29.03.2020 - 21:05 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Dippold gewinnt Stichwahl in Neustadt/WN

Sebastian Dippold sprachlos, lediglich 50 Stimmen Unterschied zu Armin Aichinger und statt Wahlparty ein Flascherl Bier auf dem Sofa. Wegen der Pandemie konnte nicht einmal die Freundin dem künftigen Bürgermeister gratulieren.

Gruppenbild in Pandemiezeiten mit dem künftigen Neustädter Bürgermeister Sebastian Dippold vor seinem Amtssitz.
von Uwe Ibl Kontakt Profil

Im ersten der beiden Wahllokale lag CSU-Mann Aichinger noch mit 35 Stimmen in Front. Das zweite Ergebnis dauerte. Dann die Überraschung: Dippold holte auf, überholte und bekam von Bürgermeister Rupert Troppmann den zweiten Blumenstrauß seines Lebens überreicht.

„Ja“ und „Nein“, schwankt der frischgekürte Rathauschef bei der Frage, ob er an den Erfolg geglaubt habe. „Vor dem 15. März haben wir gesagt: ‚es ist alles offen‘ – fifty-fifty.“ Acht Prozentpunkte Unterschied waren nicht die Welt. „Sicher war ich mir aber nie.“

Er fühle sich wie 2007, als er mit einem Kumpel den Pokalsieg des Clubs im Altenstädter Sportheim gesehen habe. Zu zweit seien sie nach dem Abpfiff ganz still dagesessen. Ähnlich am Stichwahlsonntag. „Ich habe es noch nicht umrissen, dass sich die viele Arbeit ausgezahlt hat.“

„Auf gute Zusammenarbeit“ hatte zuvor Aichinger mit frisch desinfizierten Händen dem SPD-Kontrahenten gratuliert. Einfach wird die Führung der Stadt nicht, schaut man die Mehrheitsverhältnisse mit 8 Sitzen der CSU, 5 der Freien Wählern und 7 von Dippolds Sozialdemokraten. Gerhard Steiner von den Freien Wählern, der es nicht bis in die Stichwahl geschafft hatte, sprach am Telefon von einer Überraschung, aber auch von Unterstützung, damit ihm die ersten Tage leichter fallen. „Ich finde es klasse, dass junge Leute, die Verantwortung übernehmen wollen, zum Zuge kommen.“

„Maßlos enttäuscht“ über die Niederlage des CSU-Kandidaten ist der scheidende Bürgermeister Rupert Troppmann. Dippold wünschte er dennoch stets eine glückliche Hand, um Neustadt in eine gute Zukunft zu führen.

„Stichwahlen haben ihre eigenen Gesetze“, bemühte auch Aichinger einen Vergleich zum DFB-Pokal im Fußball. Ja, er sei enttäuscht und er müsse die Niederlage ebenso wie viele, die im Hintergrund mitgearbeitet hatten, verdauen. „Der Wahlkampf hat gezeigt, dass alle drei Parteien sich um die gleichen Probleme Neustadts gekümmert haben.“ Die Herangehensweise an die Themen werde unterschiedlich sein. „Letztlich wird der Haushalt beschränken, was machbar ist. Im Vordergrund steht, dass wir gemeinsam für Neustadt arbeiten.“

Von einer knappen Entscheidung nach relativ fairem Wahlkampf sprach CSU-Fraktionschef Joe Arnold. Die nächsten Jahre würden schwierig werden, weil das Geld nicht mehr so fließen werde. „Dazu ist kompetente Zusammenarbeit der Räte wichtig.“ Seinem SPD-Kollegen war selbst durch den Mundschutz die Freude anzusehen. „Ich hoffe auf gute Zusammenarbeit im Stadtrat, um mit guten Ideen das beste für die Stadt zu erreichen.“

Stolz sei die Familie auf den Vater trotz der knappen Niederlage. sagte Aichingers Sohn Jan. „Wir trinken jetzt Sekt darauf, dass der Wahkampf vorbei“, kündigte Ehefrau Kerstin für den Abend im Hause Aichinger an.

Der Gewinner verließ das Rathaus alleine, traf davor einen Freund, der ihm per Kick mit dem Fuß gratulierte. Freundin Julia Bredernitz saß derweil in Regensburg. „Ich hätte nie rechtfertigen können, warum sie trotz Ausgangssperre hierher fährt“, sagte er und machte sich auf den roten Socken – andere hat Neustadts künftiger Bürgermeister nur zwei Paar für die Feuerwehr – auf nach Hause. Sekt stand dort keiner kalt. „Ich mache mir ein Flosser Bier auf und beantworte Nachrichten und werde etwas telefonieren.“

Mit einem Blumenstrauß geht Bürgermeister Rupert Troppmann durchs Rathaus ins Foyer, um den beiden Kandidaten das Ergebnis der Stichwahl zu verkünden.
Kommentar:

Wechsel hat Tradition

Neustadt hat Kontinuität gewählt. Noch nie nach dem Krieg hat eine Partei bei einem Personalwechsel des Bürgermeisters das Amt verteidigen können. Vor dem Urnengang am 15. März galt Gerhard Steiner trotz erwarteten knappen Ausgangs als heimlicher Favorit, wenn, ja wenn er es in die Stichwahl schafft. Dass ist ihm nicht gelungen.
Klar war deshalb, dass sich die Neustädter nicht für eine Übergangsperiode entscheiden, nicht dafür, dass Sebastian Dippold, der jüngere der beiden Mitbewerber noch etwas Erfahrung sammeln sollte. Nein sie wollten ein Stadtoberhaupt dass potenziell längerfristig die Geschicke der Kreisstadt lenkt.
Auch wenn es so aussieht, als herrsche für längere Zeit Beständigkeit im Neustädter Rathaus, sollte Sebastian Dippold sich nicht auf diese Vermutung verlassen. Um eine Ära zu begründen, wird Dippold die Angebote zur Zusammenarbeit nutzen, mit wachem Auge Anregungen von anderer Seite erkennen und sie da aufnehmen müssen, wo es dem Wohl der Stadt dient.

Uwe Ibl

Bürgermeister Rupert Troppmann (rechts) desinfiziert sich erst die Hände und gratuliert dann Sebastian Dippold zum Gewinn der Stichwahl.
Armin Aichinger (links) unterliegt mit nur 50 Stimmen Sebastian Dippold in der Stichwahl in Neustadt/WN.
Stimmenauszählung im Sitzungszimmer.
Stimmenauszählung zur Stichwahl.
Stimmenauszählung zur Stichwahl.

Der Weg zur Stichwahl:

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