12.10.2020 - 12:59 Uhr
PfreimdOberpfalz

Klare Absage an weibliche Dienstgrade

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Der Vorschlag aus dem Verteidigungsministerium, Dienstgrade zu gendern, stößt auch beim Panzerbataillon 104 in Pfreimd auf wenig Gegenliebe. Eine Soldatin äußert sich privat über Gleichberechtigung in der Truppe – und redet Klartext.

Egal, ob Mann oder Frau: Soldatinnen bekommen bei der Bundeswehr keine Sonderbehandlung – auch das ist Gleichberechtigung. Auf der Hindernisbahn in der Pfreimder Oberpfalzkaserne beweisen Hauptgefreite Katrin Ruhland und Stabsfeldwebel Reinhard Jäger gemeinsam sportliche Fitness.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Feldwebelin, Oberstleutnantin, Generalin: Solche weiblichen Dienstgrade gibt es bei der Bundeswehr bislang nicht. Das Verteidigungsministerium in Berlin hat den Vorschlag vom "Dienstgrad-Gendering" nach viel öffentlicher Kritik schnell wieder ad acta gelegt – und das soll auch so bleiben. Dieser Meinung ist Katrin Ruhland, Hauptgefreite im Panzerbataillon 104.

Als stellvertretende Gleichstellungsvertrauensfrau in der Pfreimder Oberpfalzkaserne hat die 28-Jährige von Berufs wegen viel mit Geschlechterfragen zu tun. Zwar darf sie sich gegenüber Oberpfalz-Medien nur als Privatperson äußern, doch ihre Haltung zur Debatte über gegenderte Dienstgrade ist klar: "Geschlechterabhängige Unterschiede sind Unterschiede, die es unter Kameraden nicht geben sollte. Wir tragen alle die gleiche Uniform und leisten den gleichen Dienst. Für mich persönlich ist das unnötig."

Einhellige Meinung unter Frauen

Damit steht die gebürtige Nabburgerin nicht allein. Ruhland hat sich im Kreis ihrer Kameradinnen umgehört. "Keine hat mir berichtet, dass sie für das Gendern wäre." Doch kann die Hauptgefreite dem Vorschlag überhaupt nichts abgewinnen? In Zeiten einer durch die Me-too-Debatte sensibilisierten Gesellschaft dürfen Fragen der Gleichberechtigung auch hinter dem Kasernentor kein Tabu sein. Das jedoch seien sie auch nicht, versichert die Hauptgefreite: "Die Dienstgrade in der Bundeswehr sind zwar männlich, aber es wird ja bei Frauen immer eine weibliche Anrede davorgestellt." Mit einer "Frau Hauptmann" oder "Frau Oberfeldwebel" würde der Gleichberechtigung genüge getan, eine "Hauptfrau" hingegen sei unnötig.

Zudem dürfe die ablehnende Haltung gegenüber dem "Dienstgrad-Gendering" nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die Bundeswehr als Arbeitgeber viel tue, um auch für Frauen attraktiv zu sein. "Ich selber wohne zwar in meiner Privatwohnung in Pfreimd, aber in der Kaserne wird auf gute Unterkünfte geachtet. Es gibt in der Regel Stuben für zwei Personen - Frauen bekommen immer eine eigene Stube. Und die Sanitärbereiche sind natürlich getrennt."

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Nabburg

Frauen-Uniform mit extra Schnitt

Auch für den Fall einer Schwangerschaft ist die Truppe zwanzig Jahre nach der Öffnung ihrer Reihen für Frauen gut gewappnet. Bei einer angehenden Mutter kann der Truppenarzt laut Ruhland die Versetzung in den körperlich schonenderen Innendienst anordnen oder, wenn der Bauch sich zu wölben beginnt, eine sogenannte "Uniform-Tragebefreiung". Unabhängig davon mag die 28-Jährige ihre Uniform. "Es gibt speziell geschnittene Frauen-Uniformen, die besser sitzen. Und ich trage die Uniform sehr gern, weil so muss ich mir morgens nicht extra überlegen, was ich heute anziehe (lacht)." Und wer keine Lust auf Hausarbeit hat, kann seine Dienstbekleidung, von der jeder Soldat mehrere Wechselexemplare besitzt, auch in der Wäscherei abgeben - zwei Tage später haben Männer wie Frauen den Flecktarn-Anzug wieder frisch zurück.

Geschlechterabhängige Unterschiede sollte es unter Kameraden nicht geben – denn wir leisten alle den gleichen Dienst.

Hauptgefreite Katrin Ruhland (28)

Zum Interview mit Oberpfalz-Medien steht Ruhland als stellvertretende Gleichstellungsvertrauensfrau deshalb zur Verfügung, weil ihre Kameradin in Mutterschutz gegangen ist. "Das ist bei uns genauso üblich wie in zivilen Firmen. Auch Männer gehen inzwischen in Elternzeit." In manchen Kasernen, wie in Kümmersbruck, gibt es zudem ein Familienbetreuungszentrum oder einen Kindergarten. "In Pfreimd haben wir das nicht, dafür aber zumindest ein Eltern-Kind-Zimmer für den Fall, dass man das Kind mal zur Arbeit in die Kaserne mitnehmen muss." Auch Homeoffice ist möglich, informiert Ruhland. Im Bundeswehr-Sprech als "mobiler Arbeitsplatz" bezeichnet, ist damit ein speziell verschlüsselter Laptop gemeint, mit dem Soldaten oder Soldatinnen von Zuhause aus arbeiten können – wenn der Vorgesetzte es erlaubt.

Bundeswehr als Männerdomäne

Dass eine gelebte Gleichberechtigung in der Bundeswehr wichtig ist, zeigt der Blick auf die Zahlen. Demnach ist die Truppe nach wie vor eine Männerdomäne. So sind von den laut Bundeswehrangaben 570 Angehörigen des Pfreimder Bataillons lediglich 42 weiblich - ein Anteil von knapp 7,4 Prozent. Mit 29 Soldatinnen dienen die meisten Frauen in der Mannschaftslaufbahn, gefolgt von 12 Unter- und 1 Offizierin.

Zwar kann Ruhland, die sich für acht Jahre als Zeitsoldatin verpflichtet hat, nur für sich und ihre Erfahrungen in Pfreimd sprechen. Doch ihr zufolge scheint die Gleichberechtigung gut zu funktionieren. Die Hauptgefreite sagt: "Ich habe noch nie Diskriminierung als Frau erlebt. Natürlich hört man mal einen blöden Spruch. Aber ich weiß, dass ich bei der Bundeswehr ein dickeres Fell brauche - und ich bin gerne Soldatin."

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Oberpfalz
Hintergrund:

Gleichstellungsvertrauensfrauen in der Bundeswehr

Eine sogenannte Gleichstellungsvertrauensfrau gibt es in jedem Bataillon. Die Soldatinnen werden vom Kommandeur bestellt und dienen als Bindeglied zwischen Soldaten und der Führung. Sie kümmern sich um Beschwerden von Frauen und Männern bei einer Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts, sind aber auch Ansprechpartner bei allen Fragen rund um Teilzeitarbeit, Bürokratie, Mobbing oder (sexueller) Belästigung. Die Vertrauensfrauen unterliegen der Schweigepflicht.

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