03.08.2020 - 16:49 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Was ist dran am Gerücht vom verdeckten "Corona-Testkäufer"?

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Vermehrt hört man in der Oberpfalz Geschichten von "Testkäufern", die angeblich ohne Masken in Bäckereien auftauchen - und gigantische Geldstrafen aufbrummen. Stimmt das Gerücht vom "Corona-Testkauf" ohne Mundschutz?

Kontrolleure, die sich als „Testkäufer“ ohne Maske in Läden begeben, um dort fast hinterlistig eine große Euro-Summe als Strafe zu provozieren – davon handelt eine Erzählung, die sich angeblich in Bäckereien in der Oberpfalz so zugetragen haben soll.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Ein Mann möchte zwei Brezen kaufen. Er hat keine Maske dabei. Schließlich überredet er die Bäckereiverkäuferin, trotz Maskenpflicht eintreten zu dürfen - und kauft dann keine zwei Brezen, sondern verhängt eine saftige Strafe. 5000 Euro soll die Bäckerei nun zahlen müssen. Wegen eines Verstoßes gegen Corona-Maßnahmen.

Vertraut man anderen Quellen, soll sich derselbe Vorfall auch in einer Gärtnerei, einem Bekleidungsgeschäft, einer Eisdiele und einem Tante-Emma-Laden in der Region abgespielt haben. Meldungen von angeblichen Infektionsschutzgesetz-Kontrollen in einer Bäckereifiliale und einem Café in Hirschau (hier sei es um ein paar Semmeln gegangen) wurden am vergangenen Freitag von der Polizei überprüft und als Gerücht identifiziert.

Kontrollen obliegen der Polizei

Nun stellt sich die Frage: Gibt es eigentlich Kontrolleure, die sich als "Testkäufer" ohne Maske in Läden begeben, um dort fast hinterlistig eine große Euro-Summe als Strafe zu provozieren?

Wie es aussieht: Nein. Zumindest nicht vonseiten der Oberpfälzer Städte und Kreise. Im Landkreis Neustadt, informiert das Landratsamt, werden Corona-Kontrollen in Handel und Gaststätten in der Regel von der Polizei gemacht. Ebenso in den Landkreisen Amberg-Sulzbach und Tirschenreuth: In der Regel kontrolliert hier die Polizei die Einhaltung der Corona-Regeln. Auch in der Stadt Weiden übernimmt die Polizei die Kontrollen. Die Stadtverwaltung habe "noch kein Personal" für entsprechende Kontrollen, informiert Pressesprecher Norbert Schmieglitz.

Die Corona-Maßnahmen kontrolliert also die Polizei - jedoch nicht verdeckt. Die Beamten, so heißt es von der Oberpfälzer Polizei, seien zwar hauptsächlich für die Einhaltung von Verhaltensregeln, wie zum Beispiel das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung zuständig - und auch Zivilbeamte können entsprechende Kontrollen durchführen. Aber erzählt man dem Oberpfälzer Kriminalhauptkommissar Dmitri Schreiber die Geschichte der "maskenlosen Testkäufer", winkt er schnell ab. "Die Polizei setzt für solche Kontrollen nicht gezielt Undercover-Kontrolleure ein", erklärt der Polizei-Pressesprecher. Eine solche Vorgehensweise wie in der Erzählung könne er für die Polizei zu 99,99 Prozent ausschließen. "Sollte sich solch ein Vorgehen jedoch bestätigen, würde ich ehrlich gesagt eher an eine perfide Betrugsmasche denken, als an ordnungsgemäße Polizeikontrollen."

Hirschau: Nur Gerüchte

Hirschau

Erzählungen aus Unsicherheit

Erzählt man Dr. Manuel Trummer, Privatdozent am Lehrstuhl für Vergleichende Kulturwissenschaft der Universität Regensburg, von dem Gerücht, so ordnet er es schnell als "moderne Sage" ein. Eine solche Sage thematisiere eine relevante Angst, eine grassierende Unsicherheit, erklärt der aus Vilseck stammende Kulturwissenschaftler. "Eine solche Erzählung soll informieren, unterhalten und dabei helfen, die Angst vor einer unbekannten Bedrohung in den individuellen Alltag einzusortieren." Das Virus verunsichere die Menschen, erklärt Trummer. "Die Forschungslage verändert sich fast jeden Tag. Und weil wir nicht wissen, wie wir mit Corona umgehen sollen, entwickeln wir Strategien dafür." Zum Beispiel: Erzählen.

Eine solche Erzählung soll informieren, unterhalten und dabei helfen, die Angst vor einer unbekannten Bedrohung in den individuellen Alltag einzusortieren.

Kulturwissenschaftler Dr. Manuel Trummer

Alternative Fakten boomen

Trummer erinnert an die Achtzigerjahre: Damals kursierten viele solche Erzählungen rund um das Thema Aids. "Der britische Medizinsoziologe Philip Strong fand heraus, dass eine gesundheitliche Epidemie immer auch von einer Informationsepidemie begleitet wird." Im Großen, ordnet Trummer ein, spiegle sich das im aktuellen Boom von Verschwörungstheorien und alternativen Fakten. Im kleinen betreffe dies aber auch Gerüchte wie jenes vom Corona-Kontrolleur.

Um alternativen Fakten nicht auf den Leim zu gehen empfiehlt Trummer: Überprüfen. Also erst bei der Bäckerei nachfragen, bevor man selbst die unwahre Geschichte weiterverbreite.

Hartnäckiges Gerücht

Viel Wirbel um nichts also. Das bestätigen auch die, die angeblich Strafe gezahlt haben sollen: Elisabeth Arnold von der Bäckerei Arnold in Neustadt/WN ist froh, dass die ganze Geschichte nur eine moderne Sage zu sein scheint. Ein Gerücht - dass sich aber hartnäckig hält. Seit zwei Wochen spreche sie Kundschaft darauf an. "5000 Euro - das stünde ja aber auch außerhalb jeglicher Relation." Für sie ist das Bußgeld viel zu hoch angesetzt.

Auf jedenfall habe sie das Gerücht sensibilisiert, sagt sie. Denn die Kunden würden jetzt eher nachlässig. Zu Beginn sei pflichtbewusster mit der Maskenpflicht umgegangen worden, meint sie.

Konkreter Fall nie bestätigt

Auch Andreas Hauer von der Wurzer Bäckerei Hauer hat keine Strafe zahlen müssen. Auch von einer Kontrolle wäre ihm nichts bekannt. Die Gerüchteküche aber brodelt weiter. "Die Geschichte ist von verschiedenen Quellen an mich herangetragen worden. Ich bin gut vernetzt mit Kollegen in ganz Bayern - und solche und andere Coronakontrollen-Gerüchte kursieren mindestens bayernweit", sagt Hauer. Schon zu Beginn der Maskenpflicht habe er immer wieder von solchen Geschichten gehört. "Von Donauries bis Oberfranken - aber ein konkreter Fall hat sich nie bestätigt."

Hintergrund:

Verstöße gegen Corona-Maßnahmen

  • Der Ablauf: Stellt die Polizei einen Verstoß fest, leitet sie bei Bedarf ein Bußgeldverfahren ein. Für die Ahndung der Verstöße sind Kreisverwaltungsbehörden zuständig.
  • Oberpfalzweit: Die Polizei stellte in der gesamten Oberpfalz bislang 10096 Verstöße fest. In 4725 Fällen (Stand 29. Juli) wurde Anzeige erstattet.
  • Häufigste Verstöße: Am häufigsten gegen Corona-Maßnahmen verstoßen worden sei seit März 2020 gegen Kontaktbeschränkungen im privaten und öffentlichen Raum und gegen die Tragepflicht eines Mund-Nasen-Schutzes, informiert ein Sprecher der Oberpfälzer Polizei.
  • Landkreis Neustadt/WN: Die Zahl der mittlerweile eingeleiteten Verfahren bewegt sich im Kreis Neustadt im mittleren dreistelligen Bereich – damit ist der Kreis zahlenmäßiger Spitzenreiter.
  • Landkreis Tirschenreuth: Im Kreis Tirschenreuth wurden von der Polizei bislang drei Verstöße angezeigt, zwei davon eingestellt.
  • Landkreis Amberg-Sulzbach: Im Kreis Amberg-Sulzbach ahndete das Landratsamt bislang 59 Verstöße. Weitere seien noch in Bearbeitung, heißt es.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.