04.07.2021 - 17:38 Uhr
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Geglückter Artenschutz: Oberpfalzadler in der Erfolgsspur

Seit Anfang der 2000er Jahre brüten Adler, die "Könige der Lüfte", wieder regelmäßig in der Oberpfalz. Ihre Rückkehr ist eine Erfolgsgeschichte des Artenschutzes in Bayern. Doch es gibt noch viel zu tun.

Der drei Wochen alte Fischadler-Nachwuchs bekommt seinen "Personalausweis". Ein Ring mit einer einmaligen Ziffern-Buchstaben-Kombination wird am rechten Bein des Vogels befestigt. Ein weiterer Ring mit einem Zahlencode kommt ans linke Bein.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Ganz still und flach liegt das Fischadlerküken auf dem Waldboden. Über den Baumwipfeln kreist seine Mutter aufgeregt rufend. Die Menschen weit unter ihr wollen dem Nachwuchs aber nichts Böses. Er bekommt heute lediglich einen "Personalausweis": An zwei Ringen an den Beinen lässt sich künftig erkennen, wo der im Staatsforst "Hessenreuther Wald" nahe Pressath (Kreis Neustadt/WN) geschlüpfte Vogel sein weiteres Leben verbringt.

Beginn auf Truppenübungsplatz

Das allererste nach Bayern zurückgekehrte Fischadlerpaar brütete 1992 auf dem Gebiet des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr. Der ist Luftlinie nur wenige Kilometer entfernt. Als sich im Jahr 2006 die Fischadler auch im Hessenreuther Wald ansiedelten und Junge aufzogen, war das eine kleine Sensation. Eineinhalb Jahrzehnte später brüten bereits 20 Paare in Bayern, die meisten davon in der Oberpfalz. "Der Fischadler braucht große geschlossene Waldgebiete", erklärt Revierförster Hans Frisch, warum es die Vögel in die Region zieht. Zwar habe es in historischer Zeit Brutnachweise gegeben, doch dann sei der Fischadler verschwunden. Die Rückkehr der Greife sei ein Erfolg des Artenschutzes, betont Frisch. Er nennt weitere seltene Vogelarten, die in den Nordoberpfälzer Staatsforsten heimisch sind: Seeadler, Schwarzstorch, Wespenbussard, Baumfalke, Ziegenmelker und Grauspecht.

Artenhilfsprogramme (AHP) für Vögel gibt es in Bayern schon seit den 1980er Jahren. Das Landesamt für Umwelt (LfU) versucht damit, die Bestände gefährdeter Arten zu schützen, pflegen und entwickeln. Alle "Artenhilfsprogramme für gefährdete Vogelarten in Bayern" finden in Abstimmung mit den Naturschutzbehörden und meist in enger Zusammenarbeit mit dem Landesbund für Vogelschutz (LBV) statt. Dabei geht es in erster Linie um den Schutz von ganzen Lebensräumen: Zunächst wird eine sogenannte Leitart ausgewählt, die für eine Lebensraumgesellschaft steht. Passt der Lebensraum, bleibt oder kommt die jeweilige Art meist von selbst. Und mit ihr siedeln sich viele weitere Tier- und Pflanzenarten an.

Streng geheim

Auch im Hessenreuther Wald ist der LBV mit von der Partie. Dessen "Adlerbeauftragter" Paul Baumann ist bis aus Schwarzenfeld angereist. Im Rucksack trägt er sein Handwerkszeug in den Wald. Es geht mitten hinein in die Schwarzbeersträucher, hinweg über abgebrochenes Astwerk und schließlich zwischen jungen Bäumen hindurch bis auf eine kleine Lichtung. Der genaue Ort des Adlerhorstes wird geheim gehalten, um die Vögel vor Nachstellungen zu schützen. Mit von der Partie sind Revierförster Hans Frisch, die beiden Forstanwärter Philipp Müller und Lukas Lederer, der Leiter des Forstbetriebs Schnaittenbach, Philipp Bahnmüller, und der professionelle Baumkletterer Manfred Härtl aus Mitterteich. Denn der Adlerhorst befindet sich in luftiger Höhe. Härtl erklimmt die mindestens 25 Meter hohe Kiefer in atemberaubendem Tempo. Jetzt wird es spannend - wie viele Jungtiere befinden sich wohl im Nest? Es ist nur eines. Härtl setzt es in einen Sack und seilt diesen ab. Adlerexperte Baumann hat inzwischen sein Handwerkszeug ausgepackt: Auf dem Waldboden liegen Waage, Schieblehre, Zollstock, Zangen.

Etwas über zwei Pfund bringt das männliche Adlerküken auf die Waage.

Die Regierung der Oberpfalz koordiniert das Netzwerk der Fisch- und Seeadlerbetreuer im Bezirk und finanziert diverse Hilfsmaßnahmen. Schließlich geht es um zwei "Vorzeigearten im Artenschutz", wie es laut Pressemitteilung heißt. Für die Vögel werden künstliche Nestplattformen errichtet und auch die jährliche Beringung findet unter Federführung der Höheren Naturschutzbehörde statt. Neben den Bayerischen Staatsforsten sind Naturschutzverbände und auf den aktiven Truppenübungsplätzen der Bundesforst sowie die Umweltabteilung der US-Army Partner der Regierung.

In luftiger Höhe

2020 brüteten laut Bezirksregierung in der Oberpfalz mindestens 12 Seeadlerpaare, von denen 11 Paare mindestens 19 Jungvögel hatten - was etwa zwei Dritteln der gesamtbayerischen Population entspricht. Die zwölf Fischadler-Brutpaare zogen insgesamt 33 flügge gewordene Jungvögel auf - "eine erfreuliche Entwicklung des bislang bayernweit bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich in der Oberpfalz brütenden Greifvogels", wie die Bezirksregierung stolz vermerkt. Die Zahlen für die laufende Brutsaison liegen noch nicht abschließend vor, die derzeitige Tendenz lasse aber auf ähnliche Zahlen wie 2020 schließen. "Die Oberpfalz-Adler sind weiter in der Erfolgsspur", lautet das Fazit.

Eine weitere Erfolgsgeschichte schreibt der Weißstorch: Bayernweit ist Zahl der Brutpaare 2020 auf über 750 angewachsen. In der Oberpfalz wurden insgesamt 72 Horstpaare gezählt, heuer dürfte die Zahl sogar noch etwas höher liegen. Die Höhere Naturschutzbehörde an der Regierung der Oberpfalz hilft mit beim Storchenboom: Sie berät zur Neuansiedlung der Vögel und leistet auch finanzielle Unterstützung bei den Nisthilfen.

Gesamtsituation bedenklich

Die Gesamtsituation bei Brutvögeln indes bleibt in Deutschland und Bayern weiterhin kritisch. Das zeigt die kürzlich vorgestellte sechste Fassung der Roten Liste der bedrohten Arten. 43 Prozent der 259 regelmäßig in Deutschland brütenden heimischen Vogelarten mussten neu aufgenommen werden. Somit steht annähernd jede zweite Brutvogelart auf der Roten Liste. 33 oder knapp 13 Prozent der deutschen Brutvogelarten gelten als vom Aussterben bedroht.

"Trotz vielfältiger Schutz- und Erhaltungsmaßnahmen, die von einer großen Zahl von Institutionen, Vereinen und Verbänden, vor allem aber auch einer sehr großen Zahl ehrenamtlich Aktiver umgesetzt werden, ist eine Trendumkehr bislang nicht erkennbar", stellt Dr. Hans-Günther Bauer, Sprecher des Rote Liste Gremiums, fest. Die Liste zeige aber auch, dass sich eine langfristige, kontinuierliche und fachlich fundierte Vogelschutzarbeit lohnt: So konnte der Weißstorch in die "Vorwarnliste" überführt und somit aus der eigentlichen Roten Liste entlassen werden.

Biometrische Daten

Zurück in den Hessenreuther Wald: Der Mann vom LBV runzelt die Stirn, denn der Adlernachwuchs ist relativ klein. "Vielleicht ist das Bein noch zu dünn für den Ring", befürchtet er. Auf die Waage bringt das männliche Küken etwas mehr als zwei Pfund. Neben dem Gewicht werden auch die Länge von Flügeln und Schnabel als "biometrische Daten" erfasst. "27 Millimeter" notiert Paul Baumann als Schnabellänge: "Gestern hatte ich schon einen mit 30." Der Jungvogel sei wohl rund drei Wochen alt. Die Beine sind zum Glück doch für eine Beringung geeignet - ansonsten hätte man die ganze Aktion nochmals wiederholen müssen.

Am Himmel geht es inzwischen hoch her. Zur aufgeregt rufenden und kreisenden Vogelmutter hat sich nun auch der Adlervater gesellt. Er trägt einen Fisch in den Fängen - wohl die erste Mahlzeit des Tages für das Küken, dessen Kropf noch leer ist. Am Boden befestigt Paul Baumann mit routinierten Handgriffen die Ringe an den Beinen des Tieres: rechts einen Ring mit einer Ziffern-Buchstaben-Kombination, die mit einem Spektiv noch aus großer Entfernung gut lesbar ist, und links einen Metallring mit einer Nummer. Diese kann nur gelesen werden, wenn der Vogel gefunden wird - lebendig oder tot. Im Moment allerdings ist alles bestens: "Das Jungtier scheint gesund zu sein", sagt Baumann. "Es macht einen vitalen Eindruck." Mit zwei Ringen an den Beinen kommt das Küken zurück in den Transportsack. Der Mann vom LBV packt zusammen, er hat es eilig: Im nahe gelegenen Revier Kohlberg warten schon die nächsten Oberpfälzer Jungadler auf ihre Beringung.

Adlerexperte Paul Baumann übergibt das Jungtier an Forstanwärter Lukas Lederer. Einen Fischadler hält man schließlich nicht jeden Tag in den Händen.

Über eine durch die Regierung der Oberpfalz geförderte Webcam kann live in die Kinderstube eines Fischadlerpaares geblickt werden:

In diesem Video der Bayerischen Staatsforsten werden Fischadler in Falkenberg beringt.

Hintergrund:

Artenvielfalt in Bayern

Von den Tieren, Pflanzen und Pilzen, die für die Rote Liste der in Bayern gefährdeten Arten untersucht wurden, sind über 40 Prozent bedroht.

  • Etwa 60- bis 62000 Arten leben in Bayern, die meisten in naturbelassenen Wäldern und Feuchtgebieten.
  • Von den Tieren, Pflanzen und Pilzen, die für die Rote Liste der in Bayern gefährdeten Arten untersucht wurden, sind über 40 Prozent bedroht.
  • 5,7 Prozent seiner Tierarten und 3,5 Prozent seiner Pflanzenarten hat Bayern bereits verloren. Alarmierend ist der Rückzug vieler ehemals häufiger Arten aus weiten Landesteilen.

Quelle: Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz

Nicht immer geht es friedlich zu auf den Adlerhorsten.

Eschenbach

 

 

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