29.10.2020 - 18:32 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Wellenbrecher-Lockdown versetzt viele Branchen in Weiden und Neustadt/WN in Angst

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"Niemals", "ein bisschen" oder "sicher doch" haben manche Branchen mit einem neuen Lockdown oder etwas Ähnlichem gerechnet. Nur die Reaktion fällt einmütig aus: Frust. Und der Kommentar: "Ist doch beschissen."

Was soll ich denn noch tun? Kirstin Schäffler achtet in ihrem Kosmetikstudio peinlichst auf Hygiene und ist entsetzt, dass sie jetzt noch mal vier Wochen Corona-Zwangspause einlegen muss.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Wer viel und nah mit Menschen zu tun hat, muss ab Montag gezwungenermaßen kürzertreten. Die Bundesregierung will es so. Die Betroffenen schwanken zwischen Fassungslosigkeit, Fatalismus und Zorn.

  • Die Kosmetikerin

„Wenn jemand aus unserer Branche klagt, ich würde mich anschließen“, seufzt Kirstin Schäffler. Die Windischeschenbacherin betreibt zu Hause ein Kosmetikstudio und wurde vom „Wellenbrecher-Lockdown“ kalt erwischt. „Ich habe eher damit gerechnet, dass noch mal im privaten Bereich Beschränkungen kommen, aber nicht, dass es uns erwischt.“

Das höre sie am Donnerstag auch von Kunden, denen sie reihenweise die Termine streicht. „Die sagen: Reinlicher als bei euch geht es höchstens im OP zu.“ Die Kosmetikerin zählt auf: nur ein Kunde im Studio; Desinfektion von Besteck, Stuhl, Flächen, Türgriffen, Handlauf; einmaliger Gebrauch von Spannbetttüchern pro Kundin; Stirnband und Haarnetz für die Kunden, Handschuhe bei der Arbeit; Wäsche bei mindestens 60 Grad. „Was kann ich denn noch tun?“

Ein Satz, der seit Mittwoch häufig von Kosmetikerinnen zu hören ist. Sie können nicht verstehen, dass sie vier Wochen schließen müssen, Friseure aber weiter ihrem Handwerk nachgehen dürfen.

  • Der Fitnessstudiobesitzer

Florian Meier gehört das Fitnessstudio „Sportakus“ in Eschenbach. Er fragt: „Wo ist die körperliche Notwendigkeit beim Friseur?“ Bei ihm hätten Mitglieder schon geweint, weil sie aussetzen müssen. „Die haben massive Rückenprobleme und waren durch das Training schmerzfrei, aber jetzt haben sie Angst, dass es wieder losgeht.“

Meier wollte sein Angebot zum 11. November auf Reha-Sport erweitern, bezuschusst von den Krankenkassen. „Das kann ich erst mal vergessen.“ Er hoffe, dass die Mehrzahl der Mitglieder auch im Lockdown ihren Monatsbeitrag überweist, „aber gestern haben schon die ersten angerufen oder gemailt, dass sie ihren Vertrag stornieren wollen“. Zugleich laufen Fixkosten weiter: Azubis, Trainer, Putzdienst.

Die Notwendigkeit des Wellenbrechers erschließt sich Meier nicht so ganz: „Schauen Sie mal in die Bundesliga. Es gibt so viele falsche Testergebnisse, aber die fließen alle in die Positivstatistik mit ein.“

Anspruch auf Ausgleichszahlungen hat der Bodybuilder nicht. Sein „Sportakus“-Studio ist Teil einer GmbH, in der Meier auch einen Sicherheitsdienst angemeldet hat, der schwarze Zahlen schreibt. „Also bleib ich auf einem fünfstelligen Betrag sitzen.“

  • Die Hotelchefin

Sonja Schieder führt mit ihrem Mann Michael das Restaurant und Hotel „Goldenes Kreuz“ in Saubersrieth bei Moosbach. Sie schaut Richtung Berlin: „Ich hoffe, dass Frau Merkel den Geldbeutel aufmacht.“ Seit das Virus sich im September zurückgemeldet hat, kämen immer weniger Übernachtungsgäste. Auch Geschäftsreisende ließen sich seltener sehen.

Das wirft neue Probleme auf. „Ich muss vier Azubis sinnvoll beschäftigen. Ich kann sie nicht in Urlaub schicken, weil sie den schon im Frühjahr aufgebraucht haben.“

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Damals fuhr das Land zum ersten mal auf Stand-by herunter. Und wie damals will das „Goldene Kreuz“ einen Abholservice für sein Essen anbieten. Immerhin einen Spareffekt bringt die Novemberschließung, sagt die Chefin: „Wir stecken mitten im Neubau. Da hat mein Mann jetzt Zeit, selbst mit anzupacken.“

  • Der Eventmanager

Tobias Grünes’ Veranstaltungsservice hat im März und April Konzerte und Autokinoabende am Autohof in Neuhaus angeboten. Diesmal wird er das nicht tun. „Da hab ich viel Geld mitbringen müssen.“ Seit dem ersten Lockdown habe er 80 000 Euro Verlust eingefahren.

Ausgerechnet jetzt schwappe der Wellenbrecher über sein Hauptgeschäft, von dem drei Angestellte und einige freie Mitarbeiter leben. „Im Oktober beginnt die Hauptsaison. Ich habe allein sieben bis acht Veranstaltungen mit der Altneihauser Feierwehr absagen müssen.“

Auch stilvolle Weihnachtsfeiern mit Jazzbands gehören zum Metier des Windischeschenbachers. Doch Firmenkunden wie Witron, Sitlog, IGZ und Ziegler winken heuer ab. Zu riskant.

Grünes hofft, dass er wenigstens seine Fixkosten erstattet bekommt. „Sonst überlebt unsere Branche nicht.“ Im November 2019 habe er 35 000 E

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uro Umsatz gemacht, für den November 2020 rechne er mit 358 Euro.

Allzu optimistisch ist er nicht in Sachen staatlicher Überbrückungshilfe. Im zweiten Halbjahr habe er viele Licht- und Toninstallationen vorgenommen, um die ausgefallenen Veranstaltungen zu kompensieren. Statt Lautsprecher und Scheinwerfer zu verleihen, habe er diese Artikel auch verkauft und damit verdient. „Da kann es heißen: zu viel Umsatz. Aber Umsatz heißt nicht Gewinn.“

  • Die Kinobetreiberin

Bis sich entscheidet, wie weit Bund und Land Ausfälle kompensieren, stellt Evelyn Nadler ihr Geschäft um: „Wir liefern jeden Samstag auf Bestellung Popcorn und Nachos nach Hause.“ Snacks also, die normalerweise im Sessel von Nadlers Neue-Welt-Kinocenter in Weiden verputzt werden. „Aber was will man machen? Die Fixkosten laufen weiter, ich muss meine Mitarbeiter jetzt in Kurzarbeit schicken.“ Besonders schmerzhaft: Am 12. November wäre der neue Eberhofer-Kracher „Kaiserschmarrndrama“, der die Frühjahrsverluste aus der Kasse katapultieren sollte, angelaufen.

Die Realität ist weniger lustig als die Niederbayern-Krimis. „Ich hatte die Säle maximal zu 20 Prozent ausgelastet. Drei Plätze links und rechts vom Besucher waren frei, die Reihen davor und dahinter blieben leer. Mehr konnten wir doch gar nicht tun.“

  • Der Stadtwerkeleiter

Stadtwerke-Chef Johann Riedl hätte durchaus mehr tun können, räumt er ein. Zum Beispiel die Thermenwelt früher als am 15. Oktober für das Publikum zu öffnen. Am Montag muss er sie wieder zusperren. „Ich habe mit so was gerechnet. Auf lange Sicht war es richtig, dass wir gewartet haben, auch wenn man mal Prügel kriegt.“

Riedl verweist auf den Eishockeyverein in der Nachbarschaft. „Man hat gesehen, was passiert, wenn sich manche an nichts halten“, spielt er auf einen Infektionsherd auf dem Eis an.

Die Thermenwelt hatte nur schrittweise ihren Betrieb wieder aufgenommen. Erst für Vereine, dann für Schulen, dann für die Öffentlichkeit. Seit Mitte Oktober seien im Schnitt nur zirka 25 Schwimmer pro Tag gekommen, sagt Riedl. „Aber die waren froh, dass sie sich bei uns sicher gefühlt haben. Das zeigen die Reaktionen auf unserer Homepage.“ Das Konzept habe sich auch beim Personaleinsatz bewährt. So hätten einige Kollegen im Sommer als Aufsicht im Stadtbad aushelfen können.

  • Die Tätowiererin

Pamela Kuhn vom Tätowierstudio „Retro Tattoo“ in Grafenwöhr hat den Teil-Lockdown bereits verdaut: „Das kam doch nicht wirklich überraschend.“

Kirstin Schäffler hofft einstweilen, dass sich alle Betroffenen gegenseitig helfen. Sie selbst fängt schon mal an. „Mein Mann und ich gehen heute Abend gleich zu unserem Italiener essen, damit der auch noch mal ein Geschäft macht.“

Termine, die jetzt wegbrechen, kommen nicht wieder.

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