07.07.2020 - 10:04 Uhr
Neustadt am KulmOberpfalz

Altes Fundament gibt Rätsel auf

Der Marktplatz von Neustadt am Kulm ist momentan eine große Baustelle: Der neue Regenwasserkanal wird dort verlegt. Dabei befördern die Bagger immer wieder etwas Interessantes zu Tage.

Bei Baggerarbeiten des Kanalprojekts wird westlich des Rathauses der Kulmstadt ein Fundament entdeckt. Vermutlich stammt dieses vom Alten Rathaus, das wahrscheinlich bereits schon vor 1611 erbaut und das 1945 bei einem Luftangriff der Amerikaner zerstört wurde. Im Graben reinigt eine Archäologin vom Büro Scherbaum die Fundamentsteine. Am Grabenrand erläutert der Hobbyheimatforscher Georg Miedel (rechts) Bürgermeister Wolfgang Haberberger (links) seine Theorie zum Alten Rathaus.
von Autor OWProfil

In der Kulmstadt wird ein neuer Regenwasserkanal verlegt. Wegen der vermuteten Bodendenkmäler im historischen Stadtkern leitet die archäologische Grabungsfirma Jochen Scherbaum aus Bamberg die Grabungsarbeiten des Kanalprojekts. Im Bereich der Holleslohe und am Unteren Tor wurden Teile der Stadtmauer bereits dokumentiert. Auch an der Trasse auf der Sommerseite westlich vom Rathaus arbeitete die Baufirma. Wie von den Archäologen vermutet, stießen sie entlang der Grünanlage auf ein Sandsteinfundament.

In diesem Bereich hatte das alte Rathaus von vor 1654 gestanden, das am 19. April 1945 bei einem Luftangriff der Amerikaner zerstört wurde. Bei diesem Schicksalsschlag für der Kulmstadt wurde der bis dahin fast noch historisch vollständig erhaltene Stadtkern und das spätgotische Untere Stadttor zerstört. Wenig später wurde die Ruine abgebrochen und an dieser Stelle eine Grünanlage angelegt. Das Alte Rathaus war ein dreigeschossiger Giebelbau mit Dachreitern und gotisch profilierten Fenstern. Interessant ist, dass am Westgiebel die Jahreszahl 1611 eingemeißelt war und am Ostgiebel die Jahreszahl 1654.

Erst mit Urkataster abgleichen

Für Archäologe Jochen Scherbaum ist es noch nicht sicher, dass dieses Fundament des Rathauses aus dem Jahr 1654 stammt – es könnte auch älter sein. Dort könnte ein Funktionsgebäude der Stadt gestanden haben. Als Beispiel nannte Scherbaum eine Markthalle, eine Fleischbank oder ein Zeughaus. Das Alte Rathaus hatte seiner Meinung nach weiter westlich gestanden. Die Lage wird mit dem Urkataster abgeglichen, erst dann kann eine genauere Aussage getroffen werden.

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Die Archäologen dokumentieren die Steine des Fundaments und nehmen sie dann heraus, so dass der Kanal wie geplant an dieser Stelle verlegt werden kann. "Dokumentieren" heißt in der Sprache der Archäologen "sauber freilegen, fotografieren und aufmessen" und in diesem Fall „kontrolliert abbauen“. Beim Herausnehmen wird überprüft, ob sich zwischen den Steinen noch Scherben oder andere Fundstücke befinden.

Neben einigen interessierten Bürgern ließ sich der Hobbyheimatforscher Georg Miedel diese Gelegenheit nicht entgehen, einen Blick auf die Historie seiner Heimatstadt zu werfen. Er hat seine eigene Theorie zum Alten Rathaus. Er vermutet, dass es vor dem Rathaus von 1654 schon ein früheres Rathaus gab. Es müsste um etwa 1600 erbaut worden sein. Wahrscheinlich wurden hierfür Steine von den Burgen vom Rauhen und vom Schlechten Kulm mit verwendet.

Westgiebel bleibt verschont

Diese Burgen wurden 1554 von den Nürnbergern zerstört. Im 30-jährigen Krieg wurde Neustadt im Jahre 1633 fast völlig in Schutt und Asche gelegt. Auch dieses erste Rathaus wäre dabei ebenso zerstört worden. Nur der Westgiebel mit der Inschrift 1611 überlebte den Feuersturm. Nach dem Wiederaufbau 1654 wurde diese Jahreszahl im Ostgiebel verewigt. Die Rathäuser dieser Zeit wurden in der Regel so gebaut, dass man über Außentreppen zu den höher gelegenen Saalgeschossen gelangte. Die oberen Geschosse galten, schon weil der Zugang leichter zu kontrollieren war, als die privilegierteren und dienten weniger zu profanen Nutzungen wie etwa Verkaufsveranstaltungen als mehr zu repräsentativen und politischen Ratsveranstaltungen.

Das bestätigen auch alte Beschreibungen. Es waren tatsächlich Markstände, Fleischbänke, Räume zum Lagern von Feuerlöschgeräten und eine Rüstkammer, sowie eine Arrestzelle und an der Ostseite auch ein Pranger angebracht. Im ersten Stockwerk war ein großer Versammlungssaal, der auch als Tanzsaal und für Festlichkeiten genutzt worden war. Wichtig war zur damaligen Zeit auch ein Rathausturm. Er war der Träger der Rats- und der Alarmglocke. Wo es einen solchen nicht gab, übernahm der Turm der Pfarrkirche diese Funktion. Mancherorts beherbergte der Rathausturm die einzige öffentliche Uhr der Stadt.

Ein Bild vom Alten Rathaus aus dem Jahre 1928. Am Westgiebel war die Jahreszahl 1611 eingemeißelt.

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