14.07.2020 - 08:00 Uhr
Neusath bei NabburgOberpfalz

"Der Müller war der erste Maschinenbauer"

Dr. Tobias Hammerl vom Freilandmuseum Neusath-Perschen über das Handwerk und warum es seiner Meinung nach auch künftig "goldenen Boden" haben wird.

Dr. Tobias Hammerl: "Der Müller war der erste Maschinenbauer."
von Reiner Wittmann Kontakt Profil

Am Anfang war das Handwerk, könnte man biblisch formulieren. "Der Müller beispielsweise war gewissermaßen der erste Maschinenbauer", sagt Tobias Hammerl, Leiter des Oberpfälzer Freilandmuseums Neusath-Perschen.

"Im Zunftzeichen finden Sie keinen Mehlsack, sondern ein Mühlrad." Das stehe sinnbildlich für die Kernkompetenz des Müllers. "Die bestand nämlich nicht primär im Mahlen, sondern in der Fähigkeit, die komplizierte Mechanik einer Mühle zu verstehen, sie zu bauen, zu unterhalten und zu warten. Er war derjenige, der um die Technik wusste, die hinter dem Mahlen stand", erklärt der promovierte Kulturwissenschaftler, Historiker und Kunsthistoriker.

Solches Herrschaftswissen wollten die Zünfte nicht teilen. Nachvollziehbar, schließlich ging es um das eigene Wohlergehen. Dass eine Zunft Tätigkeiten einer anderen übernahm, war tabu. Manchmal geschah es doch. "Das nannte man dann, jemanden ins Handwerk pfuschen", merkt Hammerl an.

Diese alte Mühle ist im Freilandmuseum Neusath-Perschen zu bewundern. Die Mühlen gehörten zu den Keimzellen des modernen Maschinenbaus: Die Müller wussten um die Technik, die das Mahlen im großen Stil erst ermöglichte.

Trotz allem hat der Beruf überlebt: Eine Oberpfälzer Müllerin erzählt...

Am besten die Chefin heiraten

Dieses Bewusstsein für das eigene Können und die Schutzmechanismen für den eigenen Berufsstand, die über Jahrhunderte Bestand hatten, weichten erst mit dem liberalen Gedankengut des 19. Jahrhunderts auf. Hierzulande war es davor nur möglich, sich als selbstständiger Handwerker niederzulassen, wenn man die sogenannte Gerechtsame dafür hatte, eine offizielle Berechtigung.

Dieses Recht aber war limitiert. "Man konnte die ,Gerechtsame' nur kaufen, erben oder durch Heirat erwerben", erklärt Hammerl. "Deswegen war es nicht unüblich, dass ein Geselle die viel ältere Witwe seines verstorbenen Meisters ehelichte."

Liberté, Égalité, Fraternité - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Das Licht, das Jahre zuvor französische Revolutionäre zum Leuchten gebracht hatten, inspirierte auf Umwegen die deutschen Nachbarn. Ausdruck liberaler Denkweise war die Gewerbefreiheit. 1869 wird sie im Königreich Bayern zum Gesetz. "Man musste nun nicht mehr ,zünftig' sein, um sich als Handwerker selbstständig zu machen." So verwässerte allmählich die strikte Trennung handwerklicher Tätigkeiten, bislang abgeschottetes Wissen drang in neue Bereiche vor.

Zugleich brachte die industrielle Revolution die Dampfmaschinen zum Qualmen, mechanisch-maschinelle Produktion war geographisch nicht mehr an die Kraft des Wassers gebunden. Mit dem Siegeszug von Manufakturen und Fabriken änderten sich Denkmuster, Macht- und Produktionsverhältnisse wurden verschoben - und altes Handwerk zur Keimzelle neuer Berufe: "Der Müller, mit seinem Wissen um die Mechanik entwickelte sich sozusagen zum Maschinenbauer, zum Ingenieur unserer Tage."

Das Tempo des Wandels von Handwerk zu Industrie war abhängig von der Branche. "Viele sind früh eingestiegen, wie etwa das Druckerhandwerk." Dennoch hat sich der Ethos, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen, zumindest in Teilen bis heute gehalten. "Denken Sie an Initiationsriten wie das Gautschen bei den Druckern oder Lossprechungsfeiern, die im Handwerk nach wie vor gepflegt werden."

Handwerk mit digitalem Boden

Letztlich hat die Industrialisierung dem Handwerk einen neuen Stellenwert gegeben, seine Bedeutung neu verortet. Kulturwissenschaftler Hammerl sieht daher die Digitalisierung unserer Tage eher als Chance: "Nehmen Sie zum Beispiel das Phänomen der Quarzuhr. Sie hat das Uhrmacherhandwerk sicherlich verändert, dennoch haben handwerklich hergestellte Uhren später eine unvorhersehbare Renaissance erlebt. Das zeigt: Trotz aller Digitalisierung hat der Mensch Berührungsängste vor dem Digitalen und schätzt die Wertigkeit der handwerklichen Einzelfertigung." Zugleich bringe die Digitalisierung viele Kostenvorteile: "Wenn man diese zwei Dinge zusammenspannt, nämlich die Stärke nach Kundenwunsch fertigen zu können, und dies dank Digitalisierung zu einem vertretbaren Preis, dann hat das Handwerk weiter goldenen Boden."

Dr. Tobias Hammerl, Leiter des Freilandmuseums Neusath-Perschen.

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