23.09.2020 - 00:01 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Hochprozentiges Understatement

Whisky, das „flüssige Gold“ – eine Begegnung mit Günter Graf aus Altendorf. Er beschäftigt sich seit 30 Jahren mit dem "Wasser des Lebens".

Mit dem denkmalgeschützten Gasthaus Sorgenfrei bietet der Besitzer Günter Graf ein einzigartiges Ambiente für Whisky-Tastings.
von Autor SLUProfil

Um das Edelmetall Gold ranken sich viele Mythen, und gleichermaßen gilt dies auch für ein Getränk, das als „flüssiges Gold“ bezeichnet wird, nämlich den Whisky bzw. Whiskey. Dass zwei Schreibweisen existieren, liegt darin begründet, dass man dadurch das schottische und kanadische Produkt (Whisky) von dem irischen bzw. amerikanischen (Whiskey) unterscheidet. Seinen Ursprung hat das Wort, das 1736 zum ersten Mal erwähnt wurde und „Wasser des Lebens“ bedeutet, in dem schottisch-gälischen „uisge beatha“ oder in dem irischen „uisce beatha“.

Einer, der sich mit dieser durch Destillation aus Getreidemaische gewonnenen und im Holzfass gereiften Spirituose in allen Facetten auskennt und dafür eine wahre Leidenschaft entwickelt hat, ist Günter Graf aus Altendorf. Mittlerweile ist Whisky für ihn kein Hobby mehr; er ist sein Beruf bzw. – genauer gesagt – seine Berufung.

Die Verbindung zu diesem weltweit bekannten Getränk ergab sich für ihn bereits in seiner Jugendzeit. Als echter Fan von Rat Pack, einer Gruppe von Schauspielern und Entertainern, die aus Frank Sinatra, Sammy Davis Jr., Dean Martin, Joey Bishop, Peter Lawford und Shirley MacLaine bestand, kam es für ihn damals nicht in Frage, Kümmellikör oder Apfelkorn zu trinken, sondern Bourbon. Sein erster Kontakt mit Marken jenseits von „Jim Beam“ ergab sich 1984 während seiner Militärzeit bei mehreren Übungsplatzaufenthalten in Grafenwöhr und Hohenfels. Im Jahr 1989 wurde er bei einem USA-Aufenthalt mit dem breiten Spektrum an Bourbon und Rye-Whisky, aber auch an Scotch und Japanese vertraut. Kurz darauf bekam er eine Flasche Scotch Single Malt geschenkt. Dies beflügelte sein Interesse in der Form, dass er vom reinen Trinken zum Sammeln überging. Die Möglichkeiten, Ende der 80er Jahre in Deutschland Single Malt zu bekommen, waren allerdings eher bescheiden, so dass es unumgänglich war, Kontakte nach Großbritannien zu knüpfen. Diese Verbindungen hat Günter Graf kontinuierlich ausgebaut, und mittlerweile sind daraus zum Teil Freundschaften geworden.

Das Sortiment des Altendorfer Whiskyexperten ist so vielfältig wie anspruchsvoll.

Dass Whisky für Günter Graf auch mehr als 30 Jahre danach noch ein wahres Faszinosum darstellt, merkt man im Gespräch bereits nach kurzer Zeit. Es ist nicht nur der besondere Geschmack dieses Getränks, der die Liebhaber in seinen Bann zieht, es sind auch die Legenden, die damit einhergehen. Sowohl in den Vereinigten Staaten mit ihrer vergleichsweise jungen Whiskey-Historie als auch in Irland und Großbritannien mit einer 1000-jährigen Whisky-Vergangenheit drehen sich unzählige Erzählungen um Schwarzbrenner und andere Freigeister, die es wagten, sich außerhalb der Legalität mit Einfallsreichtum aber auch mit Geschäftssinn und Wagemut den Genussbedürfnissen der Bevölkerung zu verschreiben.

Zu den herausragenden Whiskysorten Günter Grafs, was Geschmack und Preis betrifft, zählen (von links) der japanische Sendai sowie der Port Allen und der Ardbeg, Single Cax aus Schottland.

Günter Graf stellt selbst keinen Whisky her. Dies, so räumt er freimütig ein, solle man denen überlassen, die dieses Handwerk verstünden. Aber er ist weit über seinen Ort hinaus mit seiner Whiskybar bekannt, in der er seine rund 160 Whiskysorten vermarktet, sei es auf Bestellung, sozusagen über den Tresen, bei Tastings, bei einem Dinner, bei einem Whiskyseminar und auf Anfrage für Privatpersonen. Märkte beliefert er nicht. Dabei verfügt Günter Graf, der seine Ware entweder von guten Händlern aus Deutschland und anderen EU-Ländern sowie direkt aus dem Herstellungsland bezieht, über eine vielfältige Angebotspalette. Bei ihm gibt es Whisk(e)y aus den USA, aus Schottland, aus Wales, aus Japan und aus Deutschland. Die Sortenvielfalt spielt sich in den Namen wider: Blended Scotch, Blended Malt, Single Grain, Single Malt, Pure Pot Still, Blended Japanese, Bourbon, Rye und auf Anfrage auch Whiskylikör.

Auch wenn der Whisky in Reinform dem Kenner und Genießer am besten mundet, wird er auch für Mixgetränke verwendet. Die bekanntesten dürften die Cocktailklassiker Manhattan, Old Fashioned oder Sazerac sein.

Eine Spezialität von Günter Graf sind jene Tastings, die er mit einem Vier-Gänge-Menu verbindet, „allen Unkenrufer-Puristen zum Trotz“, wie er betont. Dabei serviert er den Whisky im dünnwandigen Nosing-Glas, um die Handwärme an das Destillat weitergeben zu können. Wenn der Gast es wünscht, das Getränk zu verdünnen, werden auch Wasser und Pipette zur Verfügung gestellt. Und bevorzugt jemand einen schweren Tumbler, dann bekommt er ihn auch. Die Besucherresonanz bezeichnet der Whisky-Experte als gut. Das Publikum ist bunt gemischt.

Ein Keller voller Lebenswasser: Der Whisky-Stollen von Poppenricht

Mit dem denkmalgeschützten Gasthaus Sorgenfrei bietet der Besitzer Günter Graf ein einzigartiges Ambiente für Whisky-Tastings.

Während vor ca. 15 Jahren noch eher die über 30-Jährigen, Männer wie Frauen, ein Whisky-Dinner buchten, sind heute alle Altersgruppen vertreten. Eine Unterscheidung ist allenfalls angebracht in Kategorien wie „Erst-Trinker, Widerholungstäter, Whisky-Kundige und Experten“. Gleichwohl sitzen sie alle friedlich nebeneinander, wie Günter Graf augenzwinkernd anmerkt.

Sein profundes Wissen über Whisky hat sich der Altendorfer in den 35 Jahren, in denen er sich mit der Materie beschäftigt, auf verschiedene Art und Weise erworben. Dazu gehört das Studium der einschlägigen Literatur ebenso wie der der Austausch mit Gleichgesinnten. Jedoch ist die Erfahrung, die er in den Ursprungsländern sammeln konnte, durch nichts zu ersetzen. „Wenn Sie sich in Schottland oder Japan mit einem Master Distiller unterhalten können, bekommen Sie Einblicke, die gibt es sonst nirgends.“, bringt er die Sache auf den Punkt.

Nichts ist so vielfältig

Bei der Antwort auf die Frage, was Whisky im Vergleich zu anderen geistigen Getränken auszeichnet, kommt Günter Graf regelrecht ins Schwärmen: „Ich weiß keine andere Spirituose, die geschmacklich und aromatechnisch so vielfältig wäre wie Whisky. Es gibt Cognac, man sagt, der König der Spirituosen, da ist sicher auch was dran, es gibt Mezcal und Tequila schon seit den Azteken und den Maya, Sochu in Japan gibt es wahrscheinlich schon über 1000 Jahre und unsere Obst-, Korn- und Wurzelbrände entstanden ja auch schon im frühen Mittelalter in unseren Klöstern und sind qualitativ auch alle sehr gut. An die Geschmacksvielfalt von Whisky kommt, meiner Meinung nach, keiner ran, und das Gesetz zur Whiskyherstellung ist eines der schärfsten Lebensmittelgesetze, die es gibt.“

Die Fassade des Gebäudes atmet den Hauch der Geschichte.

Was ist ein guter Whisky? Auf diese Frage folgt ebenfalls eine typische Graf'sche Antwort: „Mir fällt auf Anhieb kein schlechter ein, zumindest in qualitätstechnischer Hinsicht. Geschmack beschreibt jeder für sich selber, und ein schöner rauchiger Islay-Malt, den ich als vortrefflich bezeichne, würde einem Freund von mir die Nackenhaare zu Berg stehen lassen. Allgemein sollte ein Whisky geschmacklich ausbalanciert sein, das heißt, sein Hauptaroma sollte noch Spielraum für Nebenaromen lassen und der ‚Nachklang‘ sollte lang und wohlig sein. Geschmack ist keine Preisfrage, höchstens eine von Erfahrung.“

Über die Gelegenheiten, zu denen man Whisky konsumiert, äußert sich Günter Graf schließlich folgendermaßen: „Whisky passt zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ansonsten passt er sowohl als Aperitif genauso wie als Digestif oder zur Blauen Stunde [= Zeit der Dämmerung nach Sonnenuntergang und vor Eintritt der nächtlichen Dunkelheit, während sich die Sonne etwa 4 bis 8 Grad unterhalb des Horizontes befindet, wegen der besonderen Färbung des Himmels; Anmerkung des Verfassers]. Er ist als Absacker ebenso perfekt wie als Beruhigung nach dem Lesen einer Benachrichtigung vom Finanzamt.“

Der idyllische Hinterhof des Anwesens lädt zum Verweilen ein.

Bescheiden, wie er ist, möchte Günter Graf seinen Wohnort Altendorf nicht als „Whisky-Mekka“ bezeichnen. Das überlässt er lieber anderen. Obwohl er, sieht man von seiner sehr ansprechenden Website einmal ab, keine aktive Werbung betreibt und dies auch in Zukunft nicht vorhat, werden immer wieder Gäste aus ganz Deutschland und auch aus den Nachbarländern auf ihn aufmerksam, etwa aus Berlin, Hamburg, Stuttgart, Jena oder Linz. Da er sich nicht danach erkundigt, wie diese auf ihn gestoßen sind, meint er mit typisch britischem Understatement, dies liege wahrscheinlich am guten Essen seiner Frau, die im Gasthaus Sorgenfrei für die Kulinarik zuständig ist. Nebenbei bemerkt, wurde am 3. Januar 2015 im bayerischen Fernsehen in der Sendung „Unter unserem Himmel“ ein Beitrag über ihn ausgestrahlt.

Goldig in Farbe und Preis

Bleibt noch die Frage, was Günter Graf in Hinblick auf den Whisky mit der Metapher „flüssiges Gold“ assoziiert. Für ihn ergeben sich diesbezüglich zwei Aspekte: Zum einen wird dies durch die Farbe, von strohgelb über satten Bernstein bis dunklen Amber, zum Ausdruck gebracht, und zum anderen spielt die Preisentwicklung eine Rolle. So gibt es gibt Editionen, die sich im Wert verzehnfacht bis verfünfzigfacht haben. In diesem Zusammenhang bedauert Günter Graf den Wechsel vom Bereich des Genusses hin zum Bereich des Investments. Ein guter Bekannter aus London sagte ihm vor drei oder vier Jahren, dass der Preis für Gold wieder fallen werde, der Preis für einen Macallan-Whisky nie mehr. Die Entwicklung gab ihm recht.

Wer mit Günter Graf zu tun hat, der stellt alsbald fest, dass er als einer der besten Whiskykenner Bayerns ein äußerst interessanter Zeitgenosse ist, der es versteht, über das „flüssige Gold“ Kulturhistorie und Hedonismus in Einklang zu bringen.

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