30.05.2021 - 11:26 Uhr
Neukirchen-BalbiniOberpfalz

Streuobst: Wertvolles Kulturgut auf der Hansenrieder Wiese

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Es summt, krabbelt und blüht auf den Obstwiesen im Landkreis. So auch bei der Familie Mayr im "Hansensrieder Land", wo jeder der 250 Hochstamm-Bäume eine andere Sorte trägt. Die bayernweite "Aktion Streuobst" gibt es seit 20 Jahren.

Vor der ersten Mahd beherrscht der Löwenzahn die Wiese mit den blühenden Obstbäumen. Martin Mayr und Ehefrau Eva Spießl-Mayr bewirtschaften seit 2010 eine Streuobstwiese am Ortsrand von Hansenried (Gemeinde Neukirchen-Balbini). Die Besonderheit dabei: Jeder der rund 250 Hochstamm-Bäume trägt eine andere Sorte.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Lebensraum und Kulturlandschaft: Streuobstwiesen gehören in Bayern zum traditionellen Landschaftsbild, auch wenn sie lange als wirtschaftlich uninteressant galten und vernachlässigt wurden. Im Erwerbsobstanbau drohten so nach dem Zweiten Weltkrieg alte Sorten zu verschwinden. Doch mittlerweile gibt es ein Umdenken.

Biodiversität und Sortenvielfalt spielen auch in Hansenried (Gemeinde Neukirchen-Balbini) eine große Rolle. Eva Spießl-Mayr und Ehemann Martin Mayr haben im Jahr 2010 eine Streuobstwiese gegenüber dem neugebauten Einfamilienhaus angepflanzt. Auf etwa 2,5 Hektar wachsen rund 250 Hochstamm-Obstbäume in die Höhe: Jeder mit einer anderen Sorte, mit eigenem Geschmack, Aussehen und Eigenschaften. So finden sich 180 unterschiedliche Apfelbäume von Most- bis Lageräpfeln, 30 Birnensorten und rund 30 weitere Obstarten wie Süß- und Sauerkirschen, Pflaumen, Pfirsiche, Aprikosen und Quitten. 20 verschiedene Wildfrüchte und 15 Beerenobstsorten ergänzen das Angebot für Mensch und Tier.

Evas Lieblingsapfel

"Unser Hauptaugenmerk liegt auf regionaltypischen und standortangepassten Sorten, die wenig krankheitsanfällig sind", betont Eva Spießl-Mayr, die hauptberuflich am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in der Gewässerschutzberatung tätig ist. Auch wenn auf der Wiese überwiegend alte Sorten stehen, bezeichnet sie die noch etwas neuere Apfelzüchtung "Florina" als ihren derzeitigen Favoriten: "Es ist ein total saftiger Winterapfel mit schöner rosa Patina." Martin Mayr will sich nicht auf eine Sorte festlegen. Er schätzt "eine süße Säure beim Reinbeißen" und schwärmt von der "Welschen Bratbirne", die sich noch jetzt im Mai in gutem Zustand im Lager befindet.

Seit einigen Jahren läuft nun auch die Ernte an. Drei Generationen - von Oma, Opa, Tante und Onkel bis hin zu den drei Jungs - helfen mit. Das reife Obst welches an einem Tag händisch geerntet wird, verarbeitet das Ehepaar gleich am nächsten Tag. Die eigene Lohn-Mosterei zur Saftgewinnung ging dazu 2018 in Betrieb. Zu 90 Prozent entstehen Säfte aus Äpfel und Birnen, daneben gibt es Mischsäfte mit Aronia-Anteil oder Sauerkirsche, Johannisbeere, Mispel, Maulbeere, Maibeere und anderen. Als Chips-Ersatz wird ein Teil der Ernte getrocknet. Die schönsten Früchte landen im Erdkeller.

Der Garten der Familie Mayr in Hansenried

Totalausfall vor zwei Jahren

"2019 hatten wir fast nix, während wir 2020 knapp 2500 Liter erhielten", berichtet Eva Spießl-Mayr. Die Erzeugnisse, darunter auch mal eine Marmelade aus der Kornelkirsche, verkauft sie überwiegend am Wochenmarkt in Roding. "Es ist ein schöner Ausgleich", betont auch Martin Mayr, landwirtschaftlicher Sachverständiger am Finanzamt. Denn Arbeit auf der Streuobstwiese gibt es das ganze Jahr über. "Bei jedem Spaziergang haben wir die Zwickschere dabei", sagt er lachend. Er praktiziert nicht nur den Schnitt im Januar/Februar, sondern auch den sogenannten "Juni-Riss". Und er ist immer dabei, das Sortiment um eine interessante Sorte zu erweitern. Aktuell freut er sich über Reiser der alten Apfelsorte "Allgäuer Calville" aus der Heimat.

Bayernweite Kampagne

Noch dominiert der gelbe Löwenzahn die Obstwiese. Doch nach der ersten Mahd im Juni blühen auch Wiesenschaumkraut, Margerite, Malven, Wegwarte und Johanniskraut. "Die Wiese wird gemulcht ohne Unternutzung", erklärt der experimentierfreudige Obstbauer.

Der kulturelle Wert der Streuobstwiesen steht immer mehr im Fokus. Und auch die außergewöhnliche Artenvielfalt dieses Lebensraumes und der hohe Gesundheitswert dringen in das Bewusstsein der Bevölkerung ein. Um die Verbraucher auf die Bedeutung von Streuobst hinzuweisen und somit die Nachfrage zu erhöhen, unterstützt das Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten bayernweit unter anderem mit der Informationskampagne "Streuobst blüht". Auch der Bio-Streuobsthof "Hansenrieder Land" ist dort gelistet. Schon vor 20 Jahren startete die Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) in Verbindung mit der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau die "Aktion Streuobst" zur Förderung der Regionalvermarktung.

Die Stadt Nabburg pflanzt einen Streuobst-Garten an

Nabburg
Die ersten Blüten der Nordhäuser Winterforellenbirne öffnen sich auf der Streuobstwiese der Familie Mayr.
Hintergrund:

Bayernweite Informationskampagne "Streuobst blüht"

  • In Bayern sind im Jahr 2019 sechs Millionen Streuobstbäume gelistet; 1965 waren es noch 20 Millionen. Von ursprünglich 5000 Obstsorten sind in Bayern nur noch 2000 vorzufinden.
  • Die bayernweite Informationskampagne des Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten "Streuobst blüht" weist auf diese Entwicklung hin und will die Kulturlandschaft stärker in das Bewusstsein der Menschen und in den täglichen Konsum verankern.
  • Das Adressenverzeichnis der Kampagne weist für den Landkreis Schwandorf zwei Anbieter aus: Den Bio-Streuobsthof mit Lohnmosterei "Hansenrieder Land" (Eva Spießl-Mayr) sowie den Streuobsthof Günter Gilch, Schönthan.
  • Der "Tag der Streuobstwiesen" wurde erstmals am 30. April 2021 begangen und soll künftig am jeweils letzten Freitag im April stattfinden. Der Streuobstanbau ist im Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes eingetragen.
  • Mit über 5 000 Tier- und Pflanzenarten zählen Streuobstwiesen zu den artenreichsten Lebensräumen in Mitteleuropa.

 

 

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