Mit Kühen und Kaiserschmarrn glücklich

Jedes Jahr im Sommer zieht es Martin Gradl aus Pertolzhofen in die Berge. Für 2020 ist sein achter Einsatz als Senner gebucht. Auf ihn warten 30 Kühe und harte Arbeit. Doch die Monate im Pinzgau will er nicht missen.

Mit der Kuh „Belinda“ auf Du und Du. Martin Gradl liebt es, sich um „seine“ Viecher zu kümmern. 2019 hat er acht Kälbchen auf der Alm aufgezogen. Bild: exb
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Die Heidi-Romantik gibt es auch heute noch: Almbauern und Hirten erleben gemeinsam mit ihren Tieren Abgeschiedenheit und Ruhe. Das schätzt auch Martin Gradl aus Pertolzhofen. Der 27-Jährige ist kein Aussteiger oder "Öko". Aber er genießt es, wenn sich sein Leben von Ende Mai bis Mitte September entschleunigt und sich der Alltag auf die elementarsten Dinge reduziert. Der Bergbach als Badewanne muss es aber trotzdem nicht sein. Martin freut sich, dass der Bauer nach dem dritten Sommer eine Dusche in die Hütte eingebaut hat.

Der Tag beginnt um 5 Uhr

Der Senner aus der Oberpfalz schläft direkt über dem Stall. Vor der Zimmertür lagert das Heu, denn die Tenne wurde nur zum Teil als kleine Wohnung ausgebaut. Den gewohnten Luxus vermisst Martin Gradl nicht: "Man hat so viel zu schauen und zu erkunden." Die Hütte im Wildgerlostal im Pinzgau liegt auf 1490 Metern. Wenn Martin frühmorgens aufsteht, hat er die Zillertaler Alpen im Blick. Doch den Sonnenaufgang kann er nicht lange genießen, denn die Stallzeit mit dem Melken der rund 30 Kühe beginnt bereits um 5 Uhr. "Das Gras ist am Morgen noch frisch. Da sollte die Herde spätestens um 6 Uhr draußen sein." Am Nachmittag sei die Futteraufnahme bei großer Hitze nicht mehr so gut. Während Belinda, Alma, Baroness und Gina genüsslich mampfen, muss Martin deren Hinterlassenschaften im Stall entsorgen und die Liegeboxen einstreuen. Der Stall wurde 2012 umgebaut und hat eine Schwemm-Entmistung und auch einen 1200-Liter-Milchtank mit Kühlung. Beides erleichtert die Arbeit. Die Bio-Heumilch - die Kühe fressen nur Gras und Heu und bekommen kein Silo - wird alle zwei Tage von der Molkerei "Pinzgau-Milch" aus Maishofen abgeholt. "Das ist kein Problem, denn die Passstraße führt direkt bei uns vorbei", erklärt Martin. Er trinkt die Milch am liebsten kalt und frisch aus dem Tank.

Schlüsselerlebnis im Urlaub

Das Know-how, um alleine mit der Herde klar zu kommen, hat Martin Gradl. Nach einer Metzgerlehre hat er die Ausbildung zum Landwirt drangehängt. Er war schon als Bub gerne bei den Tieren, und nachdem die Eltern keinen Bauernhof hatten, half er im Stall der Nachbarn. Der 27-Jährige erinnert sich an ein Schlüsselerlebnis bei einem Südtirol-Urlaub: "Die geführte Almwanderung hat mich fasziniert." Jahre später, beruflich als Betriebshelfer in ganz Bayern unterwegs, motivierte ihn ein Einsatz im Chiemgauer Voralpenland, im Internet nach einer Hütte zu suchen. Er hatte Glück. 2013 probierte er das Senner-Leben aus und war sofort infiziert vom Virus "Alm". Heuer ist es bereits das achte Mal, dass er Ende Mai/Anfang Juni in den Pinzgau startet, um mit "seiner Herde" den Sommer zu verbringen. Ein echter Perspektivwechsel, anstatt die Berge nur am Wochenende zu genießen. "Ich freue mich jetzt schon darauf", bekräftigt Martin Gradl "und wenn es draußen Grün wird, kommt das innerliche Kribbeln".

Wie reagiert die Familie auf diese jährlichen Auszeiten? "Du spinnst!", lautete der erste Kommentar von den Eltern. Sie besuchten den Sohn in den Folgejahren aber ein paar Mal. Der Kontakt wird per Handy gehalten, "Der Empfang ist in den Bergen besser als in Pertolzhofen", sagt Martin lachend. Dort hat er zwar seinen Hauptwohnsitz gemeldet, aber viel zu Hause ist er nicht mehr. Das Winterhalbjahr arbeitet der gelernte Landwirt als Betriebshelfer auf einem Hof in Mittelfranken. Auch dort kümmert er sich lieber um die 90 Kühe im Stall, während der Bauer die Maschinenarbeit im Freien erledigt. "Die Tiere geben dir etwas zurück. Wenn du gut zu ihnen bist, sind sie es auch zu dir." Die ersten Wochen im Pinzgau seien 2013 aber schon eine Herausforderung gewesen, gibt der junge Senner zu. "Denn schließlich laufen die Kühe frei herum und ich wusste nicht, wie sie auf mich reagieren."

Vom Ausdruck "blöde Kuh" hält er nichts. Im Gegenteil. "Es fasziniert mich jedes Mal, wenn ich im Frühling gemeinsam mit den Tieren auf die Alm komme. Denn jede Kuh kennt ihren Platz im Stall noch vom Vorjahr und behauptet sich diesen auch." Wenn sich "Nachbarinnen kennen und mögen", sorge das für eine gewisse Ruhe zwischen den Jungkühen. Zu den schönsten Erlebnissen zählen die Geburten. 2019 hat Martin acht Kälbchen auf der Alm aufgezogen. Er darf auch die Namen aussuchen: modern oder traditionell, aber mit dem Anfangsbuchstaben der Mutter.

Putzen und Kochen

Der Hüttensommer bedeutet jede Menge Arbeit. Der Senner muss die Weiden pflegen und den Wildaufwuchs abschneiden, damit die Wiesen frei von Bäumen und Büschen bleiben. Er muss die Weidezäune kontrollieren und bei Bedarf auf frisches Gras umstecken. Und er muss die Wasserstellen an Quellen und Bächen im Auge behalten. Gegen 16 Uhr kommen die Tiere von der Weide zurück, stehen vorm Stall und wollen gemolken werden. Natürlich wartet auf Martin Gradl auch die Hausarbeit mit Putzen und Essen zubereiten. "Wenn ich Zeit habe, dann koche ich gscheit", betont der 27-Jährige, Käsespätzle und Kaiserschmarrn mache ich öfters und wenn Besuch kommt auch mal Schweinebraten mit Knödel." Regen oder Gewitter sind in den Bergen noch weniger angenehm als im Mittelgebirge. "Aber man braucht auch solche Tage, um wieder Kraft für die Arbeit zu haben."

Die "Freiheit am Berg" lässt Martin seine Freizeit selber einteilen. Bei Wanderungen - die Hütte liegt am Einstieg in eine Bergroute - fühlt er sich als Tourist. Er fährt ab und zu ins Tal nach Mittersill oder Mayrhofen, besucht Freunde oder das Senner-Paar am gegenüberliegenden Ufer des Durlassboden-Stausees, sieben Autominuten entfernt. Schließlich gibt es am Berg weder Computer noch Fernseher. Und auch die Mieter der Ferienwohnung im Anbau kommen nur ab und zu vorbei. Im September holt der Bauer die Tiere im Transportanhänger unspektakulär zurück auf den Hof. Den Almabtrieb mit Publikum zelebriert eine Nachbarhütte. Martin Gradl half hier schon öfters mit und marschierte mit den festlich herausgeputzten Kühen den Berg herunter. Doch jetzt fiebert er erst einmal dem Aufstieg entgegen.

Ich freue mich jetzt schon darauf. Und wenn es draußen Grün wird, kommt das innerliche Kribbeln.

Martin Gradl

Martin Gradl

Die Kühe werden im Stall gemolken. Dazu zieht der junge Senner aus der Oberpfalz gerne die traditionellen Holzschuhe an.
Idyllisch mit Blick auf die Zillertaler Alpen: Die Hütte von Senner Martin Gradl liegt im Wildgerlostal im Pinzgau auf 1500 Meter. Am gegenüberliegenden Ufer des Durlassboden-Stausees gibt es eine weitere bewirtschaftete Alm.
Martin Gradl half schon öfters beim Almabtrieb einer Nachbarhütte.

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