27.10.2020 - 11:15 Uhr
NabburgOberpfalz

Firmen in schweren Zeiten: Regionale Gewinner und Verlierer der Coronakrise

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Von Gewinnern und Verlierern während der Coronakrise zu sprechen, mag auf den ersten Blick etwas zynisch klingen. Doch es gibt Firmen im Landkreis Schwandorf, bei denen es so aussieht, als hätte ihnen die Krise einen Schub versetzt.

Gerresheimer in Pfreimd stellt Inhalatoren für Lungenpatienten und Teile für Blutpumpen her, die in der Intensivmedizin im Einsatz sind.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Es gibt wohl kein Unternehmen in der Region, bei dem sich die Coronakrise nicht in irgendeiner Form bemerkbar gemacht hätte. Unternehmen wie Inotech in Nabburg konnten ihren Betrieb in den vergangenen Monaten aufrecht erhalten. Das hatte die Firma nicht zuletzt mit staatlichen Hilfen in Form von Kurzarbeit auf die Reihe bekommen. Inotech ist eines jener Unternehmen, von denen IHK-Geschäftsstellenleiter Markus Huber sagt, sie seien "mit dem berühmten blauen Auge" durch die Krise gekommen.

Umsatz zurückgegangen

Weniger leicht hatte es da beispielsweise die Firma Nabaltec in Schwandorf. Dem Halbjahresergebnis der AG zufolge ist der Umsatz des Unternehmens 2020 im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. Lag er nach den ersten sechs Monaten im Jahr 2019 bei rund 97 Millionen Euro, sind es heuer nur rund 82 Millionen. Damit steht einem Gewinn vor Zinsen und Steuern aus dem Vorjahreszeitraum von 12,4 Millionen Euro ein Gewinn von 2,1 Millionen Euro aus dem ersten Halbjahr 2020 gegenüber. Verantwortlich für den Rückgang macht Nabaltec die Auswirkungen der Coronapandemie.

Überraschend kommt das nicht. Dazu sagt der Vorstand der Nabaltec AG, Johannes Heckmann, in einer Pressemitteilung: "Wie wir bereits erwartet hatten, sind die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf das gesamte Marktumfeld im zweiten Quartal 2020 deutlich zu spüren gewesen. Der daraus resultierende Nachfragerückgang hat für Nabaltec auf Quartalssicht zu einem Umsatzrückgang von rund einem Viertel gegenüber dem Vorjahr geführt."

Gewinner in der Medizin

Grundsätzlich glaubt Markus Huber von der IHK nicht, dass es überhaupt einen Sinn macht, von "Gewinnern der Coronakrise" zu sprechen. "Der Winter muss zeigen, ob wieder genügend Aufträge reinkommen", sagt er. Allerdings gibt es schon Firmen, bei denen durch die Pandemie die Nachfrage an ihren Produkten gleichgeblieben, wenn nicht sogar gestiegen ist. Eines dieser Unternehmen ist Gerresheimer in Pfreimd.

Gemeinsam mit den Impfstoffherstellern bereiten wir die weltweiten Covid-19- Impfkampagnen vor. Dafür bauen wir zusätzliche Kapazitäten für die Herstellung von Injektionsfläschchen auf.

Dietmar Siemssen, Vorstand der Gerresheimer AG

Die Firma stellt Verpackungen aus Glas und Kunststoff für flüssige und feste Medikamente und Spritzen sowie Insulin-Pens und Asthma-Inhalatoren her. Insbesondere die Suche nach einem Corona-Impfstoff spielt Gerresheimer in die Karten. "Gemeinsam mit den Impfstoffherstellern bereiten wir die weltweiten Covid-19-Impfkampagnen vor. Dafür bauen wir zusätzliche Kapazitäten für die Herstellung von Injektionsfläschchen auf", teilt Dietmar Siemssen, Vorstandsvorsitzender der Gerresheimer AG, in einer Pressemitteilung mit.

Keine Umsatzeinbußen

Wie sich der Betrieb am Standort Pfreimd entwickelt hat, darüber kann Werksleiterin Birgit Heindl berichten. Dort produziert die Firma unter anderem Teile für Labordiagnostik wie Reagenzien und Pipetten. "Wir sind in einer Branche, die weder Umsatzeinbusen hatte, noch auf Kurzarbeit angewiesen war. In machen Bereichen ist es sogar mehr geworden", sagt Heindl. In Pfreimd stellen die Mitarbeiter zudem Inhalationsgeräte her.

Produkte, die direkt mit der Coronakrise zusammenhängen, werden in Pfreimd nicht hergestellt, sagt Heindl. Allerdings: "Wir stellen Inhalationsgeräte her, die für Lungenpatienten relevant sind." Mit dem Medikament befüllt Gerresheimer die Inhalatoren aber nicht. "Das machen unsere Kunden, die die Produkte dann in aller Welt vertreiben", sagt Heindl. In Pfreimd entstehen außerdem Komponenten für Blutpumpen, die in der Intensivmedizin eine Rolle spielen.

Fiebermessen vor der Arbeit

Pfreimd

Laut Heindl läuft das Geschäft gut, wirklich nennenswerte Erhöhungen der Aufträge oder eine spürbare Aufstockung des Personals gab es aber nicht. "Eine Zeit lang war es schon so, dass mehr Kunden angefragt haben. Da haben wir entsprechend personell reagiert. Alles in allem gab es aber keine größeren Ausschläge", sagt Heindl. Derzeit sind rund 600 Menschen am Standort Pfreimd beschäftigt. Am Eingang vor dem Werk in Pfreimd ist nach wie vor Fiebermessen angesagt.

Überraschende Überflieger

Gerresheimer ist aber nicht das einzige Unternehmen in der Region, das in der Krisenzeit einen zusätzlichen Schub verpasst bekommen hat. Einige Firmen haben profitiert, bei denen man zunächst nicht denken würde, dass ihr Kerngeschäft etwas mit der Krise zu tun haben könnte.

So hatte zum Beispiel der Landmaschinen-Hersteller Horsch allerhand zu tun. Die Belegschaft musste Sonderschichten einlegen und teils sogar an Samstagen arbeiten, um den Anfragen hinterherzukommen. Hintergrund dürfte sein, dass die Arbeit der Landwirte während der Coronakrise als systemrelevant galt, sie also auch während der Ausgangsbeschränkungen ungehindert ihrer Arbeit nachgehen durften.

Dass sich bei Horsch seitdem nichts geändert hat, was die Aufträge angeht, wird deutlich, wenn Pressesprecher Daniel Brandt auf Nachfrage mitteilt: "Die Aussage, dass unser Unternehmen weiter gut aufgestellt ist, gilt natürlich noch. Wir sind ja keine Firma mit Tagesgeschäften."

Boom mit Steinen und Veganem

In Stein gemeißelt scheint auch die Erfolgsschiene von Godelmann aus Fensterbach. Steine und Corona? Laut Geschäftsführer Bernhard Godelmann waren die Kurzarbeitsphase und die Ausgangsbeschränkungen für viele Menschen in der Region ausschlaggebend dafür, sich den eigenen vier Wänden zu widmen, also das Haus oder die Terrasse zu renovieren.

Dem Unternehmen "Absolute Vegan Empire" in Nabburg konnte die Krise ebenfalls nichts anhaben. Im Gegenteil. Europas größter Onlinehandler für veganes Essen musste seine Mitarbeiterzahl aufstocken. "Im April und Mai haben sich die Bestellungen verfünffacht. Wir haben etwa 5000 bis 6000 Neukunden dazubekommen", sagt Geschäftsführer Michael Schertl. Dafür dürfte neben dem Boom im Online-Handel während der Krise auch der Skandal um den Zerlegebetrieb-Riesen Tönnies zum Erfolg beigetragen haben.

Boom bei "Absolut Vegan Empire"

Nabburg
Hintergrund:

Ein Blick in die Bundesrepublik

Die Coronakrise hat die Wirtschaft weltweit ins Straucheln gebracht. In der Bundesrepublik war die Wirtschaft im zweiten Quartal um rund zehn Prozent eingebrochen. Laut dem Statistischen Bundesamt war das der stärkste Rückgang innerhalb eines viertel Jahres seit 1970. Mittlerweile gibt es zwar Anzeichen dafür, dass sich die Wirtschaft leicht erholt, das Bundeswirtschaftsministerium geht aber davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt bis zum Jahresende um rund sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgehen wird. Sollte es zu keinen erneuten drastischen Maßnahmen wegen der Pandemie kommen, dann schätzt das Ministerium, dass die Bundesrepublik ihr Vorkrisenniveau bis zu Beginn des Jahres 2022 wieder erreichen kann. Besonders hart von der Krise getroffen wurden neben dem Tourismus- und Gastgewerbe auch andere Branchen, wie zum Beispiel die Elektroindustrie, die chemische Industrie, das Maschinenbau-Gewerbe und die Fahrzeugindustrie. Das geht aus den Zahlen der im September veröffentlichten Studie der Prognos AG mit dem Titel „Auswirkungen des Lockdowns auf die regionale Wirtschaft“ hervor.

Kommentar:

In der Krise könnten wir zu uns finden

Das Coronavirus hat gezeigt, dass unsere Wirtschaft verletzbar ist. Vor allem aber hat die Pandemie uns erkennen lassen, dass wir als menschliche Lebewesen verletzbar sind. Eine Einsicht, die in unserer Gesellschaft viel zu wenig präsent ist. Ist es nicht komisch, dass wir in einer Zeit leben, in der wir in der Regel eher an eine Schadsoftware gedacht haben, wenn jemand von Viren gesprochen hat, als darunter eine den menschlichen Organismus bedrohende Krankheit zu verstehen?
Vielleicht steckt in der Krise wirklich eine Chance, weil Menschen wieder mehr Bewusstsein dafür bekommen, dass sie ein Teil der Natur und nicht der Technik sind. In einem seiner Bücher fragt der Fernseh-Philosoph Richard-David Precht: „Wie viele Menschen fühlen sich heute eher verwandt mit ihrem Smartphone als mit Tieren und Pflanzen?“ Damit hat er gar nicht so unrecht.
Die Coronakrise ist schlimm, sie zerstört Existenzen und reißt geliebte Menschen aus dem Leben. Aber wir können die Zeit nicht zurück drehen. Wäre es nicht zumindest wünschenswert, wenn am Ende dieser schrecklichen Phase die Erkenntnis stehen würde, dass wir Menschen empfindende Tiere, die leben wollen, inmitten empfindender Tiere, die leben wollen, sind? Vielleicht ist das einen Gedanken wert.

Wolfgang Ruppert

Weil die Firma Gerresheimer mit einem Standort in Pfreimd vorwiegend medizinische Produkte herstellt, ist sie bislang ohne Einschränkungen durch die Coronakrise gekommen. Andere Firmen, von denen man es zunächst nicht erwarten würde, haben sogar zugelegt.

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