16.09.2019 - 15:22 Uhr
OberpfalzOberpfalz

Lokführer: Ein Berufsstand vorm Entgleisen

Wie kann so was passieren: Nach dem Zwischenfall mit einem Zug, der ohne Bremsen durch die halbe Oberpfalz gerollt ist, versucht der Lokführer und Bahnexperte Rainer Fenk zu erklären, was im System schief läuft.

Der Güterzug rollte kurz hinter Nabburg in der Gemeinde Stulln im Landkreis Schwandorf aus.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Wann und wo ist den beiden Lokführern Ende August wohl aufgefallen, dass ihr 1500-Tonnen-Güterzug ohne Bremsen unterwegs ist? Rainer Fenk war als Lokführer lange auf dieser Strecke unterwegs und glaubt die Antwort zu wissen. Der 68-Jährige ist "Bahnerer" durch und durch. Er war über 50 Jahre bei der Deutschen Bahn tätig, anfangs als Lehrling im Ausbesserungswerk in Weiden, zuletzt als Regionalbetriebsratsvorsitzender, Mitglied im Gesamtbetriebsrat und Aufsichtsrat der DB Regio AG.

Vor allem ist Fenk Lokführer mit Leib und Seele, dem "das Herz weh" tut, wenn er von solchen Ereignissen hört. "So etwas darf es nicht geben: Die Sicherheit hatte und hat immer oberste Priorität", sagt der Irchenriether über den Vorfall, bei dem zwei Lokführer zunächst falsch gekuppelt und dann auf die vorgeschriebene Bremsprobe verzichtet hatten. Seit Fenks Zeit auf der Lok hat sich aber viel verändert, aus seiner Sicht praktisch nichts zum Guten.

Rainer Fenk.
Oberpfalz

Kurz vor der Jahrtausendwende habe es mit der Privatisierung und der Öffnung des Marktes für die Wettbewerber begonnen. Qualität spielte plötzlich eine untergeordnete Rolle. "Der günstigste Anbieter hat die Ausschreibung gewonnen." Bald kam der Preisdruck auch bei den Lokführern an. Eine Lokführer-Ausbildung bei der Bahn hat damals noch rund 80 000 DM gekostet. Heute liege der Preis bei den Privaten je nach Standard bei rund 22 000 Euro.

"Bei uns war eine technische Berufsausbildung Voraussetzung", sagt Fenk. Die Ausbildung an der Eisenbahnfachschule mit Vorprüfung zum Bremsbeamten und in der Praxis habe dann nochmals rund drei Jahre gedauert. Der wichtigste Ausbildungsinhalt: Fahrdienst- und Bremsvorschriften, um Pannen wie bei der missglückten Zugkopplung auszuschließen. "Das ist neben der Vorbeifahrt an einem Halt-Signal der größte Verstoß, den ein Lokführer überhaupt begehen kann", sagt Fenk.

Bei den meisten Eisenbahnverkehrsunternehmen sei es heute eher wichtig, dass es schnell geht und wenig kostet. Das passe auch zum heutigen Berufsbild des Lokführers bei vielen Unternehmen: "Das ist nur noch Hebel vor, Hebel zurück", sagt Fenk. Entsprechend sei dann auch die Ausbildung: "Schnell, schnell, schnell." So habe der Beruf an Attraktivität verloren. Was Fenk einst als abwechslungsreiche und erfüllende Tätigkeit, ja als Berufung, kennengelernt hat, sei heute in vielen Bereichen eintönig und monoton. Dazu sei die Entlohnung inzwischen vergleichsweise schlecht. "Mit dem Geld, das ein S-Bahn-Fahrer in München heute verdient, kann man dort eigentlich gar nicht leben." Ihn wundere es deswegen nicht, dass überall Lokführer fehlen. Dazu kommt der unregelmäßige Schichtdienst.

Ausbildung eingedampft

Als Betriebsrat und Gewerkschafter findet Fenk diese Entwicklung schlimm genug. Gefährlich werde es aber, wenn schlechte Ausbildung und Überforderung Menschenleben gefährden. Dass dies beim Vorfall Ende August der Fall war, hält Rainer Fenk für durchaus möglich. Bis einige Wochen vor dem Vorfall habe es auf der Strecke Bauarbeiten gegeben. Fahre ein Zug ungebremst in eine solche Baustelle, sei es sehr wahrscheinlich, dass er entgleist.

Trasse mit engen Kurven

Auch so ist die Trasse durchs enge Waldnaabtal nicht ohne. Kurz vor der Einfahrt in die Bahnhöfe Reuth und Windischeschenbach gebe es enge Kurven, sagt Fenk. "Ich hätte nicht auf der Lok stehen wollen, als sie dort durchgefahren sind." Für den ehemaligen Lokführer sind die angeblich 100 km/h, die der Zug erreicht haben soll, allerdings etwas hoch gegriffen.

Marktredwitz

Dass man die Strecke so kennt, wie Rainer Fenk auch drei Jahre nach seiner Pensionierung, war einst Voraussetzung, um sie als Lokführer befahren zu dürfen. Drei Tag- und drei Nachtfahrten waren Voraussetzung, um eine Strecke als verantwortlicher Lokführer befahren zu dürfen. "Man kannte jeden Baum und jeden Stein." Heute säßen die Lokführer vor einem Bildschirm, um Streckenkenntnis zu erwerben. "Das ist nicht dasselbe", sagt Fenk. Steigung und Gefälle ließen sich so nicht erfahren. Gerade beim "bremsenlosen" Zug spielte das Streckenprofil aber eine Rolle.

Von Schirnding führt die Strecke zunächst leicht bergan nach Marktredwitz, dort beginnt die richtige Steigung bis Pechbrunn. Zugkraft ist erforderlich. Fenk geht davon aus, dass der Zug in Marktredwitz freie Durchfahrt hatte, sonst wäre das Problem schon hier aufgefallen. Ab Kilometer 44, Pechbrunn im Landkreis Tirschenreuth, beginnt das Gefälle, das bis kurz vor Weiden reicht. Erst hier, kurz vor dem geplanten Ziel in Wiesau, ist den beiden Lokführern das Malheur aufgefallen. Noch weitere 65 Kilometer war der Zug ohne Kontrolle bis hinter Nabburg unterwegs - dank gut ausgebildeter Fahrdienstleiter in den Stellwerken zum Glück ohne schlimmere Folgen.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Aktuell und Wissenswert

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.