07.05.2019 - 18:47 Uhr
NeukirchenOberpfalz

"Neunkirchener Rot" und "Amberger Dreck"

Mit Rohstoffen aus dem Amberg-Sulzbacher Land wird Kunst gemacht. Im 19. und 20. Jahrhundert ist die Region führend bei Farberden. Mit Ocker, Umbra und Siena ist Geld zu machen.

Ein mit Naturfarben gemaltes Wappen im Stadtmuseum Sulzbach-Rosenberg.

Egal ob Kunstmaler oder Tüncher, Kosmetiker oder Apotheker, Zimmermann oder Osterhase - Naturfarben brauchte bis vor etwa 20 Jahren jeder dieser "Handwerker", um sein Handwerk ausüben zu können. Über Hundert Jahre war das Amberg-Sulzbacher Land führender Lieferant für Ocker, Umbra, Siena - die sogenannten Farberden. Dazu gehören allerdings auch solche, die aus Graphit, Kreide oder Schiefer andernorts gewonnen werden.

Höhlenmalereien dokumentieren die Verwendung von Farberden bereits in prähistorischer Zeit. Auch in der Oberpfalz fanden diese bereits vor Jahrhunderten Erwähnung, so in "DuMont's Handbuch der Gemäldekunde": "Im Mittelalter wurde Ocker gegraben. Bekannte Fundstellen lagen bei Eglsee und Haidwaier", also bei Amberg, oder "1672 rotte und gelbte Erdte" bei Sassenreuth. Erwähnt wurde damals in den Archivalien meist nur, woran der Landesherr Interesse hatte, womit er Geld verdienen konnte. So kannten unsere Vorfahren die Farberde-Vorkommen zwar, nutzten sie jedoch sicher nur in bescheidenem Umfang.

Boom mit Bahn

Der Boom setzte mit dem Bau der Ostbahn von Nürnberg nach Schwandorf 1859 ein. Nahe Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg entdeckten die Bauarbeiter riesige Ocker-Vorkommen. Die Suche und die bergmännische Gewinnung begann, meist im bäuerlichen Nebenerwerb. Zentrum des Farberde-Abbaus war bis in die 1960er Jahre der Raum Königstein/Neukirchen/Edelsfeld. Fundstellen gab es jedoch auch im Truppenübungsplatz Grafenwöhr, bei Amberg und bei Auerbach im Grenzbereich zu Franken, dort allerdings den Bolus oder die Röthelerde.

Wie entstanden die Farberden? Ganz einfach: wie die Brauneisenerze. Vor rund 150 Millionen Jahren, als das saure Meer die Hahnbacher und einige weitere Kuppeln abtrug und - im Dogger-Jura - aus dem Dogger das Eisen herauslöste, setzte sich dieses in Wannen und Trögen entlang des Meeres von Altenricht bis nach Auerbach ab. Wenn es stürmisch zuging, schwappte auch etwas über. Und so trug das saure Meer das Eisen weiter nach Süden, das sich dann in Klüften, Dolinen, Höhlen des Jura absetzte. Abhängig vom Eisengehalt entstand der helle Leinocker, der intensiv-gelbe Goldocker, die rötliche Siena, der braune Eisenocker und die Umbra bis hin zu manganhaltiger schwarzer Erde.

Zu Beginn des 20 Jahrhunderts brach Mutungsfieber (Mutung = Antrag bei einer Bergbaubehörde auf Bewilligung einer Genehmigung zum Bergbau) aus. Max- und Luitpoldhütte, Deutsch-Luxemburgische, Gesellschaft Wittelsbach, Farbfabriken und unzählig Privatleute, meist Bauern, sicherten sich beim Bergamt Abbaurechte, oft nur in der Hoffnung Erz oder Farberde vorzufinden. Von Auerbach bis Ebermannsdorf war der halbe (heutige) Landkreis in Hunderte Grubenfelder für den Erzabbau (= Farberde) belegt. Anfangs sahen die Grubenfelder wie ein Emmentaler Käse aus. Wurde Farberde gefunden, teufte der Farbgraber nach mittelalterlicher Manier einen Schacht bis maximal 15 Lachter (1 Lachter sind zirka 2 Meter) ab, raubte die Farberde, so lange dies ohne Gefahr möglich war, und legte dann, keine zehn Meter daneben, einen weiteren Schacht an.

Kübel und Haspel

Mit fortschreitender Technik kamen Strecken, Stollen, Blindschächte und die dann notwendige Bewetterung über Schächte, Wetterhelme oder Ventilatoren hinzu. Gefördert wurden Farberden, totes Gestein und Grubenwasser mit Kübel und Haspel. An einer Grube arbeiteten oft nur zwei Personen, an größeren bis zu sechs oder acht. Die so geförderte Farberde ging ein- oder zweimal wöchentlich mit dem Fuhrwerk, später mit dem Lkw zu den Bahnhöfen und weiter zu Farbenfabriken oder zu den Farbmühlen, von denen es über ein Dutzend in der Region gab.

Sowohl in der Farbenfabrik als auch in der Farbmühle galt es, die Erdbrocken, meist mit einem Pochwerk, zu zerkleinern, die Erde im Kollergang, je nach Feinheitsgrad oft mehrmals, zu mahlen und zu schlämmen. Dabei setzte sich in mehreren Arbeitsgängen der "Sand" ab und das feine Mahlgut, die Farbpigmente, sammelten sich im letzten Schlämmbecken zu einem "Kuchen". Gestochen wie beim Torf, erfolgte dann der Trocknungsvorgang im Freien oder mit Heißluft. Der nun fertige Farbstoff kam dann, meist in Säcken verpackt, zum Versand.

Dreck zu Gold

Brannte man zum Beispiel Goldocker bei etwa 1000 Grad, verwandelte sich das Gelb in ein Rot, so kam es zu unzähligen Fantasie-Bezeichnungen ("Neukirchener Rot"). Etwa 100 Meter südlich des Haidweihers gab es bis in die 1930er Jahre die "Putzerzeche". In ihr gewann man Goldocker mit einem von anderen Farberden abweichenden Chemismus. Der Kunde sprach vom "Amberger Gold", die Bevölkerung, archivalisch belegt, vom "Amberger Dreck". Man hatte Dreck "vergoldet". Die heute noch existierende Firma Rotter bereitete die Farberde in ihrer Farbmühle im Drahthammer auf und verarbeitete diese weiter unter anderem zu Lacken.

Beginnend in den 1930er Jahren, lösten synthetische Farben die Farberden ab. Kunstmaler begeistern sich wegen ihrer Leuchtkraft und Lichtbeständigkeit noch heute für sie - nur dass sie jetzt aus Ägypten und Italien kommen. Lediglich der Bolus, mit anderer Genese, wurde noch bis in jüngste Zeit zum Einfärben von Ziegeln, Medikamenten-Kapseln und Eiern verwendet. Die Malereien, die Stuckarbeiten wären in keiner unserer barocken Kirchen ohne Farberden möglich gewesen.

Informationen: Geht man in Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg an der Schule vorbei, befindet sich am Waldrand eine nachgebaute Farbkaue. Kreisheimatpfleger Walter Schraml richtete, ebenfalls in Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg, ein kleines, aber sehenswertes Farberde-Museum ein.

Interessierte Gruppen melden sich bei Walter Schraml unter Telefon 09663/645.

Schwere Arbeit unter Tage.
Eine Bolusgrube bei Troschenreuth.
Die Skizze zeigt den Eingang eines Bergwerksschachtes.
Farbmühlen gab es in der Region über ein Dutzend.
Die Grubenfeldeigner.
Mit einem Pochwerk wurden die Erdklumpen zerkleinert.
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