09.11.2020 - 15:36 Uhr
PfreimdOberpfalz

Dem Geheimcode auf der Spur: Pfreimd sammelt alte Hausnamen

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Der Berl-Bäck in Pfreimd heißt eigentlich Paulus. Und wer die Metzgerei "Dofferl" im Telefonbuch finden will, sucht vergeblich. Die Aktion "Alte Hausnamen neu aufgelegt" könnte für mehr Durchblick sorgen.

In der Pfreimder Rosengase sind Hausnamen dicht gesät. Elena Kaspar von der Verwaltungsgemeinschaft hofft, dass sich viele Hausbesitzer an der Aktion beteiligen, die ihnen ein kostenloses Schild beschert.
von Monika Bugl Kontakt Profil

"Früher gab es keine Straßennamen, das macht es etwas kompliziert", sagt Elena Kaspar und blättert in der "Bibel" für die Pfreimder Stadtgeschichte, dem historischen Abriss von Karl Stieler und Ludwig Lehner. Mit ein wenig Orientierungssinn kann die Verwaltungsangestellte hier über einen kleinen Lageplan mit Nummern für die einzelnen Häuser im Stadtkern für so ziemlich jedes Exemplar eine kleine Geschichte ans Licht bringen. Hier tauchen Namen auf, die oft wenig mit dem aktuellen Eigentümer und viel mit den Vorfahren zu tun haben: die Hausnamen. Ein Projekt der Lokalen Aktionsgruppe (LAG) will sie jetzt wieder ins Gedächtnis rufen – per Schild.

"Alte Hausnamen neu aufgelegt", nennt sich das Projekt, das auf eine Anregung aus der Bevölkerung zurückgeht. "Hausnamen sind ein Stück Heimatgeschichte, erzeugen Identität und geben rückblickend häufig Auskunft über das Leben im Dorf", heißt es in einem Schreiben des Landrats an die Bürgermeister, die bei ihrer Forschung auf das Wissen der Bürger angewiesen sind. Erster Schritt ist die Erfassung und Aufarbeitung von Rückmeldungen vor Ort. Auf Wunsch werden dann die Schilder mit den Hausnamen und wahlweise einer kurzen Erklärung gedruckt. Die etwa 25 mal 35 Zentimeter großen Acryl-Schilder kosten die stolzen Besitzer geschichtsträchtiger Bauwerke keinen Pfennig, die Finanzierung erfolgt über "Leader"-Mittel und den Landkreis.

Rettung vor dem Vergessen

Wie Dialekt, Trachten und Volksmusik waren auch Hausnamen vor allem in den 1960er, 70er und 80er Jahren nicht mehr standesgemäß, und nicht alle blieben im Gedächtnis oder in Urkunden erhalten. "Deshalb ist es wichtig, dass diese Namen nicht in Vergessenheit geraten, die noch in der Generation unserer Großväter so alltäglich waren" wirbt Landrat Thomas Ebeling in seiner Eigenschaft als LAG-Vorsitzender für die Schilder und ist überzeugt von einer Rückbesinnung: Die jüngere Bevölkerung spreche sich inzwischen wieder mit Hausnamen an, sie würden teilweise sogar die beliebten Spitznamen ersetzen.

Mehr über Hausnamen

"Wir sind da auch viel auf ältere Leute angewiesen, die solche Hausnamen noch kennen", erklärt Elena Kaspar, die als Fachkraft für Tourismus und Marketing mit der Bestandaufnahme betraut ist. Viel profitiert sie dabei vom Wissensschatz des heimatkundlichen und historischen Arbeitskreises "Der Stadtturm". Was die jüngere Bevölkerung vielleicht nur als "früheres Sonnenstudio" in der Landgrafenstraße 5 kennt, mausert sich dank der Recherchen von Helmut Friedl zum ,,Bärenschneiderwastlhaus‘‘, abgeleitet aus dem Familiennamen ,,Bär‘‘, dem Beruf Schneider und den Vornamen Sebastian (Wastl). Dort lebten um 1750 und 1780 zwei Sebastian Schneider. An diesem Beispiel lässt sich aber auch festmachen, dass ein Hausname, wie er im Grundsteuerkataster (vergleichbar mit den heutigen Grundbuch) auftauchte, niemals fix ist. Ab 1909 lebte dort eine Familie Feldbauer, das Gebäude wurde zum "Feldbauerhaus"

"Bei den Hausnamen gibt es kein Richtig oder Falsch", nimmt Kaspar unsicheren Bürgern die Scheu vor einer endgültigen Festlegung, "wir sind da offen, die Hausbesitzer dürfen mitentscheiden". Seit sie mit dem Projekt betraut ist, steht ihr Telefon nicht mehr still. Potenzielle Interessenten gibt es nicht wenige, und die Palette an Hausnamen ist bunt: Sie reicht von einem eher einfachen Melberhaus (Mehlhändler) über ein Striepflhäusl oder ein Schusterhartlhaus bis hin zu einem "Halben Hutdickerlhaus" (Kürschnergasse 6).

Ich finde es wichtig, dass ein Stück Kultur erhalten beleibt – und es kostet ja auch nichts.

Elene Kaspar

Elene Kaspar

"Ich finde es wichtig, dass ein Stück Kultur erhalten beleibt – und es kostet ja auch nichts", ist Kaspar überzeugt. Für die Pfreimder Ortsteile kann sie auf kundige Helfer bauen: Maria Richthammer in Untersteinbach, Sven Ost in Weihern, Hans Zeitler für Hohentreswitz und Pamsendorf und Josef Bartmann in Rappenberg.

Namens-Vaterunser

Im Ortsteil Iffelsdorf gibt es schon mal eine kompakte Sammlung an Namen, verpackt im "Ifflesdorfer Vataunser" (Vaterunser). Da sind die Namen gleich in Reimform aufgelistet: "Beim Stefflbauer ko ma hint e'i schua", heißt es da in der Litanei oder "A guats Backl Towak, sagt d'a Bolag".

"Die Zeit drängt", so die Verwaltungsangestellte mit Blick auf den letzten Tag für die Rückmeldung, den 18. Dezember. "Wenn wir hundert Hausnamen bekommen würden, das wäre schon toll, aber ich bin mir sicher, wir hätten noch viel mehr Potenzial", ist die 22-Jährige überzeugt. Fast hat sie ein wenig Mitleid mit jungen Bauherren ohne geschichtsträchtige Substanz. "Schon traurig, wenn sich da einer im Dorf ein neues Haus hingestellt, für ein Schild kommt er damit leider nicht infrage."

Hintergrund:

Vornamen, Spitznamen und Berufe

Hausnamen sind ein Stück Heimatgeschichte. Sie stiften Identität und geben Auskunft über das leben im Dorf. Anders als Familiennamen waren sie an ein Anwesen gebunden und wurden tradiert, auch wenn der Besitzer längst gewechselt hatte. Bei der Herkunft spielten verschiedene Faktoren eine Rolle. Ausgedient hatten die Hausnamen mit der Einführung von Straßennamen.

  • Vornamen: Häufig waren Vornamen wie Seppl oder Michl für den Hausnamen entscheidend, oft in Kombination mit einem weiteren Merkmal. Der Pfreimder "Dofferl" ist wahrscheinlich auf den Vornamen Christoph zurückzuführen.
  • Beruf: Aussagekräftiger sind berufsbezogene Hausnamen wie Schneider oder Schuster, die häufig mit einem Vornamen kombiniert wurden.
  • Lage: Auch die Umgebung eines Anwesens spielte eine Rolle, beispielsweise bei einem Hausnamen wie Bergbauer.
  • Spitznamen: Mancher Hausname lässt den Schluss auf Eigenschaften eines früheren Besitzers zu, beispielsweise wenn vom "Platterten" die Rede ist.
Dieses 1658 erbaute Haus in der Landgrafenstraße 5 hatte ursprünglich den Hausnamen ,,Bärenschneiderwastlhaus". Der leitet sich ab aus dem Familiennamen Bär, dem Beruf Schneider und den Vornamen Sebastian (bayerische Kurzform Wastl).

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