20.01.2021 - 10:38 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Ein Oberviechtacher Pfarrer als Rebell gegen das österreichische Kaiserreich

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Er ist eine zwiespältige Figur der Geschichte: Ab 1705 wird der Oberviechtacher Pfarrer Florian von Miller zum Freiheitskämpfer gegen die österreichische Besatzungsmacht. Doch bei Bürgern und Bauern treibt er skrupellos Abgaben ein.

Der kolorierte Kupferstich im Doktor-Eisenbarth- und Stadtmuseum zeigt die Verhaftung Pfarrer von Millers in Cham. Die stattliche Statur des geistlichen Rebellen wird durch Quellenaussagen gestützt.
von Georg LangProfil

315 Jahre ist es her, dass der Aufstand des Geistlichen endete: Am 17. Januar 1706 wurde Pfarrer Florian Sigismund Maximilian von Miller 1706 von österreichischen Soldaten in Cham festgenommen. Zusammen mit anderen Aufständischen wird er nach Straubing überführt.

Der adelige Rebell und Bauernführer, der Ende 1690 schon im Alter von etwas über 20 Jahren die Pfarrstelle in Oberviechtach übertragen bekam, wird einerseits als mutiger Freiheitskämpfer verehrt, erscheint aber andererseits in authentischen Quellen auch als brutaler Eintreiber von Abgaben, die nach seiner Auffassung dem Pfarrherrn zustanden. Anzumerken ist, dass seine Vorgänger im Amt auf diesem Gebiet eher nachlässig waren. Opfer eines besonders gewaltsamen Vorgehens des adeligen Pfarrherrn und seiner Knechte sind der Müller Matthias Schindler von der Steinmühle und der Müller Wolfgang Roth von der „unteren Kefermühl“.

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Oberviechtach

Die Kombination Pfarrer und Kämpfer erschien schon Zeitgenossen verwunderlich und von Miller selbst hielt bei seinem Werbezug um Mitstreiter in den Bayerischen Wald seinen geistlichen Stand geheim. Am 4. Dezember 1705 zieht von Miller zusammen mit seinem Diener Hans Hugler über Schönthal und Neukirchen beim hl. Blut nach Vilshofen. Dort schmiedet er zusammen mit anderen Verschwörern den Plan, die von den Österreichern gehaltene Stadt Cham zu besetzen und damit die vollständige Befreiung der Oberpfalz von der kaiserlich-österreichischen Besatzungsmacht einzuleiten.

Der Verbindungsmann in Cham ist der Wirt „Zum blauen Fürtuch“, Adam Schmidt. Dieser stellt sicher, dass der Oberviechtacher Pfarrer mit seinen etwa 400 Aufständischen in die Stadt gelangen kann. Der Zugang der Anführer erfolgt am Neujahrstag 1706 um 5 Uhr über ein demontiertes Gitter am „Weissen Brauhaus“, das in die Stadtmauer integriert ist und heute noch als denkmalgeschütztes Bauensemble am Regen existiert.

Nach Öffnung des benachbarten Stadttors, genannt "Biertor", gelangen die Aufständischen in die Stadt und überwältigen die Bürgerwache sowie die 68 Soldaten zählende österreichische Garnison. Diese befand sich im Schlaf, im Vertrauen darauf, dass die eingeteilten Chamer Bürger ihre Wachpflicht erfüllen würden.

Die Tage des Sgraffitos an der Fassade des ehemaligen AOK-Gebäudes in Oberviechtach sind gezählt. Kreisheimatpfleger Ludwig Berger unternahm im zurückliegenden Jahr Initiativen, um das Kunstwerk aus den fünfziger Jahren zu erhalten.

Nach der erfolgreichen Übernahme Chams präsentiert sich Pfarrer von Miller als Stadtkommandant und „kurfürstlicher Brigadier“. Mit diesem Titel bezieht er sein Handeln auf den bayerischen Kurfürst Max Emanuel, der sich seit dem Einmarsch der Österreicher im Exil befindet. In seinem neuen Führungsamt fordert von Miller von den umliegenden Pflegämtern Geld und Naturalien für den Unterhalt seiner Truppe. Sowohl bei seinem Werbezug durch den Bayerischen Wald als auch bei der Einnahme Chams ist seine Handlungsfähigkeit allerdings durch ein Gichtleiden eingeschränkt, so dass er Aufgaben auf seinen Stellvertreter Adam Schmidt übertragen muss.

Der militärische Gegenschlag der Österreicher lässt nicht lange auf sich warten. Oberst D' Arnan zieht mit einer Truppe von 2000 Mann aus verschiedenen deutschen Fürstentümern und mit kaiserlichen Freischärlern nach Cham. Nachdem die Rebellen ein Ultimatum auf friedliche Übergabe haben verstreichen lassen, geht die kaiserliche Streitmacht erbarmungslos gegen die Aufständischen vor. Sie werden bei einem Ausbruchversuch und später bei einer weiteren Aktion brutal getötet. Pfarrer von Miller und weitere Anführer werden verhaftet und nach Straubing, dem Sitz der kaiserlichen Administration für Niederbayern, verbracht.

Von Miller wird in der Folgezeit im Schloss Wörth inhaftiert. Dort wird die Ritterstube im dritten Stock des Schlossturms als Gefängnis umgebaut, das dem Häftling von geistlichem Stand und adeliger Abkunft relativ angenehme Haftbedingungen gewährt. Ein Gnadengesuch von Millers lehnt der kaiserliche Hof in Wien Ende 1707 allerdings kategorisch ab.

Der einstige Rebell ist noch bis zum 15. Oktober 1714 in Haft. Ab da taucht in den Rechnungsbüchern der Reichsherrschaft Wörth sein Name nicht mehr auf. Ob er nach seiner dokumentierten Freilassung ins Exil ging oder bei seiner Familie unterkam, ist nicht bekannt.

Eine 1906 errichtete Gedenktafel am Seitenaltar der Stadtpfarrkirche Sankt Jakob in Cham erinnert an die Befreiungskämpfer von 1706.
Hintergrund:

Der Spanische Erbfolgekrieg (1701 bis 1714)

  • Auslöser: Als 1700 der spanische König Karl II. kinderlos starb, erhoben Österreich und Frankreich Erbansprüche auf dieses Weltreich, zu dem zahlreiche Besitzungen in Europa und Übersee gehörten.
  • Verlauf: Bayern, das bis zum plötzlichen Tod des siebenjährigen Kurprinzen dieses Reich erben sollte, schlug sich in der folgenden Auseinandersetzung auf Frankreichs Seite und hatte somit den Nachbarn Österreich zum unerbittlichen Kriegsgegner. Die österreichische Besatzungsmacht unterdrückte die bayerische Bevölkerung und zog auch junge Männer gegen deren Willen zum Militär ein.
  • Doppelter Frieden: Bei zwei Friedensschlüssen 1713 und 1714 endete dieser in Europa und auf den Weltmeeren geführte Krieg mit einem Kompromiss, der Aufteilung des spanischen Reiches.
  • Schrift über den Volksaufstand: Dr. Reiner Reisinger lieferte 2002 in Band 1 der Oberviechtacher Museumsschriften eine aufschlussreiche Monografie zur Geschichte des Volksaufstands unter Führung des streitbaren Pfarrers von Miller. Umfangreiche Vorarbeiten für diese Schrift leistete Edmund Strangl, insbesondere bei der Sichtung der einschlägigen Archivalien.

 

 

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