04.10.2020 - 17:23 Uhr
Neunburg vorm WaldOberpfalz

Kleiderladen "Emma" sorgt in Neunburg und Schwandorf seit fünf Jahren für nachhaltige "Riesenfreude"

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Ein kleiner Junge wünscht sich sehnsüchtig Rollerblades. Der Kleiderladen "Emma" hat sie nur in Größe 43. Trotzdem geht sein Wunsch in Erfüllung. Das hat er engagierten Menschen zu verdanken, die seit fünf Jahren kleine Träume wahr machen.

Ein begehrter Anlaufpunkt: der Kleiderladen "Emma" in Neunburg zwei Jahre nach der Eröffnung.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Die Abkürzung "Emma" steht für "Einfach Mode mehrmals anziehen". Nachhaltigkeit, Wertschätzung und ganz viel Spaß verbinden die Mitarbeiter der zwei Filialen in Neunburg und Schwandorf mit diesem Konzept, das ganz nebenbei einen Beitrag zur Integration von Migranten leistet. Am Montag, 5. Oktober, feiert die vor fünf Jahren ins Leben gerufene Einrichtung Geburtstag. Für Initiatorin Elke Reinhart gibt es keinen Zweifel: "Emma" ist ein Erfolgsmodell.

Schon wenige Wochen nach der Eröffnung konnte sich der Kleiderladen in Neunburg nicht über einen Mangel an Kunden beklagen. Keinesfalls nur Bedürftige oder Geflüchtete sollten von aussortierten Hosen, Jacken oder Schuhen profitieren, sondern schlicht jeder Bürger, dem aus unterschiedlichen Gründen an Ware aus zweiter Hand gelegen war. Und davon gab es genug. Allerdings bedeutet so eine Lieferung von Pullis, Blusen, Anzügen oder Mänteln auch viel Arbeit. Elke Reinhart, Kümmerin bei "Integration SAD", hat schon lange aufgehört, die Kartons zu zählen, deren Inhalt an den beiden Standorten in Neunburg und Schwandorf auf Kleiderbügeln und in Regalen landeten. Dafür erinnert sie sich gut an die Freude all jener, die hier fündig wurden: von der Seniorin, die hier warmes Bettzeug fand bis hin zu dem Achtjährigen, der sich den Herzenswunsch nach passenden Rollerblades erfüllen konnte.

"Da geht mir das Herz auf bei solchen wunderbaren Geschichten", sagt Reinhart und rückt ihre Mitstreiter bei der Vermittlung vieler kleiner Freuden in den Fokus: Da ist Angela Gruber, die alle Lieferungen im Blick hat, Marianne Zisler, die das Schaufenster liebevoll dekoriert und mit einem Abnäher für eine perfekte Passform sorgt oder Emma Reiml, die verlässlich an der Kasse die Stellung hält. Viele sind sozusagen "Gründungsmitglieder". Zum Personal gehören inzwischen auch vier Jugendliche mit Migrationshintergrund, die begeistert mit anpacken. Der Zuspruch ist enorm.

Wir haben unfassbar tolle Sachen gespendet bekommen und können wunderschöne Dinge weitergeben. Das macht Riesenfreude.

Elke Reinhart

Elke Reinhart

"Wir haben unfassbar tolle Sachen gespendet bekommen und können wunderschöne Dinge weitergeben", schwärmt Reinhart, "das macht Riesenfreude". Ganz normale Leute, bunt gemischt, kaufen bei "Emma" ein. Familien aus der Gemeinschaftsunterkunft in Neunburg treffen auf Eltern mit Kindern oder Senioren, die dort auch gerne die Beratung der ehrenamtlichen Helfer in Anspruch nehmen. "Die Vollzahler sind wichtig, sie helfen mit, die Miete für die Läden zu finanzieren", weiß Reinhart all jene zu schätzen, die mit Second-Hand-Ware die Umwelt schonen.

Seit der Corona-Pandemie ist sowohl die Anzahl der Verkäufer als auch die der Kunden in den Läden von Neunburg und Schwandorf beschränkt, den Absatz behindert das kaum. "Klar hatten sich die Leute anfangs kaum raus getraut, aber inzwischen hat sich alles wieder eingependelt", so die Erfahrung von Reinhart. Die Folge: Aktuell läuft das Geschäft mit den gebrauchten Artikeln besonders gut. Gut genug, um Bedürftige auch mal zu beschenken. Der Grund für dieses Erfolgsmodell liegt für die Initiatorin auf der Hand. "Das A und O dabei sind die Ehrenamtlichen." Die empfinden ihren Einsatz keineswegs als Opfer.

Und so lief der Standort-Wechsel

Neunburg vorm Wald

"Hier mitzuhelfen, das macht einfach Spaß", sagt Angela Gruber, die von der ersten Stunde an dabei ist. Bei der Arbeit lerne man immer wieder neue Leute kennen, könne mit wenig Geld nachhaltig helfen und bekomme Kontakt zu einem sehr bunt gemischten Völkchen, schwärmt die 49-Jährige. "Ich entstamme der Nachkriegsgeneration", erzählt "Emma"-Kollegin Marianne Zisler, der es auch um die Wertschätzung der Produkte geht. "Vieles ist kaum abgetragen. Manchmal reicht ein Abnäher, und es passt perfekt", freut sich die 70-Jährige, die hier ihre Nähkenntnisse einbringen kann. Die Kontakte zu den unterschiedlichen Alters- und Berufsgruppen weiß sie ebenso zu schätzen wie einer der Jüngsten in der Helferrunde. "Ich habe Spaß mit Leuten zu sprechen und lerne dabei auch Deutsch", sagt der 17-jährige Mohamed Al Wakkaa.

Kulturaustausch läuft hier ganz nebenbei, wenn in der Spielecke kleine Schafkopf-Experten den Neulingen aus fernen Ländern erklären, was beim Kartenspiel Trumpf ist. Und wenn "Emma" ihren fünften Geburtstag feiert, dann gibt es nicht nur Kaffee und Kuchen. "Da könnte man doch zum Beispiel bei jedem Einkauf Fünf-Euro-Gutscheine verschenken, die unsere Kunden später dann einlösen können", überlegt Marianne Zisler.

Menschen wie sie und die vielen anderen Helfer, geben nicht einfach auf, wenn es darum geht, mit Ware aus Keller und Dachboden andere glücklich zu machen. Manchmal hilft Weitersagen bei der Erfüllung von schwierigeren Wünschen, manchmal ein Aufruf auf Facebook. Letzteres hat dem kleinen Jungen doch noch seine heiß ersehnten Rollerblades eingebracht, und zwar in Größe 38.

Vieles ist kaum abgetragen. Manchmal reicht ein Abnäher, und es passt perfekt.

Marianne Zisler

"Emma" und die Helfer:

Zwei Standorte für Nachhaltigkeit

Der Kleiderladen "Emma" startete zunächst in Neunburg, hat sich inzwischen aber auch in Schwandorf etabliert und ist in den vergangenen fünf Jahren jeweils einmal umgezogen. Helfer: Seit dem ersten Tag oder seit vielen Jahren aktiv sind Angela Gruber, Marianne Zisler, Manuela Zach, Emma Reiml, Diana Schmidberger, Amal Daher, Anna Wutz, Martina Bucher, Erwin Bucher, Sabah Ibach, Renate Ulmann, Andrea Schneeberger, Mohamed Hamudi Al Wakkaa, Veit Wenzel, Abdalla Ahmed Ali, Ilona Reiml und Dimitar Aleksandrov. Zu den vielen Engagierten gehören außerdem Myriam Becher, Andreas Köppl, Abdo Ibach und Bettina Ring.

  • Standorte: Neunburg, Hauptstraße 59, in Schwandorf, Breite Straße 1.
  • Öffnungszeiten: In Neunburg montags Verkauf von 16.30 bis 18 Uhr, Annahme von 18 bis 18.30 Uhr. Freitag Annahme von 16 bis 16.30 Uhr, Verkauf von 16.30 Uhr bis 18 Uhr. In Schwandorf, Verkauf montags von 10 bis 12 Uhr, mittwochs von 15 bis 17 Uhr (vorübergehend) und freitags von 15 bis 17 Uhr (Annahme über den Hintereingang).
  • Helfer: Seit dem ersten Tag oder seit vielen Jahren aktiv sind Angela Gruber, Marianne Zisler, Manuela Zach, Emma Reiml, Diana Schmidberger, Amal Daher, Anna Wutz, Martina Bucher, Erwin Bucher, Sabah Ibach, Renate Ulmann, Andrea Schneeberger, Mohamed Hamudi Al Wakkaa, Veit Wenzel, Abdalla Ahmed Ali, Ilona Reiml und Dimitar Aleksandrov. Zu den vielen Engagierten gehören außerdem Myriam Becher, Andreas Köppl, Abdo Ibach und Bettina Ring.
Preiswürdige Integration:

"Integration SAD" unter den Top Ten in Bayern

Der Kleiderladen "Emma" ist Teil von "Integration SAD", einer Initiative, die im Landkreis Schwandorf zum Gelingen von Integration beiträgt. Hier werden Projekte initiiert, konzipieren und begleitet sowie Ehrenamtliche unterstützt. Partner sind dabei die Volkshochschulen im Landkreis Schwandorf. Hinter der Initiative stehen die fünf Serviceclubs Rotary Schwandorf, Round Table Schwandorf, Lions Schwandorf, Rotary Club Oberpfälzer Wald/Oberviechtach und Lions Oberpfälzer Wald sowie zahlreiche Sponsoren und Helfer. Vor zwei Jahren gab es dafür den Integrationspreis Oberpfalz, jetzt hat es "Integration SAD" unter die Top-Ten bei den Vertretern der Integrationsarbeit in Bayern geschafft. Der Lohn: eine Urkunde und 500 Euro.

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