11.10.2020 - 12:43 Uhr
Neukirchen-BalbiniOberpfalz

Wenn die "Milchwiegerin" kommt: Helga Probst hat die Kuhleistung im Blick

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Die Mutter machte den Job 50 Jahre lang, und auch die Tochter ist schon 30 Jahre als "Milch-Wiegerin" unterwegs. Doch im Jahr 2020 hat sich nicht nur die Berufsbezeichnung, sondern auch der monatliche Besuch auf dem Bauernhof verändert.

Zwischen Euter und Melkmaschine: Probenehmerin Helga Probst ist circa einmal im Monat am Adlbauernhof beim Melken dabei. Landwirt Georg Dirscherl erhält anschließend ein Protokoll der Milchleistungsprüfung.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Im Kuhstall geht es um Leistung und Qualität. Doch das interessiert Bibi, Astrid, Flocke und Lara nicht. Hintereinander trotten sie in den Melkstand im Adlbauernhof in Etzmannsried und lassen sich von Landwirt Georg Dirscherl die Melkmaschine anlegen. "Liesl und Emma, da geit's eina", lockt Bäuerin Monika Dirscherl ebenfalls vier Kühe in den Melkstand gegenüber. Unten im "Graben" - die Euter im Blickfeld - ist das Ehepaar aber heute nicht alleine.

Helga Probst aus Neukirchen-Balbini hat bereits an allen acht Melkstationen einen "Lactocorder", ein elektronisches Messgerät zur Erfassung der Milchleistung, angeschlossen. Auf dem Display tippt sie die Nummer der jeweiligen Kuh ein. Bevor Bauer oder Bäuerin das Melkzeug an die vier Zitzen ansetzen, reinigen sie das Euter mit einem Pflegemittel aus der Sprühflasche. Und schon pumpt es im Takt. Neben der Mengenmessung wird gleichzeitig eine anteilige Milchprobe in ein kleines Fläschchen gezogen. Der integrierte Barcode-Leser erfasst die Nummer der Probeflasche und ordnet sie der jeweiligen Kuh zu. Der Melkvorgang dauert zwischen fünf und zehn Minuten. Dann wird "abgestöpselt" und die nächsten acht Kühe, die bereits am Eingang warten, dürfen nachrücken. Heute sind es 32 Kühe, also vier komplette Durchgänge. Elfmal im Jahr, also rund alle vier Wochen, ist Helga Probst dabei. "Einmal morgens, das andere mal abends", erklärt sie und tippt die nächste Nummer ein.

Mutter Elfriede war 50 Jahre lang zum Milchwiegen auf den Bauernhöfen unterwegs

Mutter und Tochter

Als Mutter Elfriede Kienzl im Jahr 1955 damit begann, als knapp 16-jähriges Mädel als Probenehmerin für die Milchleistungsprüfung von Hof zu Hof zu ziehen, hieß es nur "d' Milchwecherin kummt". Von Montag bis Samstag war sie mit dem Fahrrad von Hof zu Hof unterwegs, aß und schlief bei den Bauern. Denn damals musste für die Leistungsprüfung drei mal am Tag gemolken werden. Milchmenge und Fettgehalt wurden handschriftlich in das Stallbuch eingetragen.

65 Jahre später ist es die Tochter, die sich bei den Landwirten der Region zum "Milch wiegen" anmeldet. Denn auch wenn es jetzt "Leistungsprüfung" und "Probenehmer" heißt, hat sich umgangssprachlich nichts verändert. "Die Bezeichnung kommt daher, dass früher in den Eimer gemolken und die Menge mit der Hand-Waage abgewogen wurde", erklärt Helga Probst. Während die Mutter den Job über 50 Jahre lang ausübte, ist auch sie schon knapp 30 Jahre beim LKV (Landeskuratorium der Erzeugerringe für tierische Veredelung in Bayern e.V.) beschäftigt.

Heute ist das ganze Prozedere viel komplexer. Denn während der gesamten Melkzeit misst der Lactocorder viele Parameter, wie zum Beispiel den Milchfluss oder die Leitfähigkeit. Helga Probst packt die gefüllten Fläschchen fürs Labor in ihren hölzernen Einsatzkoffer. Feierabend hat sie aber noch nicht. Draußen im Hof druckt sie im Auto eine Übersicht für den Landwirt aus, auf dem die Menge des Gemelks der einzelnen Tiere, der Milchfluss, die Leitfähigkeit und soweit die Grundfutterleistung bekannt ist, auch die Kraftfutterzuteilung aufgelistet sind. Bis Helga Probst die Milchproben beim Leistungsoberprüfer abliefert, muss sie diese kühlen. Der Milchprüfring untersucht dann auch die Inhaltstoffe (Fett, Eiweiß, Harnstoff, Laktose, Zellzahl). Die Milchflusskurven und die ausgegebenen Kennzahlen geben Auskunft über die Melkbarkeit der Kühe und über die Effizienz der Melkarbeit. Die Leistungsprüfung unterstützt die Landwirte bei Entscheidungen hinsichtlich des Nährstoffbedarfs der Kühe, sowie bei Fragen zur Selektion der Zuchttiere.

Rund 45 Minuten dauert auf dem Adlbauernhof die reine Melkzeit. Früh und abends. Georg und Monika Dirscherl schätzen dabei die Arbeitserleichterung durch den Doppel-Vierer-Fischgrät-Melkstand. Diesen gibt es seit dem Stallbau im Jahr 2009. Doch auch wenn jetzt vieles über den Computer und Zahlenkombinationen läuft, ihre Fleckvieh-Kühe kennen sie nach wie vor beim Namen. Einfach ist das bei der Zita. Die große, weiße Kuh schaut neugierig um die Ecke, ob sie nicht bald dran kommt. Dahinter wartet Lola mit der Nummer 295. Sie hat bereits acht Kälbchen zur Welt gebracht und "wird bald ausgemustert", wie der Vollerwerbslandwirt feststellt. Seine Kühe liefern im Durchschnitt 25 bis 30 Liter Milch pro Tag; in der Zeit nach der Kalbung sind es schon mal bis zu 40 Liter.

Gerngesehener Gast

Ob der Hof eine Zukunft hat, wird sich zeigen. Die beiden Jungs (8 und 10 Jahre) sind jetzt jedenfalls noch gerne bei der Stallarbeit dabei. Und auch wenn sie das Auto der "Milchwecherin" entdecken, sind sie sofort zur Stelle. Denn ebenso wie früher ihre Mutter, ist Helga Probst ein gerngesehener Gast auf den Bauernhöfen und durch ihre zuverlässige Art beliebt bei den Landwirtsfamilien. "Die 50 Jahre werde ich aber nicht voll kriegen", meint sie lachend beim Gespräch mit Oberpfalz-Medien.

Hintergrund:

Milchleistungsprüfung

  • Milchleistungsprüfung (MLP)
    Die MLP ist weit mehr als nur die Messung der Milchmenge. Sie ist ein Instrument für das Herdenmanagement. In Bayern nehmen 67 Prozent der Landwirte freiwillig daran teil (80 Prozent aller bayerischen Milchkühe).
  • Milchuntersuchung
    Die Milchmenge wird elfmal im Jahr gemessen. Dabei wird auch eine repräsentative Milchprobe entnommen. Die Milchproben werden vom Milchprüfring auf die Inhaltstoffe (Fett, Eiweiß, Harnstoff, Laktose, Zellzahl) untersucht.
  • Wieviel Milch gibt eine Kuh?
    Im Jahr 2018 gab eine Kuh in Deutschland im Durchschnitt 8059 kg Milch (ein Liter sind 1,02 kg). Damit hat sich die Milchmenge gegenüber 1950 verdreifacht. Gerechnet wird, dass eine Kuh an 305 Tagen Milch gibt: Nach der Kalbung wird sie etwa zehn Monate lang gemolken; anschließend hat sie sechs bis acht Wochen Melkpause.

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