25.04.2021 - 13:05 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Verzweifelter Kampf gegen Vermüllung im Landkreis Neustadt/WN

Fernseher, Bobbycars und sogar eine verrostete BMW Isetta: Was die Leute in der Natur alles entsorgen, ist kaum zu glauben. Ohne freiwillige Helfer, die Jahr für Jahr den Unrat einsammeln, würde die Umwelt wohl bald komplett zugemüllt sein.

Gerade am Straßenrand ist solch ein Müllhaufen leider oft zu finden.
von Thorsten Schreiber Kontakt Profil

Wie schon 2020 hat das Landratsamt Neustadt wegen der Corona-Pandemie auch heuer keine landkreisweite Rama-dama-Aktion organisiert. Doch der Einsatz der Freiwilligen beim Aufräumen in der Natur ist unbezahlbar. "Der Landkreis beziehungsweise die Kommunen reinigen grundsätzlich die Containerstandplätze und lassen von dort größere Abfallablagerungen von Entsorgungsfirmen abfahren", informiert stellvertretender Pressesprecher Marcel Weidner. Doch ohne die Helfer vor Ort könnten die in Wald und Flur verteilten Abfälle "so nicht erfasst werden", bestätigt er.

Unrat überall zu finden

"Außerhalb dieser Rama-dama-Aktion gibt es aber auch ganzjährig Personen, die Abfälle in Wald und Flur finden und entweder über die eigene Restmülltonne oder bei größeren Ablagerungen mit unserer Hilfe (Berechtigungsschein) entsorgen", erklärt Weidner weiter. "Von Restmüll, Sperrmüll, Verpackungen über Bauschutt, Reifen und selten gefährlichen Abfällen wie Altölkanistern ist alles dabei. Uns, den Bauhofmitarbeitern und den Helfern fällt immer wieder auf, dass dies aber alles Abfälle sind, für die es eine Entsorgungsmöglichkeit gibt." Entsorgungs-Schwerpunkte wie Containerplätze, im Straßengraben, im Wald, in freier Natur oder in Gewässern gibt es jedoch nicht. Der Unrat ist innerhalb von Ortschaften und "auch überall in freier Natur" zu finden. Betroffen sind alle Gemeinden und Landstriche.

800 benutzte Einwegspritzen liegen im Wald

Kohlberg

Für den Georgenberger OWV-Vorsitzenden Manfred Janker sind die Umweltsünder ein großes Ärgernis. "Das sind ganz einfach Deppen! Man sollte solche Leute gleich anzeigen", schimpft er. Bei der Burgruine Schellenberg hat der OWV eine Tafel mit der "Warnung vor dem Bergwaldschwein" angebracht. Ein Gedicht soll Ausflügler dazu bringen, ihren Müll wieder mitzunehmen. Ein Bild der Tafel ist auch auf der Facebook-Seite des Zweigvereins zu finden. Es ist bereits über 9100 Mal geteilt worden und hat laut Webmaster Matthias Scheinkönig über eine Million Nutzer erreicht. Sogar ein Fernsehsender ist darauf aufmerksam geworden und will darüber berichten, ergänzt Janker.

"Warnung vor dem Bergwaldschwein"

Georgenberg

Appelle an Vernunft reichen nicht

Der OWV-Chef appelliert auch immer an die Vernunft der Leute, doch das reicht wohl nicht aus. Es zu schaffen, dass es solche freiwilligen Aktionen nicht mehr braucht, scheint nahezu aussichtslos. Das Landratsamt weist mit dem "Abfallkalender, der einmal jährlich an alle Haushalte verteilt wird, Presseinfos unserer Abfall-App und auf unserer Homepage immer wieder auf die Sammel- und Verwertungseinrichtungen wie Müllumladestation, Bauschuttverwertungsanlagen, Grüngutcontainer und -verwerter, Problemmüllsammlungen und die Sammeltermine des Landkreises hin", erklärt stellvertretender Pressesprecher Weidner. "Wir sehen uns die Ablagerungen selbst an und sprechen mit den Bauhofarbeitern der Gemeinden um die Verursacher ausfindig zu machen und Gegenmaßnahmen zu treffen. Können wir die Verursacher ermitteln, machen wir das auch publik. Außerdem stellt das unerlaubte Ablagern von Abfällen eine Ordnungswidrigkeit dar, die mit bis zu 100.000 Euro Bußgeld geahndet werden kann."

Zur weiteren Aufklärung hat die Abfallberatung bei Rama-dama Aktionen und in Schulen "Umweltexpeditionen" organisiert. "Die Teilnehmer erfahren dabei einen spielerischen Zugang zur Natur in der Umgebung des Wohnortes und der Schule. Eingegangen wird in der Aktion auch auf die Probleme von Abfallablagerungen. Eine Schulklasse aus Neustadt hat hierbei einmal eine verrostete BMW Isetta in einem Waldstück gefunden und anschließend geborgen", sagt Weidner.

Auch wenn es heuer keine offizielle Rama-dama-Aktion geben kann, sind dennoch einige Gruppen im Landkreis Neustadt und in Weiden aktiv und haben Müllsammlungen organisiert. Exemplarisch sollen drei aus dem Landkreis hervorgehoben werden:

  • Rama-dama-Challenge in Vohenstrauß

Um trotz der außergewöhnlichen Umstände einen kleinen Beitrag zu einem sauberen Vohenstrauß leisten zu können, haben die Jugendbeauftragten Anna Wutzlhofer und Hannes Gilch eine digitale Rama-dama-Challenge gestartet, bei der es auch etwas zu gewinnen gibt. "Interessierte sollten sich im April einfach eine Stunde Zeit nehmen, eine Mülltüte schnappen und los geht's. Gerne auch in Zweier-Teams beziehungsweise unter Einhaltung der jeweiligen Kontaktbeschränkungen", beschreiben die beiden die Aktion.

Mit einer Mülltüte sollen sich die Teilnehmer an der Rama-dama-Challenge in und um Vohenstrauß auf den Weg machen.

"Freiwillige Helfer sind sehr wichtig, weil es kein Bauhof leisten kann, so flächendeckend wild herumliegenden Müll aufzuspüren und zu entsorgen. Wir als Jugendbeauftragte wollen den Aktionsmonat nutzen, um möglichst viele Menschen, insbesondere Kinder und Jugendliche, zu aktivieren, herumliegenden Müll aufzusammeln. Und natürlich auch ganz allgemein dafür sensibilisieren, dass es wichtig ist, grundsätzlich das ganze Jahr über seine Umwelt sauber zu halten. Und bislang ist das Feedback aus der Bevölkerung echt positiv und total wertschätzend", erklärt Gilch. Er und Wutzlhofer haben auch früher bei solchen Aktionen mitgemacht in der ehemaligen Kreisstadt. "Und eigentlich nimmt man auch beim Wandern was mit, wenn man was sieht."

  • Burgenbezirk der Pfadfinder

Der Burgenbezirk der Pfadfinder, dem die Ortsgruppen in Weiden, Eschenbach, Neuhaus und Windischeschenbach angehören, hat die Aktion bereits hinter sich, berichtet Bezirksvorsitzende Sophia Windschiegl. Mit einem kleinen Wettbewerb wollten die Verantwortlichen "gerade den Jüngeren die Müllproblematik etwas näher bringen". 115 Teilnehmer zwischen 4 und 25 Jahren hatten in 7 Stunden über 170 Säcke Müll gesammelt. Weggeworfen wurde "tatsächlich alles": von der Zigarette und der leeren Flasche bis hin zu Autoreifen. Rund um Windischeschenbach lag der Unrat vor allem in den Straßengräben sowie in der Nähe der Autobahnraststätten und des Gewerbegebiets.

Rund um Windischeschenbach haben die Pfadfinder jede Menge Müll gesammelt und auf Anhänger verladen.

"Als unsere Highlights dieses Jahr würde ich einen Fernseher, ein Bobbycar und alte Turnschuhe bezeichnen." Auch für Windschiegl ist der Einsatz der freiwilligen Helfer sehr wichtig. "Zum einen werden hier auch oft Gebiete ausgewählt, die von den Gemeinden nicht gesäubert werden. Zum Beispiel Waldstücke oder Strecken in den außenliegenden Dörfern. Zum anderen ist besonders für die Kleinen der Lerneffekt, so etwas nicht zu machen, sehr wichtig. Im Stamm Neuhaus gibt es diese Aktion schon seit Jahrzehnten einmal im Jahr in diesem vorgegebenen Zeitraum des Landratsamtes. Da dies jedoch in diesem Jahr durch Corona nicht möglich war und dezentral stattfinden musste wollten wir diese Gelegenheit nutzen und die anderen Stämme einbinden."

Umweltsünder sind unter anderem auch Thema im Trabitzer Gemeinderat

Trabitz
  • Tänzerinnen der SV TuS/DJK Grafenwöhr

20 große Säcke voll mit Müll, darunter Batterien, McDonalds-Tüten, Pizzakartons, Glas, Plastik, Autoteile, Kleidung und gebrauchte Windeln, hatten die Mädchen der Abteilung Tanzen der SV TuS/DJK Grafenwöhr nach ihrer Rama-dama-Aktion zusammengeschnürt. Die weggeworfenen Sachen lagen unter anderem im Stadtgebiet, entlang der Radwege nach Eschenbach und Pressath oder im Josephstal mit dem Dießfurter Weiher. Mitglieder waren auch in Freihung, Dießfurt, Pressath und Weiden unterwegs. Leiterin Tina Neuber war am Ende sehr enttäuscht, "wie viel Müll aus den Autos geworfen wird und im Straßengraben oder auf den Parkplätzen landet".

Die Tänzerinnen der SV TuS/DJK Grafenwöhr haben in der Natur aufgeräumt.

"Das sind ganz einfach Deppen!"

Manfred Janker, Vorsitzender des OWV Georgenberg, über Leute, die ihren Müll in der Natur hinterlassen

Hintergrund:

Bilanz der bislang letzten Rama-dama-Aktion 2019 im Landkreis Neustadt/WN

  • Anzahl der beteiligten Vereine und Schulen: 55
  • Teilnehmer: 1416
  • Abgeleistete Arbeitsstunden: 4160
  • Eingesetzte Fahrzeuge: 88
  • Gesammelte Gesamt-Müllmenge: 19,02 Tonnen
  • Entsorgungskosten für den Landkreis: 2241,30 Euro

Quelle: Landratsamt Neustadt/WN

 

 

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