15.03.2021 - 16:18 Uhr
NabburgOberpfalz

Frust macht sich unter Blasmusikern breit

Musikerinnen und Musiker der 32 Mitgliedsvereine des Nordbayerischen Musikbundes im Landkreis Schwandorf und Kreisvorsitzender Joseph Ferstl sind verzweifelt. Langsam liegen die Nerven blank. Es geht mittlerweile ans Eingemachte.

Der langjährige Kreisvorsitzende Joseph Ferstl erfuhr in der Online-Bezirksversammlung des Nordbayerischen Musikbundes eine nicht alltägliche Auszeichnung. Für 35 Jahre hervorragende Tätigkeit zur Förderung der Musik wurde ihm durch die Bundesvereinigung Deutscher Musikverbände die Ehrenmedaille in Gold mit Diamant verliehen. Er kennt die Sorgen und Nöte der Kapellen und ihrer Musiker wie kaum ein Zweiter.
von Sepp FerstlProfil

Immer mehr Unmut macht sich breit. "Die Blasmusik ist seit über einem Jahr nahezu vergessen, aber beim nächsten Besuch eines hohen Politikers oder bei Parteiveranstaltungen sind wir dann wieder gut genug, für den Bayerischen Defiliermarsch und die musikalische Umrahmung des Anlasses. Sollen doch die Politiker in Zukunft mit Masken singen oder pfeifen" - so und in ähnlichen Aussagen erleichtern sich Verantwortliche der Musikvereine frustriert bei ihrem Kreisvorsitzenden Joseph Ferstl (Nabburg). Es ist ohnmächtige Wut ob der derzeit fehlenden Perspektiven für die Wiederaufnahme des Probenbetriebs.

Das Thema Aerosol-Belastung in der Bläsermusik ist nach wie vor belastend. Es liegen dazu seit längerem klare Studienergebnisse vor, die es gilt in vernünftige, brauchbare Konzepte umzusetzen; auch da ist Schweigen im Wald.

"Seelenrelevante" Musiker

Was Politikern als besonders wichtig erscheint, wird als systemrelevant bezeichnet. In erster Linie handelt es sich dabei um Dinge, welche materiellen Wohlstand und Sicherheit ermöglichen. Dabei stellt sich die Frage, ob wirklich nur diese Dinge systemrelevant und bedeutend für die Lebensqualität sind. Musik berührt, sie spendet Freude, heilt und tröstet. Alles Eigenschaften, welche gerade in der schwierigen Zeit der Pandemiebewältigung von höchster Wichtigkeit wären. Sie ist damit "seelenrelevant". Alle Musiker könnten folglich in diesem Sinne als systemrelevant bezeichnet werden. Sie alle leisten durch ihre Tätigkeit einen wichtigen Beitrag zur Gesundheit und zum Wohlbefinden der Mitmenschen.

Zum Leidwesen der Musikvereine kommt in den jüngsten Beschlüssen von Bund und Ländern die Laienmusik in den Öffnungsschritten noch gar nicht vor, während im Sport einmal mehr bereits Lockerungen vorgezeichnet wurden. Die Blasmusiker - das sind immerhin 120 000 im Bayerischen Blasmusikverband organisierte Menschen - werden nur am Rande wahrgenommen. Auch sie brauchen eine verlässliche Perspektive, meint man beim NBMB. Die Staatskanzlei habe schon vor einem halben Jahr versprochen, eine interministerielle Arbeitsgruppe einzurichten. Lange hat der Verband auf diesen "runden Tisch" gewartet. Am 12. März war es dann endlich soweit. In einem Spitzengespräch wurde der Weg dafür geebnet. Jetzt hoffen alle Musikvereine auf eine praktikable Öffnungsstrategie.

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Deutschland und die Welt

Fest steht: Die Zahl der Musiker geht zurück. Wobei der Einbruch erst im Laufe dieses Jahres sichtbar werden wird. Wenn auch die Mitgliedermeldungen pro Forma zum 28. Februar abgegeben wurden, so hat aktuell kein Vorsitzender wirklich exakte Zahlen, wie es tatsächlich in seinem Verein aussieht. Wegen Corona gibt es weniger Nachwuchs, weil die Vereine kaum Nachwuchswerbung machen konnten und selbst interessierte Kinder aufgrund der Abstandsregelungen bis dato nicht angelernt werden durften. Es wäre jetzt zwar wieder der Einzelunterricht in Präsenzform erlaubt, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz den Wert von 100 nicht überschreitet; im Landkreis Schwandorf ist man da momentan allerdings meilenweit entfernt.

Die Blaskapellen üben sich seit über einem Jahr in Geduld. Große Orchester hatten im letzten Sommer gerade mal zwei Monate in denen sie proben konnten und da auch nur dann, wenn sie Räumlichkeiten zur Verfügung hatten in denen die Besetzung mit zwei Meter Abstand Platz fand. Da die Schulen ihre Turnhallen aus Corona-Gründen nicht zur Verfügung stellen dürfen, gibt es in vielen Orten keine ausreichend große Räumlichkeiten. Seit 2. November sind alle Musikproben untersagt. Einzig und allein die musikalische Umrahmung von Gottesdiensten ist möglich, wenn die Musiker im Auftrag der Pfarrei spielen und die Diözese einen entsprechenden Auftritt zulässt.

Noch ein weiter Weg

Bevor im Sommer vielleicht erste Freiluftkonzerte möglich sind, müssen die Vereine zunächst den Probenbetrieb wieder aufnehmen dürfen. Der Dirigent wird in der Besetzung "Kassensturz" machen müssen und den "Scherbenhaufen zusammenkehren", den ihm die Corona-Einschränkungen hinterlassen haben. Bis es soweit ist bemüht sich der Dachverband mit zahlreichen online-Kursen das Musik- und Vereinsleben am Laufen zu halten. Ein gut gemeintes Angebot jagt das andere und dennoch: Es fehlt das Sehen, Hören und Treffen der Akteure. Es fehlt das Gemeinschaftserlebnis des Live-Musizierens, das kann man online nicht ersetzen. Da kann das online-Programm noch so gut sein. Es fehlt das menschliche Miteinander. Nichtsdestotrotz konnten Musikerleistungsprüfungen der Stufen D1 (Bronze) und D2 (Silber) im online-Verfahren erfolgreich etabliert werden. Die nächste Prüfung findet am 15. Mai statt. Anmeldeschluss dafür ist am 23. April.

Das Hilfsprogramm der Bayerischen Staatsregierung für die Laienmusik hat 2020 etwas dazu beigetragen die finanzielle Durststrecke abzufedern. Die Vereine sind dankbar, dass es für das erste Halbjahr 2021 eine Neuauflage gibt. Darüber hinaus bietet aktuell der Bundesmusikverband bis 31. März 21 ein Förderprogramm an, welches "die Wiederbelebung der amateurmusikalischen Arbeit, insbesondere des Proben- und Konzertbetriebs zum Ziel hat". Ein neuer gutgemeinter Fördertopf bei leeren Staatskassen. Geld ist nicht alles. Alles, was die Blasmusik dringend braucht, ist die Freigabe, wieder spielen zu dürfen. Dann läuft der Probenbetrieb an, denn Konzepte für Standkonzerte, Matinee, Serenaden und Orchesterkonzerte liegen griffbereit in den Schubladen der Musikvereine.

 

 

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