahl in seinem Archiv blättert, kommt ein launiger Erzähler in ihm durch. Fast könnte man dabei vergessen, dass das politische Geschäft im Alltag eher zäh und mühselig vonstatten geht.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

ONETZ: Herr Stahl, wir wollen zum 80. Geburtstag mal nicht bierernst über Pirk, den Landkreis und den Landtag sprechen, sondern die unbekannten und kuriosen Seiten des Politikerlebens hervorkehren ...

Georg Stahl: ... vorher muss ich trotzdem noch was vorausschicken, weil es mir sehr wichtig ist. Es ist der Dank an den Herrgott, meine Kinder, meine verstorbene Frau und meine Eltern und Schwiegereltern. Sie haben mir ermöglicht, überhaupt so alt zu werden. Das hätte ich lange nicht gedacht.

ONETZ: Warum?

Ich wollte mit 19 zum Bundesgrenzschutz und bin nach Deggendorf zum Gesundheitscheck gefahren. Dabei bin ich durchgefallen wegen zu hohen Blutdrucks. Zu Hause hat mich der Arzt dann wieder beruhigt. Alles gut, es war wohl nur die Aufregung.

ONETZ: Mit 31 waren Sie dann Bürgermeister von Pirk. Sie blieben es 30 Jahre lang.

Damals hatten wir 1300 Einwohner, heute sind es 1900. Dazwischen liegen die Beseitigung der Abwasserproblematik, die neue Schule, der Friedhofsneubau, die Kreisstraße nach Schirmitz ...

ONETZ: ... aber wir wollen doch eher über lustige und unbekanntere Dinge reden.

Also gut. Da fällt mir spontan, die Wahl der ersten Pirker Kirwakönigin ein. Das war 1974. Ich hatte zur Kirchweih das erste Fußballspiel Kreistag Neustadt gegen Stadtrat Weiden organisiert. Danach hatten wir die Pirker Kirwakönigin gewählt. Raten Sie mal wen?

ONETZ: Keine Ahnung.

Waltraud Koller, die Weidener Stadträtin. Das mussten wir nach Protest der Pirker Dorfjugend zurücknehmen. Die meinte, die Königin muss unbedingt eine Pirkerin sein.

ONETZ: Gefeiert habt ihr Pirker ja schon immer ganz gern.

Na klar. Im Juli 1989 das Doppeljubiläum "25 Jahre Pfarrei und 40 Jahre SpVgg". Und fast pünktlich zum Auftakt stirbt unser Schirmherr und Ehrenbürger Pfarrer Gottfried Leibl im Krankenhaus in Altötting. Ich bin runtergefahren, um mich von ihm zu verabschieden. Danach haben wir überlegt, die Feststage abzublasen. Leibls Brüder haben aber davon abgeraten. Sie meinten, das Fest wäre ganz im Sinne des Verstorbenen.

ONETZ: Zur gleichen Zeit mischten Sie schon im Kreistag munter mit.

Ja, ich hab mit vier Landräten gearbeitet. Am meisten geärgert hab ich den Christian Kreuzer. Einmal bin ich mit einem Pirker zu ihm gefahren, der seit 20 Jahren eine Fischerhütte hatte, bei der sich herausstellte, dass es keine Genehmigung dafür gab. Da bin ich mit ihm zum Landrat, um zu sehen, was zu machen war. Als das Problem vom Tisch war, erwähnt mein Bürger doch glatt, dass er ein Neffe des Rothenstädter Bürgermeisters Anton Schröpf ist. Kreuzer hat mich danach angerufen und getobt: Wenn er gewusst hätte, dass der Mann mit demjenigen verwandt ist, der Rothenstadt an Weiden verkauft hat, hätte er ihm nie geholfen.

ONETZ: Haben Sie Ihre Ministerpräsidenten als Landtagsabgeordneter auch so auf die Palme gebracht?

Oh ja, den Edmund Stoiber. Ich war im Bildungsausschuss, als Stoiber im Alleingang das achtjährige Gymnasium durchgedrückt hat. Selbst Ministerin Monika Hohlmeier wurde davon erst 16 Stunden vorher informiert. Ich habe Stoiber dann in der Fraktion am Tag vor der Wahl des Ministerpräsidenten im Landtag frontal angegriffen, und etwas von "Betrug am Wähler" gesagt. Parteifreunde haben mich gewarnt: Wenn der Stoiber morgen bei der Wahl eine Stimme aus der CSU-Fraktion vermisst, bist du im Verdacht. Dann brauchst du fünf Jahre lang nicht zu ihm zu kommen. Ausgerechnet am nächsten Tag hab ich verschlafen und bin erst eine Minute vor Ende der Stimmabgabe im Landtag erschienen. Aber Stoiber hatte alle CSU-Stimmen.

ONETZ: Hat er Ihnen den Betrugsvorwurf verziehen?

Das hat sich bald wieder eingerenkt. Ich bin mit ihm noch öfter aneinandergeraten, zum Beispiel als er Marianne Deml als Staatssekretärin abgesägt hat. Aber wir haben auch miteinander gelacht. Mit dem Alfred Sauter (früherer Justizminister) hatte ich einmal einen Deal: Ich stimme für eine Behörde im schwäbischen Krumbach, er hilft mir dafür bei einem Projekt in der Oberpfalz. Als Stoiber in einer Klausur sah, dass ich mit den Schwaben die Hand hob, hat er vom Podium aus gefragt, warum ich da mitstimme. Meine Antwort fiel mir spontan ein: Ich mag Krumbach, da hatte ich einmal eine Freundin.

ONETZ: Sie pflegen noch Freundschaften aus Ihrer Landtagszeit 1998 bis 2008.

Erst letzte Woche war ich bei der Verabschiedung von Barbara Stamms Chauffeur in Würzburg. Anschließend hab ich das Grab von Pater Albrecht besucht. Eigentlich hatte ich in München mit niemandem ernsthafte Probleme, aber die Barbara, der Sigi Schneider, der Günther Beckstein oder der Marcel Huber, das sind wirkliche Freunde geworden. Es tut mir leid, dass ich hier nicht alle aufzählen kann.

ONETZ: Wie war das Verhältnis zur Opposition?

Auch gut. Der Franz Maget als SPD-Chef - ein feiner Kerl. Der war bei Kritik immer fair. Na ja, er ist eben wie ich ein Sechziger-Fan. Mit Marianne Schieder konnte ich mich richtig fetzen, aber wir sind Freunde und väterlicherseits sogar miteinander verwandt.

ONETZ: Verstehe, als solcher kann man Einiges einstecken.

Ich erinnere mich an eine Podiumsdiskussion in Ingolstadt zur Schulpolitik. Da sollte der Sigi Schneider als Bildungsausschussvorsitzender hin, er hat aber mich geschickt, weil er kurz vorher Kultusminister wurde. Im Publikum und auf dem Podium sonst nur Opposition, die haben heftig eingeheizt. Einige, die es auf BR Alpha gesehen haben, behaupten, ich hätte mich wacker geschlagen, aber ich war hinterher fix und fertig. Das hat die Simone Tolle von den Grünen mitbekommen. Sie hat gesagt, komm Schorsch, trinken wir einen Kaffee miteinander, das baut dich auf. Diese Geste hab ich nie vergessen. Ich bin übrigens im Landtag öfter zu den Grünen gegangen, der Kaffee dort war wirklich gut. Ach, und der Peter-Paul Gantzer von der SPD hat mich mal in einem Buch verewigt.

ONETZ: Wie das?

Auch Gantzer ist ein prima Kerl. Er hat als Landtagsvizepräsident eine Sitzung geleitet und mich gerügt: Abgeordneter Stahl, Sie Sind schon eine Minute über der Redezeit. Ich hab geantwortet: Dafür rede ich das nächste Mal eine Minute kürzer. Das Plenum hat gelacht. Der Gantzer hat solche Sachen gesammelt und hinterher veröffentlicht. Aber ich konnte auch gut mit der Ministerialbürokratie. Als ich schon nicht mehr im Landtag war, hat mich der Abteilungsleiter im Kultusministerium Heribert Püls mal eingeladen: Sie dürfen immer zu mir ins Amt kommen, weil Sie nie einer waren, der gleich gesagt hat, jetzt renne ich zum Ministerpräsidenten, wenn er was nicht auf Anhieb bekommen hat.

ONETZ: Jetzt werden Sie 80. Wie feiern Sie das in Coronazeiten?

Ich bin am Sonntag nicht zu sprechen, mir soll bitte keiner zum Gratulieren kommen, ich will den Tag mit meiner Familie verbringen. Ich habe den Siebzigsten und den Fünfundsiebzigsten nicht groß gefeiert und vorher gesagt, zum Achtzigsten lassen wir es krachen. Jetzt machen wir das eben zum Einundachtzigsten - wenn man feiern kann.

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Hintergrund:

Alle Felder, die Georg Stahl vor dem politischen Ruhestand beackert hat, müssen nicht mehr ausführlich aufgezählt werden. Interessant sind die Ämter, die er mit 80 immer noch bekleidet:

-Mitglied im Landesvorstand sowie stellvertretender Bezirksvorsitzender und Kreisvorsitzender der Senioren-Union.

-Ehrenvorsitzender des Bezirksverbands für Gartenbau und Landschaftspflege.

-Patientenbeauftragter am Bezirksklinikum Wöllershof.

-Beirat im Förderverein der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden.

-Beirat der von Barbara Stamm organisierten Rumänienhilfe.

-Beirat im Oberpfälzer Kulturbund.

-Beirat in der Organisation der Internationalen Jungen Orchesterakademie Pleystein. (phs)

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