15.02.2021 - 16:11 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Fürs Bier: Der Eisberg im Keller

Wenn die Teiche und Flüsse zugefroren sind, rücken die „Eiserer“ in Niedermurach aus. Bierbrauer und Wirte lagern in speziellen Kellern für die ganzjährige Kühlung Natureis ein: Noch vor 30 Jahren war das so.

Mitarbeiter der Brauerei Pröls bei der "Eisernte" vor 30 Jahren auf einem Niedermuracher Weiher. Mit hakenbewehrten Stangen werden die Eisblöcke zur Verladung an Land gezogen.
von Georg LangProfil

In diesem Jahr hätten die „Eiserer“ ihre helle Freude, denn die aktuell frostigen Temperaturen lassen das Natureis auf Teichen und Seen reifen, das einst für Bierbrauer und Wirte unentbehrlich war. Vor der Erfindung der künstlichen Kühlung durch Carl von Linde nutzte man das Naturprodukt Eis. Bei der winterlichen „Eisernte“ füllten die Brauereien ihre gewaltigen Keller, wo sich das gefrorene Material allmählich zu einem kompakten Eisberg verdichtete.

Auch in Tirschenreuth sägen Arbeiter das Eis in Blöcke

Tirschenreuth

Die ehemalige Brauerei Pröls in Niedermurach lagerte noch vor 30 Jahren viele Fuhren Eis aus nahegelegenen Weihern in dem gut isolierten Stirneiskeller ein, der nicht nur die Bierfässer kühl hielt, sondern auch die gärende Würze bei der Bierherstellung auf die gewünschte Temperatur herunterkühlte.

Bei der Brauerei Betz in Winklarn lieferten der Gemeindeweiher und die gräflichen Teichanlagen den hohen Eisbedarf von mehreren hundert Fuhren jährlich. In Winklarn rückten die Eiserer noch Ende der sechziger Jahre aus. Die beiden riesigen Brauereikeller wurden in dieser Zeit aber nicht mehr mit Pferdefuhrwerken, sondern mit Lastwagen bestückt.

Mit Wasser besprüht

Bei der Schlossbrauerei Fuchsberg ersparte man sich den aufwendigen Transport. Hier errichtete man unmittelbar über den Felsenkellern gewaltige Holzgerüste, die mit Wasser aus der vorbeifließenden Faustnitz besprüht wurden. „Bei einer Länge von etwa 80 Zentimetern wurden die Eiszapfen abgeschlagen und landeten dann direkt im Keller darunter!“, erinnert sich Braumeister Franz Vogl senior an die Praxis der Eisgewinnung bis Mitte der fünfziger Jahre.

Ein Vorteil des Gerüsteises war die Sauberkeit. Das Weihereis war mitunter von Verunreinigungen und Blasen durchsetzt, die den Schmelzprozess während des Jahres beschleunigten. Oberstes Gebot jedes Brauers oder Wirtes war die Ableitung dieses Schmelzwassers, damit der Eisberg an der Basis nicht zusätzlich in Mitleidenschaft gezogen wurde. Im Idealfall war noch bei der nächsten Frostperiode ein Eisrest im Keller vorhanden.

Mir großen Zangen

Neben den Brauereibediensteten wirkten bei der saisonellen Eisarbeit Männer aus dem Dorf mit, die sich als eingespieltes Team während der kalten Jahreszeit ein Zubrot verdienten. Ihre Werkzeuge waren Sägen, Äxte, Stangen und große Eisenzangen. Das Heraussägen oder Herausschlagen der Eisplatten waren erste Arbeitsschritte vor dem Transport zum Keller. Dieser wurde über Holzrutschen bestückt. Im Keller mussten die Platten zerkleinert werden. In der Frühzeit umwickelten sich die Kellerarbeiter die Füße mit Tüchern, um das stundenlange Stehen auf dem frostigen Eis erträglich zu machen. Nach Abschluss der Arbeiten gab es im Brauereigasthof ein zünftiges Essen, bei dem sich der Bräu auch bei der flüssigen Nahrung nicht lumpen ließ.

Das Modell eines Stirneiskellers, wie er einst bei den heimischen Brauereien genutzt wurde.
Mit einer langstieligen Axt werden auf dem zugefrorenen See Eisplatten herausgeschlagen.
Am Holzgerüst der Fuchsberger Schlossbrauerei haben sich durch Besprühen mit Wasser große Eiszapfen gebildet, die abgeschlagen werden.
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