14.05.2021 - 15:00 Uhr
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"Es schwächt mein Selbstvertrauen": Wie sich Frauen beim Erhalt von Dickpics fühlen

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Immer häufiger bekommen Frauen von Männern ungefragt Penis-Fotos geschickt. Drei Oberpfälzerinnen erzählen, wie es ihnen dabei geht - und wie Männer reagieren, wenn man ihnen sagt, dass Dickpics oder obszöne Nachrichten gar nicht gehen.

Wie fühlen sich Frauen, wenn sie Dickpics erhalten? Junge Oberpfälzerinnen erzählen.
von Eva-Maria Hinterberger Kontakt Profil

„Ficken?“, das ist nur eine von vielen Nachrichten, die Sandra in Sozialen Netzwerken von ihr unbekannten Männern bekommen hat. „Die wenigsten Männer schaffen es, überhaupt ein ’Hallo‘ zu schreiben“, erzählt sie. „Es ist, als wäre man Freiwild, sobald man sich einloggt, und die Männer, die Jäger, warten nur darauf, dich zu kriegen."

„Hey Süße, Bock auf Cybersex, Telefonsex oder persönliche Treffen?“, „Biste Single? Lust auf Sex?“, „Schick mal ein paar Nudes.“ Es sind unzählige solcher Nachrichten, die Sandra in den letzten Jahren in ihren virtuellen Postfächern gefunden hat. „Wohlgemerkt keine Erotikportale“, betont sie. Ganz klassische Seiten zum Chatten und Vernetzen mit anderen Menschen. Sandra ist 30 Jahre alt und wohnt im Landkreis Neustadt/WN. Ihren richtigen Namen möchte sie – wie auch alle anderen Frauen, die zu Wort kommen – nicht im Internet lesen. Die Frauen haben Angst vor Gerede im Heimatort – oder dass sich einer der thematisierten Männer provoziert fühlt.

Nacktfotos und erigierte Penisse

Dabei ist Sandra eine von vielen. Fast jede Frau, die im Internet – speziell in Sozialen Netzwerken – unterwegs ist, kennt das Problem: Anzügliche Nachrichten von unbekannten Männern, die unaufgefordert im Postfach landen. Diese Texte zielen nur auf eines ab: den Wunsch nach Geschlechtsverkehr mit der Angeschriebenen. Dies teilen die Männer auf dreiste, obszöne Art und Weise mit. Nicht selten schicken sie Nacktfotos oder Fotos ihrer erigierten Glieder mit. Die Männer überschreiten damit eine Grenze. Das sind keine harmlosen Nachrichten. Es handelt sich um sexuelle Belästigung.

Auch Sandra hat solche Fotos – sie werden Dickpics genannt – bekommen. „Oder Videos, wo Kerle zu sehen sind, während sie sich einen runterholen.“ Nichts, was sie sehen wollte. „Du wirst einfach nicht mehr als Frau wahrgenommen, sondern nur als Objekt, das zur Triebbefriedigung dient.“ Sandras Eindruck: "Die meisten Männer sind auf der Suche nach einer Frau, die willig genug ist, alles ohne Widerrede mit sich machen zu lassen."

"Stell dich nicht so an"

Die 30-Jährige blockiert die Mehrheit der Absender solcher Nachrichten sofort. "Teilweise sage ich ihnen auch die Meinung und frage sie, was das soll", sagt Sandra. Oft antworten die Männer dann aber gar nicht erst noch einmal oder kommen mit Sprüchen wie "Stell dich nicht so an, ist doch nichts Schlimmes dabei". Einer der Schreiber aber hat trotz klarer Ansage nicht aufgehört, ihr ständig Nachrichten zu schreiben. "Er bot mir an, bei ihm einzuziehen und seine Sexsklavin zu werden", blickt die junge Frau zurück.

Das denken Frauen aus der Oberpfalz über Dickpics und anzügliche Nachrichten im Internet.

Als sie nicht auf sein "Angebot" einging - ihn blockierte -, suchte sich der Mann eine andere Möglichkeit, um Sandra zu kontaktieren. "Er hat mich auf Facebook gefunden und mich dort immer wieder mit Nachrichten bombardiert." Und das, obwohl Sandra ihm klar gemacht hatte, dass sie sich in einer Beziehung befindet. "Ich glaube, manche Männer sind so in ihrem ’Wahn‘ gefangen, dass sie gar nicht mehr merken, dass sie Grenzen überschreiten. Vor allem, weil alles online abläuft und sie sich sicher fühlen."

Real "keine große Klappe"

Vor drei Jahren hat sich Sandra dann aber mit einem der Schreiber getroffen. "Würde ich heute nicht mehr machen", sagt sie. Das war schließlich nicht ungefährlich. "Online war er recht derb, aber ich wollte das Gesicht dahinter kennenlernen", fährt sie fort. "Der Kerl lebte in einer abgeranzten Bude mit einem Kumpel und war im realen Leben definitiv niemand, der eine große Klappe hatte." Das Treffen verlief eher schleppend. Nach einem Kaffee fuhr Sandra wieder. "Weil es mir zu blöd wurde und weil ich genug gesehen hatte." Kaum Zu Hause, hatte die damals 27-Jährige auch schon eine Whatsapp-Nachricht von dem Mann. "Er schrieb dann als ’Dank‘ für das Treffen: ’Deine Brüste sind ganz okay!‘"

Auch Andrea, 17 Jahre alt, aus dem Landkreis Neustadt/WN findet immer wieder solche Nachrichten und Fotos in ihren Postfächern auf Facebook und Instagram. "Oft kommt so was wie ’Du siehst geil aus, hast du Bock auf Bildertausch?‘ und dann direkt ein Intimfoto", erzählt sie. Manche Männer schreiben ihr direkt, wie sie sich den Geschlechtsverkehr mit ihr vorstellen oder wie perfekt die Größe ihrer Brüste sei. "In dem Moment bin ich angeekelt. Ich bekomme das Gefühl, dass ich nur als Sexobjekt gut wäre. Es schwächt mein Selbstvertrauen sehr", beschreibt sie ihre Gefühle. Sie mache sich anschließend Gedanken, über die Bilder, die sie von sich im Internet veröffentlicht.

Glaube an Generation verloren

Andrea hat versucht, mit einer Freundin über die Nachrichten zu sprechen: "Sie meinte, ich sei selber schuld, da ich mich wie eine Hure anziehen würde - was nicht der Fall ist. Klar ziehe ich auch gerne mal kürzere Sachen an, aber dann für mich, weil ich mich selbst darin schön fühle." Rückhalt dagegen bekommt Andrea von ihrem besten Freund. "Er hat mir gesagt, dass er das Verhalten von vielen Männern nicht verstehen kann." Ihr bester Freund denkt, diese Männer seien der Meinung, so bei Frauen punkten zu können.

"Ich bin enttäuscht von meiner Generation", sagt Andrea. "Da ist es mittlerweile so gut wie normal, Frauen auf ihren Körper zu reduzieren." Sie hat den Eindruck, dass immer mehr Frauen sich auch selbst auf ihren Körper reduzieren, um Männer zu beeindrucken, "um so ‚den Richtigen‘ zu finden". Für andere Frauen hat sie außerdem eine Nachricht: "Ich möchte Mädels und Frauen dazu ermutigen, den Männern Grenzen zu zeigen. Und auch klipp und klar zu sagen: ’Nein ich möchte so was nicht‘, da viele nicht den Mut dazu haben ’Nein‘ zu sagen."

Nicht einschränken lassen

Unerwünschte Nachrichten von fremden Männern bekommt auch Marie. Die 22-Jährige aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach arbeitet neben ihrem eigentlichen Job als Model. Die Bilder veröffentlicht sie unter anderen auf Instagram. Ihr sei durchaus bewusst, dass sich Männer ihre Bilder - auch wenn sie darauf achtet, dass diese nicht zu erregend wirken - "aus gewissen Gründen anschauen". Deshalb betrachtet Marie die Nachrichten, die sie auf ihre Bilder bekommt, recht nüchtern. "Das berührt mich nicht so. Wenn ich etwas öffentlich ins Internet stelle, muss ich immer damit rechnen, dass Leute Nachrichten schreiben." Sie kann aber verstehen, dass das andere Frauen mehr mitnimmt als sie selbst. Vor allem, wenn diese häufig belästigende Bilder und Nachrichten bekommen.

Durch diese Nachrichten einschränken lassen, welche Bilder sie öffentlich ins Internet stellt, möchte sich die 22-Jährige aber nicht. Für Marie viel wichtiger ist die Meinung von Freund und Familie.

Keine ehrliche Antwort

Nacktfotos oder Fotos in Dessous macht Marie übrigens grundsätzlich nicht. "Ich habe kein Vertrauen in die Fotografen. Auch wenn die Bilder nur für mich sind, die Fotografen haben sie trotzdem auf ihrer Kamera", erklärt Marie. "Vielleicht rührt dieses Misstrauen daher, dass ich schon so viel von anderen gehört habe", schiebt die 22-Jährige nach.

Auch versucht Marie immer wieder herauszufinden, warum die Männer solch übergriffige Nachrichten schreiben. "Ich antworte häufig und frage nach, was diese Männer bewegt, so etwas zu schreiben." Auch sie hat keinen Erfolg. "Oft kommt gar keine Antwort. Oder nur ’Ich will dich kennenlernen’." Marie glaubt nicht, dass das der wirkliche Grund ist. "Da muss doch eine Motivation dahinterstecken?"

Anmache und Provokation

Vielleicht sind es auch nur Männer, die einfach nicht wissen, wie man eine Frau richtig anspricht oder anschreibt? "Ich habe einmal mit einem geschrieben, bei dem das Profil hat vermuten lassen, dass er nicht so viele Chancen bei Frauen hat im realen Leben", erzählt Marie von einer Situation. Dem Mann sei vermutlich einfach nicht bewusst gewesen, wie das rüberkommt, was er schreibt, oder wie viel er schreiben kann, ohne dass er bei einer Frau eine Grenze überschreitet. "Aber bei den Männern, die gleich mit der ersten Nachricht mit solchen Sprüchen anfangen, denke ich das nicht", fasst die 22-Jährige ihre Erfahrungen zusammen. "Das ist Anmache und Provokation." Solche Männer blockiert Marie kommentarlos.

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