06.06.2019 - 12:30 Uhr
Oberpfalz

Orte ewiger Ruhe

Im 17. Jahrhundert werden die ersten jüdischen Friedhöfe in der Oberpfalz angelegt.

Gräber aus „orthodoxer Zeit“ auf dem jüdischen Friedhof in Sulzbach (Sulzbach-Rosenberg).

Juden lassen sich in der (heutigen) Oberpfalz bis zurück in das Jahr 981 nachweisen. Gesichert sind für das Mittelalter jüdische Gemeinden in Amberg, Cham, Neumarkt und Regensburg, zu vermuten in Schwandorf und Weiden. Wenn auch ohne eigene Gemeinde, so lebten auch in zahlreichen anderen Orten Juden.

Zu einer jüdischen Gemeinde gehört neben einer Synagoge und einer Mikwe (Ritualbad) auch eine Begräbnisstätte. Deren Lage ist seit wenigen Jahren in Regensburg belegt, in den anderen Orten meist nicht einmal mehr zu erahnen. Dabei war es nicht zwingend notwendig, dass jede Gemeinde einen eigenen Friedhof hatte. Häufig, so vor allem in Franken, gab es auch Gemeinschaftsfriedhöfe für mehrere Gemeinden.

Wenn hier von "alten" Friedhöfen geschrieben wird, so sind das solche, die auf die Gemeindegründungen im 16., 17. und 18. Jahrhundert zurückgehen. Zwar nicht mehr zur Oberpfalz gehörend, befindet sich der älteste Friedhof, erstmals erwähnt 1537, in Schnaittach (Landkreis Nürnberger Land). Mit den Orten Forth, Ottensoos und Hüttenbach gehörte Schnaittach, gelegen in der Herrschaft Rothenberg, bis in das 17. Jahrhundert sogenannten Ganerben. Dort ließen sich vor den Pogromen in Nürnberg geflüchtete Juden nieder.

1661/98 verkauften die Ganerben ihre Herrschaft an Bayern. Sie wurde der Oberpfalz zugeschlagen. Mit der Schaffung des modernen Bayern ging die Herrschaft an Franken über. Im 19. Jahrhundert kamen zwei weitere Friedhöfe in Schnaittach hinzu.

Der in der heutigen Oberpfalz älteste jüdische Friedhof befindet sich in Sulzbürg im Landkreis Neumarkt. Sulzbürg gehörte zur Herrschaft Wolfstein. Die Wolfsteiner waren tolerante und auch ökonomisch denkende Herren. Sie erlaubten nicht nur den Exulanten (protestantischen Glaubensflüchtlinge) aus der Steiermark, sondern auch Juden, sich in Sulzbürg niederzulassen. Die Herrschaft starb 1740 aus, Sulzbürg fiel an Bayern.

Schließlich das einst zur Jungen Pfalz gehörende Sulzbach. Mitte des 17. Jahrhunderts regierte hier Herzog Christian August, ein gebildeter, toleranter und ebenfalls an den Vorteil seines Landes denkender Herrscher. 1666 durfte sich der erste Jude, Feustel Bloch, natürlich gegen Schutzgeld, in Sulzbach ansässig machen. Im folgenden Jahr wurde es ihm erlaubt, den Friedhof anzulegen. Nicht ahnend, dass er selbst ein Jahr später der erste hier Bestattete sind wird.

Schließlich erlaubte Christian August den 1684 aus Neustadt/WN, der Herrschaft der Lobkowitzer, vertriebenen Juden die Ansiedlung auf dem Judenberg in Floß, der einst einzigen politisch selbstständigen jüdischen Gemeinde in Altbayern. Von 1692 datiert der älteste Grabstein. Nachdem 1777 der Sulzbacher Herzog Carl Theodor bayerischer Kurfürst und sein Herrschaftsgebiet Bayern zugeschlagen wurde, befanden sich beide Friedhöfe, nun insgesamt vier aus der Zeit des 15. bis 18. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Oberpfalz.

Schließlich weiß man noch von einem ehemaligen Friedhof, erstmals erwähnt 1621, in Neustadt/WN. Seine einstige Lage ist bekannt, jedoch ist ein im Stadtmuseum befindlicher Grabstein aus dem Jahr 1641 (1648?) letztes Relikt dieses Ortes ewiger Ruhe.

Und Regensburg? Wie im übrigen Bayern sollten auch hier, nach der Vertreibung der Juden 1519, keine Menschen mosaischen Glaubens (Jude war, wer der jüdischen Religion angehörte) siedeln. Doch dies sollte sich mit Beginn des Immerwährenden Reichstags Mitte des 16. Jahrhunderts ändern: Die Deputierten, vor allem der Reichserbmarschall, brachten ihre "Hofjuden" gegen den vergeblichen Widerstand der Stadt mit. So lebten bei zunehmender Anzahl nie mehr als 60 bis 80 jüdische Personen in Regensburg. Eine Gemeindegründung wie auch ein Friedhof waren nicht gestattet. Ein jüdischer Leichnam musste meist auf den jüdischen Friedhöfen in Franken bestattet werden. Dies änderte sich erst mit dem Judenedikt von 1813.

So wie es in Altbayern zumindest offiziell keine Lutheraner gab, gab es auch keine Juden. Mit der Schaffung des modernen Bayern wuchsen neben 950 000 Personen protestantischen Glaubens auch 53 000 Juden zu. Und so, wie man die Rechte und Pflichten der Protestanten mit denen der Katholiken auf einen Nenner bringen musste, war es auch mit den Juden und Nichtjuden. So erschien 1813 das sogenannte "Judenedikt". Neben der Gründung von Gemeinden, Schaffung von Synagogen und jüdischen Schulen war es nun Juden auch erlaubt, Friedhöfe anzulegen, dies allerdings beschränkt auf die Orte, in denen bereits Juden lebten.

So entstand im gleichen Jahr der Friedhof in Regensburg. Nach dem Edikt durften dort, wo sich bis dahin keine jüdischen Gemeinden befanden, also zum Beispiel in Amberg oder in Weiden, auch keine Juden siedeln. Damit erübrigte sich in diesen Orten auch die Einrichtung von Friedhöfen. 1861 wurde diese Einschränkung aufgehoben, Juden hatten nun freies Niederlassungsrecht in Bayern. Den Bedürfnissen entsprechend entstanden nun Gemeinden und damit auch Friedhöfe in Amberg (1927 - bis dahin wurden die Verstorbenen meist in Sulzbach beigesetzt), Cham (1889) und Weiden (1901).

Eine Sonderstellung nehmen zahlreiche nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffene Friedhöfe ein, meist nur noch Gedenkstätten, erinnernd an Tausende verstorbene und umgebrachte jüdische Displaced Persons. (ddö)

Ein Teil des ältesten jüdischen Friedhofs in der Oberpfalz in Sulzbürg im Landkreis Neumarkt.
Auf dem alten jüdischen Friedhof in Fürth ist der Rabbiner Israel Wittelshöfer bestattet. Er neigte dem reformierten Judentum zu und war bis 1896 für alle Gemeinden in der Oberpfalz, außer Regensburg, zuständig.
§ 24 des "Edikts vom 10. Juni 1813 über die Verhältnisse der jüdischen Glaubensgenossen im Königreiche Bayern".

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