03.04.2020 - 14:59 Uhr
Neuhaus/WindischeschenbachOberpfalz

Coronakrise: Blick ins Lagezentrum Katastrophenschutz

Die zurzeit wohl geheimnisvollste Tür der Region steht in Neuhaus. Nur wenige dürfen durch sie eintreten. Sie führt ins regionale Lagezentrum Katastrophenschutz.

Sebastian Windschügl (links) vom Roten Kreuz ist einer der örtlichen Einsatzleiter im Lagezentrum Katastrophenschutz in Neuhaus. Hier wird er von Ludwig Grasser von der Weidener Feuerwehr (Mitte) und Jürgen Haider von der Kreisfeuerwehrführung unterstützt.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Dort arbeiten Fachleute fieberhaft daran, dass Weiden und der Landkreis so gut es geht durch die Coronakrise kommen. Die Aushänge am Eingang zum grauen Flachbau im Gewerbegebiet Neuhaus machen schon deutlich, dass dahinter kein Kaffeekränzchen steigt: keine Fotos, Hände waschen, nur Zugang für Berechtigte. Diese Berechtigten sind ein Stab von rund 30 Frauen und Männern, die zu wilden Abkürzungen gehören: FüGK, BuMa, ÖEL oder KomFü.

Grob gesagt, sorgen sie von 7.30 bis 19.30 Uhr und wenn es sein muss mitten in der Nacht dafür, dass medizinisches Material nicht ausgeht und genügend Betten zur Verfügung stehen, falls das Virus sich entschließt, noch fataler zu wüten.

Der Reihe nach: Im Lagezentrum sitzen die Führungsgruppen Katastrophenschutz (FüGK) aus Weiden und dem Landkreis Neustadt/WN. Die Weidener Gruppe leiten Rechtsdezernentin Nicole Hammerl und ihre Stellvertreterin Anja Berger. Das Landratsamt Neustadt vertreten Markus Zapf und Jurist Daniel Merk.

Zweimal große Lagebesprechung

Daneben haben Weiden und Neustadt eine gemeinsame örtliche Einsatzleitung (ÖEL) aufgebaut. Beide Gruppen stimmen sich eng ab. Die Einsatzleitung untersteht der Führungsgruppe. In das Ressort der FüGK fallen vor allem überörtliche Maßnahmen und die Kosten dafür. Die ÖEL ist für das operativ-taktische Geschäft zuständig.

Alle miteinander treffen sich zweimal am Tag zur großen Lagebesprechung - um 8 Uhr und um 17.30 Uhr. Dabei sind auch Oberbürgermeister Kurt Seggewiß und Landrat Andreas Meier zugeschaltet oder vor Ort.

Vertreter der Kliniken AG oder von Pflegeheimen berichten, wie viele Coronapatienten beatmet werden und wie viele Plätze dafür noch zur Verfügung stehen. Unter anderem daraus ergibt sich der Materialbedarf. Wie viele Schutzmasken, Desinfektionsbrillen, Schutzanzüge und Beatmungsgeräte müssen angeschafft werden?

Um all dies einzukaufen und Liefermodalitäten abzuklären, telefonieren sich die Mitarbeiter Ohren und Finger wund. "Ein großes Thema ist auch der Helferaufruf", unterstreicht Roswitha Ruidisch. Die städtische Pressesprecherin arbeitet zurzeit ebenfalls in Neuhaus. Ihre Funktion im Katastrophenstab ist die BuMa - Bevölkerungsinformation und Medienarbeit.

Die übrigen Planer, Koordinatoren und Organisatoren kommen von vielen weiteren Abkürzungen: BRK (Bayerisches Rotes Kreuz, THW, ILS (Integrierte Leitstelle). Dazu kommen Feuerwehr, Polizei, Bundespolizei, Kliniken AG. Ferner sind Ärztlicher Leiter Dr. Jürgen Altmeppen, ein Leitender Notarzt und die Bundeswehr eingebunden.

Temperatur messen am Eingang

Sie alle tragen Mund-Nase-Schutz, eine Soldatin misst jedem, der durch den Haupteingang kommt, die Temperatur. Keiner soll hier das Virus oder andere Krankheiten einschleppen. Die Katastrophenschützer müssen auf andere aufpassen und dürfen nicht selbst ausfallen.

Ein Soldat huscht durch die Gänge, im Arm eine Kiste mit selbstgenähten Gesichtsmasken von freiwilligen Helfern. Gleich wird entschieden, wer sie bekommt.

Lager an geheimem Ort

Die Szene ist eigentlich untypisch. "Hier findet reine Stabsarbeit statt, keine Materiallagerung", erklärt Tobias Kloppmann, der sich ebenfalls um Öffentlichkeitsarbeit kümmert. Neue Schutzmasken oder Beatmungsapparate werden an einem geheimen Ort untergebracht. Soll keiner auf die Idee kommen, in der Neuhauser Halle gebe es bei einem Einbruch etwas zu holen. Es soll auch keine Arzthelferin vorfahren, die einen Cousin beim Roten Kreuz hat und augenzwinkernd schnell mal um 20 Masken für ihre Praxis bittet, frei nach dem Motto: Wir kennen uns doch. Außerdem wichtig: Im Lagezentrum werden keine Coronatests vorgenommen.

"Katastrophentourismus ist tabu. Das hat hygienische Gründe und hat etwas mit Vertraulichkeit zu tun", sagt Roswitha Ruidisch. Daher gibt es auch keine Zahlen, ab wie vielen Patienten Behelfskrankenhäuser wie Vohenstrauß oder die Turnhalle des Kepler-Gymnasiums an ihre Grenzen stoßen und wann weitere Säle für Behandlungen geräumt werden müssten.

Neben Dauerthemen wie Beatmungsgeräten sind auch banalere Dinge zu klären. So stimmten die Krisenstäbler dieser Tage ab, wie es rechtlich vertretbar ist, dass Floristen ihre Ware vor die Tür stellen und verschenken, weil sie die Blumen nicht verkaufen können. Schaffen sie dadurch mögliche neue Treffpunkte, sprich Infektionsherde? Die Frage hat der Freistaat mittlerweile geklärt: Es ist verboten. Das alles muss dokumentiert und protokolliert werden. Belege sind wichtig für Ausgleichszahlungen des Freistaats durch einen Fonds. Dessen Existenz stützt sich auf ein weiteres Buchstaben-Ungetüm: das Bayerische Katastrophenschutzgesetz, BayKSG.

Helfer gesucht:

Die Katastrophenschützer suchen händeringend Helfer für medizinischen und pflegerischen Einsatz. Das kann ein Student genauso sein wie eine pensionierte Altenpflegerin oder ein ehemaliger Zivildienstleistender, der Erfahrungen hat. Ebenso willkommen sind Ärzte, auch solche im Ruhestand. Ein erster Aufruf hat 300 Interessenten auf den Plan gerufen, es werden aber noch einige mehr gebraucht.

Wer keine medizinische Grundausbildung hat, darf sich ebenfalls melden. Er oder sie bekommt dann das Nötigste in einem dreitägigen Kurs vermittelt. Anmeldeformulare gibt es auf den Homepages der Stadt Weiden oder des Landkreises: www.weiden.de und www.neustadt.de. Die Freiwilligen werden verständigt, sobald sie zum Einsatz kommen. Die Entschädigung erfolgt in der Regel über die Wohlfahrtsverbände. Ferner plant das bayerische Gesundheitsministerium dieser Tage ein Gesetz , das die Lohnfortzahlung solcher freiwilliger Helfer regelt. (phs)

Erst lesen, dann steht fest, ob man überhaupt rein darf. Das Lagezentrum ist fast militärisch abgeriegelt. Hinter der Tür empfängt ein Bundeswehrsoldat den Besucher, der einen Grund hat, zu kommen.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.