21.09.2020 - 09:10 Uhr
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Mit den Tieren lernen

In der Umweltstation Jugendfarm in Erlangen lernen Kinder und Jugendliche spielerisch die Bedürfnisse von Tieren kennen. Sie entwickeln Verantwortungsbewusstsein und ein Gefühl für Zusammenhänge. Wir haben sie einen Tag lang begleitet.

von Wolfgang Fuchs Kontakt Profil

Cornelius schnalzt mit der Zunge. Aufrecht und selbstsicher führt der Achtjährige das Pony Jerma über den Reitplatz. Dieses folgt ihm wie selbstverständlich. Er gestikuliert. Erklärt den anderen Kindern, worauf es ankommt. "Cornelius ist immer sehr motiviert und total begeistert", sagt dessen Vater und lächelt. "Die Tiere sind ihm das Wichtigste. Am liebsten reitet er." Es ist der letzte Tag des laufenden Ponykurses auf der Umweltstation Jugendfarm Erlangen. Die Kleinen haben viel gelernt in den zurückliegenden Wochen. Das wollen sie ihren Eltern nun auch zeigen.

Tiere haben eine beruhigende Wirkung

Väter und Mütter recken die Köpfe und schießen Erinnerungsbilder. Die Kleinen wissen das und manche sind aufgeregt – aber das wird schon. Mirjam Dressendörfer, die den Kurs leitet, deutet auf das Pony und lacht. "Jerma ist Resilienz in Person." Ist ein Kind unruhig, guckt Jerma lieb. Sie bleibt einfach gelassen. Das färbt ab. Neben Jerma steht das Pony Guus. Das kleine, weißschwarz-gescheckte Pferd wackelt lustig mit den Ohren. Mirjam Dressendörfer lacht: "Tiere haben eine beruhigende Wirkung."

"Das Reiten bereitet den meisten Kindern die größte Freude", sagt Dressendörfer. Aber: "Der Ponykurs ist kein Reitkurs." Das weiß auch die sechsjährige Clara. Mit erhobenem Zeigefinger betont sie: "Wir tun nicht reiten, sondern Pferde kennenlernen." Das heißt: Auch Pflege, Striegeln und Füttern sind ein wesentlicher Bestandteil des Kurses. "Pferde sind Vegetarier", erklärt Clara. Das habe sie im Kurs gelernt.

"Die Kinder sollen ein Gefühl für die Tiere und deren Bedürfnisse entwickeln", sagt Mirjam Dressendörfer. Sie sollen sich langsam herantasten und eine Beziehung zu ihnen aufbauen. Reiten gehöre dazu. Die ersten Male setze sie die Kinder ohne Sattel auf das Pferd. Dann spüren sie es unter sich: die Körperwärme, die Ruhe, die Bewegungen, das Zucken der Muskeln wegen der Mücken, das Schnaufen, wenn sich das Pferd wohl fühlt. "Richtig reiten lernen sie so noch nicht."

Pferde spiegeln den Menschen

Das ist auch nicht das Ziel dieses Kurses. "Pferde spiegeln den Menschen ungefiltert", sagt Mirjam Dressendörfer, die selbst seit 30 Jahren reitet. "Manche Kinder sind zu Beginn der Kurse sehr schüchtern oder unruhig. Manche haben Angst vor den Tieren." Sie deutet auf das Islandpferd Skjanni. Der habe einen ganz eigenen Kopf. Wer ihn führen will, muss souverän sein. "Einmal hatten wir ein sehr schüchternes Mädchen im Kurs. Sie wollte unbedingt Skjanni führen, war aber sehr unsicher und ängstlich." Die Konsequenz: Skjanni blieb einfach stehen und reagierte nicht. Doch das Kind blieb hartnäckig und lernte schnell – nach und nach wurde es ruhiger, sicherer und bestimmter. "Dann hat es auf einmal geklappt. Es macht schon Eindruck auf Kinder, wenn sich solch‘ ein großes Tier plötzlich führen lässt. Das macht stolz."

Tiere kommunizieren über Körpersprache

"Tiere sprechen nicht. Sie kommunizieren über Körpersprache", sagt Petra Rex, Sozialpädagogin und Leiterin des Sozialen Dienstes beim Kreisjugendamt Neustadt/WN auf Nachfrage. Das heißt auch: "Tiere kommunizieren auf einer anderen Ebene als Menschen. Sie wecken tiefe Gefühle." Das Kind spürt deren Hilfsbedürftigkeit und merkt: Ich bin verantwortlich. Kümmert es sich, erntet es Dankbarkeit und Liebe: "Das sieht man schon am Beispiel Haustiere. Ein Hund legt seinen Kopf aufs Knie und schaut lieb. Damit sagt er: Ich mag dich." Das Kind spürt diesen Erfolg und entwickelt Selbstsicherheit, Selbstwert und Zufriedenheit. Egal ob Stadtkind oder vom Lande: "Kontakt mit Tieren ist für alle Kinder gut."

Und überhaupt: "In der Natur erlebt man sich als Teil des Ganzen", sagt Petra Rex. Ganz im Gegensatz zum übermäßigen Medienkonsum daheim, wo Menschen isoliert und mit Kopfhörern auf den Ohren in einen Bildschirm gucken. Die vielfältigen Eindrücke im Freien machen klar: Es gibt mehr im Leben. Kinder entwickeln dadurch ein anderes Verantwortungsgefühl für Zusammenhänge: für Natur, Umweltschutz, Nachhaltigkeit. "Gutes Bewusstsein für Natur und für sich selbst ist wichtig."

Ein Paradies für Kinder und Tiere

Die Freizeit- und Bildungseinrichtung im Erlanger Meilwald scheint dafür genau der richtige Ort zu sein. Ein Paradies für Kinder und Tiere. Hinter dem bunt bemalten Holzzaun des Geländes stehen auf dem Vorplatz Dreiräder, Kinder-Bulldozer, Mini-Schubkarren, kleine Traktoren und Tretroller. Es gibt Gehege, Ställe, ein Biotop, den Reitplatz, einen Spielplatz, das Café Hühnerstall und viel Wald. Ein Huhn läuft herum und gackert. Australian-Shephard-Hündin Amy liegt im Schatten eines Baumes und schnuppert und guckt und lauscht dem Rascheln der Blätter. Schafe und Ziegen spazieren durch ihr Gehege und machen große Augen: Wer weiß, vielleicht kommt gleich einer und krault ein wenig den Kopf? Ein Esel ruft. Pony Guus schaut.

Annie Rivera schwärmt: "Ponys muss man einfach lieben. Die kommen immer zum Begrüßen und wollen gestreichelt werden." Die 23-Jährige kommt aus Honduras, wo sie Maschinenbau studiert. Seit einem knappen Jahr arbeitet sie über den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst ICJA auf der Umweltstation Jugendfarm Erlangen. "Wenn du dich um Tiere kümmerst, geben sie es dir zurück. Vor allem brave Tiere sind sehr beliebt." Besonders schön sei, welch‘ tiefe Verbindung die Kinder zu den Tieren aufbauen. Dabei lernen sie Verantwortung übernehmen und ihre Rolle in einer Gemeinschaft kennen.

Spielen und lernen

So zum Beispiel beim Ponykurs. Bevor zum Abschluss die Eltern kommen, gibt es für die Kinder noch einiges zu erledigen. Mirjam Dressendörfer klatscht in die Hände: "Kinder, um 16 Uhr kommen eure Eltern. Bis dahin müssen wir die Ponys geputzt und die Spaziergehrunde gemacht haben." Auf einem Fenstersims liegt Katze Mimi. Sie döst. Die Gruppe sammelt sich um Jerma und Guus. "Er hat ein Aua gehabt", sagt die sechsjährige Anna. Gemeinsam mit Annie Rivera inspiziert sie Guus‘ Kopf. "Wir haben Honig draufgemacht." Honig wirkt antiseptisch, hat sie gelernt.

Clara kommt hinzu: "Pferde schlafen im Stehen! Weil die sind Fluchttiere. Uuuuuund: Putzen ist wichtig, weil sie schmutzig sind, weil sie sich in der Erde wälzen. Uuuund das Winterfell muss raus. Aber nicht gegen den Strich putzen!" Mirjam Dressendörfer lächelt: "Bei uns lernen die Kinder spielerisch Dinge, die sie wahrscheinlich nie wieder vergessen werden." So sei ihnen einmal aufgefallen, dass Islandpferd Skjanni einen weiß-rot-blauen Trensenzaum trägt, die anderen Ponys dagegen einen schwarzen. Das Geschirr hat die Farben der isländischen Flagge – "zufällig", sagt Dressendörfer. Im Shop habe es eben nur noch dieses Modell gegeben. Aber die Kleinen wissen jetzt: "Skjanni ist Isländer! Die isländische Flagge ist weiß, rot und blau! Weiß steht für das Eis, rot für das Feuer, blau für das Meer." Stolz stemmt Clara ihre Fäuste in die Hüfte und guckt in die Runde. Ja, das hat sie sich gut gemerkt.

Die Eltern sollen stolz sein

Dann macht sich die Gruppe auf den Weg. Die Kinder kennen die Regeln: Nicht hinter dem Pony stehen oder laufen – Immer stehen, nicht hinsetzen – Abstand halten – Zum Gruß immer mit der flachen Hand ans Pferdemaul – Erstmal am Hals streicheln, damit das Pony sieht, dass man da ist, zählen sie auf. Konzentriert und aufmerksam führen die Kinder die beiden Ponys über einen Waldweg. Mirjam Dressendörfer fragt: "Warum führt man ein Pferd immer links?" Die Kinder wissen die Lösung. "Wegen den Rittern!" Die Ritter im Mittelalter trugen ihr Schwert links, erklärt Mirjam Dressendörfer. "Wenn sie es ziehen müssen und das Pferd links geht, tun sie dem armen Tier ja weh. Das wäre doch auch blöd." Die Kleinen nicken.

Als die Kinder von dem kleinen Spaziergang zurückkehren, stehen die Eltern schon bereit. Gleich ist es soweit. Aufgeregt versuchen Cornelius und Clara sich zu erinnern: "Wie war das nochmal? Heu ist getrocknetes Gras. Stroh ist getrocknetes Getreide. Oder andersrum?" Die Eltern sollen stolz sein.

Info:

Kontakt mit Tieren ist für alle Kinder gut

Petra Rex ist Sozialpädagogin und Leiterin des Sozialen Dienstes beim Kreisjugendamt Neustadt/WN. Auf das Konzept der Umweltstation Jugendfarm Erlangen angesprochen, sagt sie: "Kontakt mit Tieren ist für alle Kinder gut, egal ob aus der Stadt oder vom Land. Tiere sind Lebewesen und sprechen nicht – sie kommunizieren über Körpersprache." Das Tier bezeichnet sie dabei als Medium, das in den Kindern Gefühle weckt. Ein gutes Beispiel seien Reitkurse. Der Umgang mit den Tieren helfe, Kontakte und eine Beziehung aufzubauen und Verantwortungsgefühl und Sozialempfinden zu fördern. "Auch bei uns in der Region gibt es zahlreiche reittherapeutische Maßnahmen, zum Beispiel in Weiden." Eine Einrichtung mit solch umfassenden Angeboten wie bei der Jugendfarm in Erlangen gibt es in der nördlichen Oberpfalz nicht.

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