29.10.2020 - 16:21 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Der Soderer kommt ins Oberviechtacher Wörterbuch

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4500 Dialektwörter sind besprochen. Ludwig Schießl hat begonnen, diese von Karteikarten in Excel-Tabellen zu übertragen. Bis das Oberviechtacher Dialektwörterbuch in Druck gehen wird, werden noch Jahre vergehen. Defizite bleiben dennoch.

Ludwig Schießl arbeitet an einem Dialektwörterbuch für Oberviechtach. Die Wörtersammlung wurde in 20 Jahren von einem Arbeitskreis erarbeitet.
von Irma Held Kontakt Profil

Wie langwierig und aufwendig dieses Wörterbuch-Projekt ist, zeigt Verfasser Ludwig Schießl in einem Gespräch mit Oberpfalz-Medien auf. Der Heimatkundliche Arbeitskreis Oberviechtach hat von 1996 bis 2016 bei 129 Dialektabenden die rund 4500 Wörter besprochen. Das heißt, deren Bedeutung wurde gemeinsam erarbeitet. Ein Anspruch auf Vollständigkeit könne schon deshalb nicht erhoben werden, weil der Bestand in den Köpfen der Menschen gespeichert sei. Und diese Menschen seien die Quellen für den Dialektwortschatz. Schriftlich fixiert ist er auf Karteikarten. Schießls Intention ist von Anfang an, ein Oberviechtacher Wörterbuch herauszugeben.

Wortschatz erhalten

"Es geht darum, den erfassten Wortschatz zu erhalten", nennt Ludwig Schießl die Triebfede für die jahrelange Arbeit. Die Dialektquellen, das heißt die Menschen, sprudeln reichlich, versiegen nicht. "Beim Dialektabend wurden 40 Wörter besprochen und 20 neue kamen dazu", beschreibt der pensionierte Gymnasiallehrer die Arbeitstreffen. "Fällt in einem Gespräch ein Wort oder fällt mir eines ein, schreibe ich es sofort auf." Das geschieht auch bei dem Treffen mit Oberpfalz-Medien. Das Gespräch kommt auf "schöldern" (schellen) für läuten oder klingeln. "Das muss ich mir gleich aufschreiben", sagt Schießl und unterbricht kurz die Unterhaltung. Noch ein weiteres notiert er sich - Flandern, als Charakterisierung für eine Frau, die viel unterwegs ist. Trotz der Fülle an Material werden Defizite bleiben. Da ist sich der 68-Jährige sicher.

Ein Beitrag aus der Kolumne "So sogn mir"

Schwandorf

Ob "schöldern" Eingang ins Wörterbuch finden wird, steht aber noch nicht fest. Nur originäre Ausdrücke werden dort nachzuschlagen sein, das heißt solche, die es in der Standardsprache nicht gibt. Schießl nennt sofort ein Beispiel: "sodern, Soderer, Soderin". Im Hochdeutschen herrscht diesbezüglich Fehlanzeige. Nörgler ist der Oberviechtacher Soderer. Anders verhält es sich, hat er ein weiteres Beispiel parat, mit Schtöl, Stuhl. "Ich kann jedes Wort dialektal sprechen", erklärt Ludwig Schießl. Stuhl fällt durch das hohe Anspruchsraster des Verfassers.

Aufgeteilt nach Sachgruppen

Einige Wörter muss er noch besprechen, doch sei es drum, Ludwig Schießl hat begonnen, die auf Karteikarten festgehaltene Begriffe in Excel-Tabellen zu übertragen. Das ist eine Sisyphusarbeit. Sein Konzept für das Wörterbuch steht. Er systematisiert nach Sachgruppen, beispielsweise als Oberbegriff "Mensch" mit Untergruppe "Der menschliche Körper" sowie als weitere Untergruppe "Kopf". Und da steht dann Glotzer (Auge), Zodl (Haar) und Luser(wàschl) (Ohr) mit entsprechenden Bedeutungserläuterungen. "Ich muss die Wörter aber hinten alphabetisch auflisten, damit sie zu finden sind."

Dialektförderung in der Schule

Deutschland & Welt

Für Ludwig Schießl ist das auf den Raum Oberviechtach bezogene Wörterbuch ein Spiegel der Welt des Dialekts in früherer Zeit. Dieser habe sich oft von einem Dorf zum anderen unterschieden, weil die Menschen nicht mobil waren, weil sie zu einem anderen Pflegeamt oder zu einer anderen Pfarrei gehört haben, die in sich geschlossene Einheiten gebildet hätten. Ursprünglich hat sich Ludwig Schießl vorgenommen, zehn Wörter am Tag einzupflegen. Das ist ein ehrgeiziger Plan und nicht zu halten. "Mittlerweile schaffe ich nicht einmal ein Wort pro Tag." Im Winter hat er sich fünf bis zehn täglich als Ziel gesetzt. Mit 70 wollte er das Projekt abgeschlossen haben und das erste druckfrische Exemplar in Händen halten, lautet mal sein Plan. "Das werde ich sowieso nicht schaffen." Dem 68-Jährigen blieben dafür nur noch zwei Jahre.

Diese Karteikarten mit Bedeutungserklärungen bilden die inhaltliche Grundlage für das Werk.

Der Bestand ist in den Köpfen der Menschen.

Ludwig Schießl

Drüben:

Dialektale Vielfalt

Das standardsprachliche Wort drüben ist für Ludwig Schießl das faszinierendste Wort überhaupt. Es gebe dazu einen Fülle von mundartsprachlichen Varianten. "An der Aussprache eines Menschen weiß ich, wo er herkommt", sagt Schießl. Vorausgesetzt der Sprecher nimmt das Wort drüben in den Mund.

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