23.07.2021 - 14:38 Uhr
PfreimdOberpfalz

Picknick mit Mord und Bösewicht: Krimiautorin liest in Pfreimd aus neuem Buch

Der Tatort ist nicht weit. Sonja Silberhorns Morde passieren in der Oberpfalz. Bei einer Picknick-Lesung in Pfreimd sorgt aber vor allem ein Stück echte Vergangenheit für Schaudern.

Zum ersten Mal gab es in Pfreimd am Donnerstagabend eine Picknick-Lesung. Autorin Sonja Silberhorn (Im Vordergrund) freute sich über die Einladung des Buchcafés und belohnte ihre Zuhörer mit spannenden Seiten aus ihrem Regionalkrimi.
von Monika Bugl Kontakt Profil

"Höllbachtal" heißt der neue Roman der Regensburger Autorin Sonja Silberhorn, den sie am Donnerstagabend zum ersten Mal öffentlich einem Publikum vorstellen konnte. Die Initiative dazu war vom Pfreimder Buchcafé ausgegangen, die Veranstaltung Teil der Serie "Buchcafé & Friends".

Der Mordfall in der Oberpfalz ist frei erfunden, aber das Höllbachtal gibt es wirklich – und erst recht den historischen Hintergrund, der in die Zeit des Nationalsozialismus führt. Plötzlich sind die Schauplätze ganz nah. Neben dem Naturschutzgebiet im Landkreis Cham taucht Regensburg auf, dann führt die Spur nach Flossenbürg und zieht sich sogar durch Schwarzenfeld und Neunburg.

Im Pfreimder Schlossgarten haben rund 60 Zuhörer ihre Picknick-Decken ausgebreitet oder die Camping-Stühle aufgeklappt. Mit einem Cocktail in der Hand beginnt für sie die Reise auf zwei Zeit-Ebenen: Die Stimme der Autorin begleitet sie bei den Ermittlungen der Regensburger Kommissarin Lene Wagenbach, die zu einer weiblichen Leiche ins Höllbachtal im fiktiven Steinersried gerufen wird. In einem zweiten Handlungsstrang geht es zurück ins Jahr 1939, wo dort auf einem Bauernhof eine unheilvolle Familien-Konstellation in der NS-Zeit nichts Gutes für die Zukunft ahnen lässt.

"Dieser historische Stoff, das ist auch für mich ein Novum, so weit bin ich noch nie in die Vergangenheit zurückgereist", sagt die Autorin, die anfangs unsicher war, ob sie die richtige Sprache für diese Periode finden würde. Mit Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus hat sich die 41-Jährige schon lange vor Entstehung des Buches beschäftigt: Ihr Urgroßvater starb in einem Konzentrationslager. "Ich habe bei diesem Thema eine gewisse Besessenheit entwickelt, viel gelesen, viele Dokumentationen angeschaut", erzählt die Schriftstellerin. Vom Urgroßvater Max hat sie auch den Vornamen für einen Protagonisten übernommen, der für das Mord-Motiv in der Gegenwart eine Rolle spielt.

Staatsanwalt mit Harley

In diesem aktuellen Teil des Romans wecken bunt gezeichnete Charaktere das Interesse: ein Kommissarin, die auf Metallica steht, ein Staatsanwalt der auf der Harley anrückt oder ein verdächtiger Chamer Rocker mit Vorstrafenregister. Das alles natürlich unterfüttert mit Details über real existierende Straßen, Plätze oder Eisdielen in Regensburg, eben mit dem gewissen Lokalkolorit. "Ein Regionalkrimi ist immer auch ein Marketing-Stempel", sagt Sonja Silberhorn, die sich mit ihrem ersten Werk und der Wahl des Emons Verlags diesem Genre ganz pragmatisch angepasst hat. "Seither scheuche ich meine Ermittler erbarmungslos durch die Oberpfalz", schreibt sie auf ihrer Homepage.

Präzise flicht die Autorin im "Höllbachtal" nun auch historische Tatsachen ein, lässt den frei erfundenen SS-Mann Georg den Transport von KZ-Häftlingen in einem Zug begleiten, der 1945 tatsächlich in der Nähe von Schwarzenfeld bombardiert wurde. Der Todesmarsch, der über Neunburg führt, bekommt einen Platz in ihrem Roman und fügt sich zwanglos ein in ein ganz konkretes Familienschicksal, das erst durch den Mord Jahrzehnte später ans Tageslicht kommt. Dazu gehörte es für die Regensburgerin auch, sich in ihren "Bösewicht" SS-Mann Georg hineinzudenken, der dafür sorgt, dass seine Kollegen den Bruder Max "zu Tode schinden" werden. "Das war meine zweitgrößte Angst: Kann ich einen bösen Nazi schreiben?", gesteht Silberhorn und zitiert in diesem Zusammenhang eine Kollegin: "Schriftsteller sind wie Schauspieler ohne Bühne."

Therapeutischer Effekt

Bei der Lesung verrät die gebürtige Regensburgerin auch, wie sie recherchiert, nämlich weitgehend vom Schreibtisch aus. "Ich schreibe dann ins Blaue hinein", erklärt sie. Erst dann sucht sie beispielsweise mit dem ausgedruckten Manuskript den Bahnhof Schwarzenfeld auf, um zu überprüfen, ob alles passt. Letztlich aber hatte die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in diesem Fall für die Autorin auch einen kleinen therapeutischen Effekt: "Aus einem gesichtslosen Geist ist ein Mensch geworden", sagt sie mit Blick auf die eigene Familiengeschichte. "Irgendwie habe ich mich von einem Phantom losgeschrieben." Wie die beiden Handlungsstränge zusammengeführt werden, verrät die Autorin bei der Lesung auf dem grünen Rasen nicht, nur dass sich am Ende alles fügen wird. Dass ihre Autoren-Laufbahn inzwischen ebenfalls auf einer zweiten Schiene läuft, kommt zum Schluss noch zur Sprache.

Als die Kirchenglocken ihre Zuhörer zurück ins Jetzt katapultieren, bleiben die Mord-Ermittlungen zwischen zwei Buchdeckeln, und Silberhorn erzählt von ihrem Ausflug in die Welt der Reiseführer. "111 Lost Places in der Oberpfalz, die man gesehen haben muss" lautet der Titel des Buches, das vor einem Jahr erschienen ist. Hier kann sie die Wanderschuhe schnüren, statt sich mit Fantasiegestalten herumzuschlagen. Ganz zufällig sind aber auch diese Entdeckungen nicht. "Die Denkmalliste ist da sehr hilfreich", plaudert die Autorin aus dem Nähkästchen, "und manchmal entdeckt man dort eine Perle". Aktuell taucht sie für einen neuen Reiseführer nach Perlen in der mittleren Oberpfalz – und ist ganz unabhängig von der Einladung zur Lesung dabei in Pfreimd gestrandet.

Oberpfalz-Thriller bereits Material für Verfilmung

Weiden in der Oberpfalz
Autorin Sonja Silberhorn verriet bei ihrer Lesung , wie sei auf den historischen Stoff mit lokalem Bezug gestoßen ist.
Info:

Autorin Sonja Silberhorn

  • Krimis: Debüt mit dem 2011 erschienen Regionalkrimi "Herzstich". Es folgten weitere Oberpfalz-Krimis wie "Regenwalzer", Donaugrund", "Mordsdult", "Regenteufel", "Waldlertod", "Naabtalblues" und zuletzt "Höllbachtal" (Emons Verlag) .
  • Reiseführer: "111 Lost Places in der Oberpfalz, die man gesehen haben muss"; ein weiteres Werk in dieser Reihe ist in Arbeit.

"Dieser historische Stoff, das ist auch für mich ein Novum, so weit bin ich noch nie in die Vergangenheit zurückgereist."

Autorin Sonja Silberhorn

Autorin Sonja Silberhorn

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.