28.11.2021 - 11:26 Uhr
NabburgOberpfalz

Nabburger Kraftwerksbesitzer treibt die Sorge um Blackout um

Naturkatastrophen, Cyber-Angriffe und das Aus für Kohle- und Kernkraftwerke: Thorwald Poschenrieder aus Nabburg macht sich Gedanken über massive Stromausfälle. Er würde dann gern auf eine "Insel" setzen.

Wie schon sein Großvater produziert Thorwald Poschenrieder Strom im Kraftwerk "Wiesmühle" an der Naab. Klimawandel und Ressourcen-Knappheit haben ihn dazu bewogen, über das Szenario eines großen Stromausfalls nachzudenken und für Nabburg eine "Insel-Lösung" in Betracht zu ziehen.
von Monika Bugl Kontakt Profil

"Die Naturgesetze richten sich nicht nach unseren Wunschvorstellungen, wir können nicht davon ausgehen, dass alles so weiterläuft", warnt Thorwald Poschenrieder. Vor über 90 Jahren hat sein Großvater Josef Poschenrieder in ein Wasserkraftwerk an der Naab investiert. Die Wirtschaftskrise hatte damals, 1929, den Wiesmüllner als Vorbesitzer in die Knie gezwungen. Heute ist es der Enkel des Käufers, der sich um die Anlage mit einer Leistung von 90 Kilowatt kümmert und befürchtet, dass eine weiträumige Krise seine Heimat erreicht.

Ein wunder Punkt ist dabei das Stromnetz, und hier will der 55-Jährige sein Kraftwerk ins Spiel bringen. Er fürchtet, dass es schon in naher Zukunft zu einem Blackout, einem flächendeckenden, massiven Stromausfall kommen könnte. Für dieses Szenario hätte er gern einen Plan B parat, um wenigstens seine Heimatstadt vor Schaden zu bewahren. Wie könnte man in so einem Fall zumindest jedem Haushalt ein Minimum an Strom aus örtlichen Kraftwerken liefern? Dieser Frage will er jetzt mit Hilfe des Bayernwerks und unabhängigen Experten auf den Grund gehen. Seine Vision: eine vom großen Netz abgekoppelte Strominsel, gespeist aus Wasserkraftwerken, PV-Anlagen, Stromspeichern und Notstrom-Aggregaten.

"Unheil-Abwehr"

"Mir geht es hier nicht um wirtschaftliche Erwägungen, sondern um Unheil-Abwehr", stellt Poschenrieder klar. "Deutschland hat angeblich das sicherste und beste Stromnetz - als wären Katastrophen von den Entwicklungsländern gepachtet", gibt er zu bedenken. Dabei könne man mit gesundem Menschenverstand erkennen, wie abhängig wir alle von digitalen Einheiten sind. Der 55-Jährige zählt auf: Cyber-Angriffe, Naturkatastrophen, Erpressbarkeit durch andere Nationen und nun die dem Klimawandel geschuldete, anvisierte Abschaltung von grundlastfähigen Kohlekraftwerken. Eine Fortsetzung des Atomstroms lehnt er als Ausweg ab: "Man darf doch nicht etwas anfangen, was über 100 000 Jahre die Zukunft belastet." Diesen Strom dann aber von den Nachbarn zu beziehen, das sei doch nur scheinheilig.

Im Ernstfall würde Poschenrieder trotz Kraftwerk genau wie alle anderen ohne Strom dastehen. Denn so eine Stromeinspeisung klappt nicht ohne ein paar Grundvoraussetzungen, die aktuell nicht realisierbar sind. "Technisch machbar, aber ein zu großer Aufwand", bringt Poschenrieder eine Auskunft des Bayernwerks zu einer diesbezüglichen Anfrage auf den Punkt. Da müsste er zunächst einmal aufrüsten und in einen Synchron-Generator investieren, und ohne Frequenz-Geber würde gar nichts funktionieren. Das bestätigt gegenüber Oberpfalz-Medien auch Michael Bartels, stellvertretender Pressesprecher der Bayernwerk AG, der zudem vertragliche Hürden ins Feld führt.

Regionale Stromnetze, so etwas gebe es nur in Ausnahmefällen, beispielsweise in großen Industrieparks. Rein physikalisch sei so eine Strominsel vielleicht machbar, die Umstände allerdings wären riesig, erklärt Bartels, der die Idee als "fast utopisch" einstuft. Das Nabburger Netz müsste dann vom Mittelspannungsnetz abgekoppelt werden, und es sei kaum vorstellbar, dass ein so kleiner Stromlieferant die erforderliche Netzfrequenz von 50 Hertz halten könne. "Wir können nicht kontrollieren, wann die Leute das Licht ausmachen", nennt er ein Beispiel für Schwankungen, die ständig ausgeglichen werden müssen. "Hier stoßen wir an die Grenzen des Machbaren", sagt Bartels, der das Interesse und Engagement, das hinter der Idee steckt, durchaus würdigen möchte. Schon kleine Schwankungen könnten zu Schäden an hochsensiblen Geräten führen.

"Das europäische Stromnetz ist die komplexeste von Menschenhand gebaute Maschine", betont der Bayernwerks-Sprecher und fügt hinzu: "Wir haben durchaus Vorkehrungen im europäischen Verbund getroffen, hier geht es schließlich um kritische Infrastruktur." Es gebe da bereits Notfallpläne für einen Krisenbetrieb, Reservekraftwerke könnten bei einem Blackout "mit angezogener Handbremse wieder hochfahren".

Anfällig durch Komplexität

Stromlieferant Thorwald Poschenrieder beunruhigt gerade die Anfälligkeit dieser Komplexität. Er will auf Nummer sicher gehen und seinen Plan B trotz dieser Bedenken nicht fallen lassen. Vielleicht gebe es ja doch für den Ernstfall eine Parallel-Lösung über Strominseln, den Vorläufern des heutigen Netzes, wie sie im Industriemuseum von Theuern dokumentiert sind. Er plant, für eine mögliche Lösungen Experten der OTH Regensburg zu konsultieren. "Das Problembewusstsein wächst", meint er mit Blick auf auf Engpässe wie sie zu Beginn der Corona-Pandemie beim Klopapier auftraten. "Ein benachbarter Händler hat mir erzählt, dass Notstrom-Aggregate jetzt schon bis zum Frühjahr 2022 ausverkauft sind", berichtet der Kraftwerksbetreiber: "Jetzt ist die Zeit zum Überlegen."

So ging es los mit dem Strom in Bayern

Schwandorf
Hintergrund:

Rechenbeispiele für den Blackout

  • Blackout: totaler, längerer und flächendeckender Stromausfall, der die komplette Infrastruktur in Mitleidenschaft zieht.
  • Wasserkraft: In Nabburg gibt es vier Kraftwerke mit einer Höchstleistung von insgesamt 170 Kilowatt. Das Poschenrieder-Kraftwerk hat daran einen Anteil von 90 Kilowatt. Deutschlandweit deckt Wasserkraft aktuell drei Prozent des Strombedarfs. Laut Umweltbundesamt sind damit 80 Prozent des Wasserkraftpotenzials in Deutschland ausgeschöpft.
  • Rechenbeispiel: Thorwald Poschenrieder kalkuliert, dass allein sein Kraftwerk 500 Haushalte mit einem Minimum an Strom versorgen könnte. Voraussetzung: nur etwa 200 Watt pro Haushalt zur Versorgung von Kühlgeräten und zum Betrieb von elektrischen Steuerungen de Heizungen dürften dann genutzt werden. Der Durchlauferhitzer oder andere Geräte mit hohem Verbrauch müssten dann aber in einem solchen Notfall tabu sein.

"Deutschland hat angeblich das sicherste und beste Stromnetz - als wären Katastrophen von den Entwicklungsländern gepachtet."

Thorwald Poschenrieder

Thorwald Poschenrieder

 

 

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