29.07.2021 - 17:42 Uhr
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Kurzarbeit sei Dank: Weshalb der Oberpfälzer Arbeitsmarkt die Pandemie so gut übersteht

17 Monate Pandemie gingen am Arbeitsmarkt nicht spurlos vorbei. Inzwischen nähern sich die Zahlen aber dem Vorkrisenniveau. Die Leiter der Arbeitsagenturen Weiden und Schwandorf erklären im Interview, warum sich der Arbeitsmarkt so hält.

An der Arbeitslosenquote ist der Beginn der Pandemie kaum zu erkennen, nur die übliche Frühjahrsbelebung fiel 2020 schwächer aus. Warum, das zeigt der große Ausschlag bei den Kurzarbeitern. Statt ihre Mitarbeiter zu entlassen, haben die Unternehmen auf Kurzarbeit gesetzt.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

ONETZ: Frau Grimm, Herr Würdinger, seit bald anderthalb Jahren ist die Corona-Pandemie das große Thema im Land. Zuletzt ging es in der Öffentlichkeit aber kaum mehr um Corona-Effekte auf den Arbeitsmarkt. Ist die Pandemie in der Wirtschaft vorbei?

Silke Grimm: Nein, die Pandemie steckt uns allen noch immer in den Knochen. Es ist aber richtig, dass vom Arbeitsmarkt zuletzt positive Signale kamen. Die Arbeitslosigkeit liegt derzeit 17 Prozent unter dem Niveau von 2020 – allerdings immer noch 20 Prozent über dem Stand vor der Krise.

Thomas Würdinger: Dem kann ich mich anschließen, wobei in der Nordoberpfalz die Effekte der Pandemie noch etwas geringer waren als im Agenturbezirk Schwandorf. Das Jobcenter in Tirschenreuth war eine der wenigen Einheiten, die sogar während der Hochphase der Pandemie die Arbeitslosigkeit unter Hartz-IV-Empfängern abbauen konnte.

ONETZ: Angesichts der Prognosen im April 2020 und der heftigen Eingriffe in die Wirtschaft mit der Schließung ganzer Branchen: Ist es nicht bemerkenswert, wie gut der Arbeitsmarkt mit der Pandemie zurecht kommt?

Thomas Würdinger: Zu Beginn der Krise wurde ein Anstieg der Arbeitslosigkeit um bis zu 50 Prozent vorhergesagt. Es waren dann zum Glück nur 25 Prozent. Wobei der Effekt in der nördlichen Oberpfalz sogar noch etwas geringer war als in anderen Gebieten Deutschlands.

Silke Grimm: Das ist ein positiver Effekt der Kurzarbeit. Ohne dieses Instrument der Agentur für Arbeit sähen die Zahlen bei der Arbeitslosigkeit sicher anders aus.

ONETZ: Sind Sie gar nicht überrascht, dass die Pandemie den Arbeitsmarkt nicht stärker getroffen hat?

Thomas Würdinger: Der Fachkräftemangel spielt hier sicher eine Rolle. Der Arbeitsmarkt in der Region ist besonders von Fachkräften abhängig. Dazu haben wir eine sehr familiär geprägte Unternehmensstruktur. Aus heutiger Sicht ist es nicht überraschend, dass die Unternehmen alles getan haben, um ihre Beschäftigten zu halten.

Silke Grimm:Ich kann das für unseren Bezirk unterstreichen. Die Kurzarbeit hat den Betrieben geholfen. Im April 2020 befanden sich 20 Prozent aller Beschäftigter in Kurzarbeit. Inzwischen ist auch die Nachfrage nach Arbeitskräften wieder stark angestiegen. Sie liegt inzwischen sogar über dem Niveau von 2019.

ONETZ: Man hat den Eindruck, dass der Fachkräftemangel die Pandemie als Hauptproblem in der Wirtschaft abgelöst hat.

Silke Grimm: Wir liegen bei den Arbeitslosenzahlen noch immer deutlich über dem Vorkrisenniveau. Und der Fachkräftemangel war auch während der Krise nie verschwunden. Richtig ist, dass die Zahl der offenen Stellen zuletzt stark angezogen hat.

Thomas Würdinger:Bei der Zahl der offenen Stellen haben wir in Weiden inzwischen sogar ein Allzeithoch. So viele Stellenangebote gab es bei der Agentur für Arbeit in Weiden noch nie, auch nicht vor der Pandemie.

ONETZ: Denken Sie, dass sich der Arbeitsmarkt durch Corona in bestimmten Bereichen dauerhaft verändert hat?

Silke Grimm: Corona hat sicherlich bestimmte Prozesse beschleunigt. Es gab plötzlich auch auf kleine Unternehmen Druck, die Digitalisierung voranzutreiben. Ich denke an Angebote wie "Click an Collect". Viele findige Unternehmen haben sich etwas einfallen lassen, das auch nach der Krise bleiben wird. Klar ist aber auch: Diese Entwicklung gab es bereits vor Corona.

Thomas Würdinger:Das sehe ich ganz genauso: Vieles ging plötzlich schneller, die Entwicklung war aber schon vorher da. Als den großen "Changer" nehme ich die Pandemie nicht wahr.

ONETZ: Wie sieht das bei einzelnen Berufsbildern aus. Würden Sie einem Schulabsolventen oder einer -absolventin heute noch zu einer Lehre im Einzelhandel raten, obwohl sich der Handel immer mehr ins Netz verlagert?

Thomas Würdinger: Der Handel wird mehrdimensionaler, das heißt aber nicht, dass der stationäre Einzelhandel verschwindet. Das gilt schon alleine, weil dazu auch Bereiche wie Bäckereien oder Metzgereien gehören, die kaum ins Netz abwandern können. Sicherlich wird aber zum Beispiel die Ausbildung zum Kaufmann für E-Commerce eine größere Rolle spielen. Aber auch hier gilt: Das ist ein Prozess, den wir schon vor der Pandemie beobachtet haben.

ONETZ: Wird sich die Berufswelt dauerhaft verändern? Bleibt das Homeoffice weiter eine Alternative für so viele Arbeitnehmer?

Silke Grimm: Beim Homeoffice hat sich gezeigt, dass Arbeitnehmer ihre Aufgaben auch erledigen, wenn sie von zu Hause aus arbeiten. Viele Arbeitgeber hatten vorher ihre Zweifel daran. Wir müssen aufpassen, dass wir die vielen guten Ansätze in die Zeit nach der Pandemie mitnehmen. Ich denke zum Beispiel an die Vorteile, die Videokonferenzen bieten können, auch wenn sie persönliche Treffen nie völlig ersetzen.

ONETZ: Wenn Sie auf die künftige Entwicklung blicken. Wie wird sich die Lage am Arbeitsmarkt weiter entwickeln?

Silke Grimm: Das hängt natürlich auch von der Entwicklung der Pandemiesituation ab. Derzeit weisen die Indikatoren auf eine weitere Entspannung hin.

Thomas Würdinger: Wir werden uns bei den Arbeitslosenzahlen weiter dem Vorkrisenniveau annähern. Ganz erreichen werden wir es aber so schnell wohl nicht. Das liegt an einem typischen Kriseneffekt: Unternehmen trennen sich dann von oftmals leistungsgeminderten älteren Arbeitnehmern über 60.Die haben dann oft 24 Monate Anspruch auf Arbeitslosengeld. Die Rückkehr in den Arbeitsmarkt stellt für sie kaum eine Option dar. Das heißt aber nicht, dass wir nicht es nicht dennoch versuchen, schließlich würden viele Unternehmen von der Erfahrung dieser Arbeitnehmer noch immer sehr profitieren.

Corona in Zahlen

Weiden in der Oberpfalz
Info:

Agentur für Arbeit Schwandorf:

  • Vorsitzende der Geschäftsführung: Silke Grimm (seit Juni 2021)
  • Zuständig für die Landkreise Cham, Schwandorf, Amberg-Sulzbach und die Stadt Amberg
  • Außenstellen in Oberviechtach, Cham, Bad Kötzting, Amberg und Sulzbach-Rosenberg
  • Rund 167000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte (Dezember 2020) und 6800 Arbeitslose (Juni 2021).
  • Hoher Anteil bei Industrieunternehmen mit Arbeitsplätzen in Fertigung und Produktion. Viele mittelständige und familiengeführte Unternehmen. Stark bei der Elektrotechnik und Automobilzulieferern.
Info:

Agentur für Arbeit Agenturbezirk Weiden

  • Vorsitzender der Geschäftsführung: Thomas Würdinger (Seit Dezember 2012)
  • Zuständig für die Landkreise Neustadt/WN, Tirschenreuth und die Stadt Weiden
  • Außenstellen in Eschenbach, Vohenstrauß, Tirschenreuth
  • Rund 87000 Beschäftigte (Dezember 2020) und 3950 Arbeitslose (Juni 2021).
  • Vielfältige Struktur am Arbeitsmarkt mit Schwerpunkten in der Fertigung und Produktion. Viele familiengeführte mittelständische Unternehmen mit hoher Nachfrage nach Fachkräften. Eine Ausnahme stellt die Stadt Weiden dar, wo vor allem Handels- und Dienstleistungsunternehmen Arbeitsplätze bieten.
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