04.12.2020 - 09:20 Uhr
NabburgOberpfalz

Bundesweite Pestizid-Studie: "Ackergifte sind überall"

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Die Beteiligten einer bundesweiten Pestizid-Studie schlagen Alarm. Insgesamt 78 Pestizid-Wirkstoffe wurden bei Luftmessungen allein in Bayern gefunden. Eine Oberpfälzerin erklärt, warum das problematisch ist.

Sophia Guttenberger ist Referentin am Umweltinstitut München.
von Mareike Schwab Kontakt Profil

Die Nabburgerin Sophia Guttenberger arbeitet am Umweltinstitut München. Der unabhängige Verein setzt sich gegen Atomkraft, für gentechnikfreies Essen und Ökolandbau ein. Dabei betreibt er selbst Forschungsarbeit.

ONETZ: Im September hat das Umweltinstitut mit dem "Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft" die Studie "Pestizid-Belastung in der Luft" veröffentlicht, an der sie mitgearbeitet haben. Was war ihr Anteil?

Sophia Guttenberger: Meine Arbeit bestand vor allem darin, die Ergebnisse auch für nicht Wissenschaftler verständlich aufzubereiten. Wir haben Gespräche mit unseren Partnern und den für die Studie verantwortlichen Wissenschaftlern geführt, um daraus eine runde Sache zu machen, mit verständlichen Texten und anschaulichen Grafiken.

ONETZ: Warum ist das Thema wichtig?

Sophia Guttenberger: Pestizide verbleiben nicht, wie lange angenommen, am Ort der Ausbringung. Sie werden kilometerweit davon getragen. Einige sind wahrscheinlich krebserregend oder beeinträchtigen die Fruchtbarkeit. So etwas möchte ich nicht auf Spielplätzen wissen oder beim Familienspaziergang einatmen.

Ein anderer Blickwinkel auf die Biotope in Weiden

Weiden in der Oberpfalz

ONETZ: Was genau sind denn überhaupt Pestizide?

Sophia Guttenberger: Es sind Mittel, die für die Ernte schädliche Pilze, Pflanzen oder Tiere töten oder vertreiben. Manche hemmen das Wachstum oder die Vermehrung oder dienen dazu, die Getreidehalme zu verkürzen. Die drei größten Gruppen richten sich gegen Insekten (Insektizide), Beikräuter (Herbizide) und Pilze (Fungizide). Es gibt auch Mittel gegen Nagetiere, Schnecken oder Vögel.

ONETZ: Was war das Ziel der Studie?

Sophia Guttenberger: Der Transport von Pestizid-Wirkstoffen über die Luft wurde bislang nur aufgrund theoretischer Berechnungen berücksichtigt. Die Studie sollte herausfinden, ob sich Pestizide wirklich kilometerweit verteilen.

ONETZ: Waren sie vom Ergebnis überrascht?

Sophia Guttenberger: Ich war überrascht, wie viele Pestizide wir an einzelnen Messstandorten fanden, bis zu 34 Wirkstoffe. Außerdem finde ich es beunruhigend, dass der wahrscheinlich krebserregende Stoff Glyphosat an allen Standorten mit Passivsammlern nachgewiesen wurde.

Ein Passivsammler ist eine Messeinrichtung, die ohne Energiezufuhr die zu messende Komponente sammelt. Er wird sowohl zur Überwachung von Innenraum- und Außenluft eingesetzt.

ONETZ: Wie sehen die Ergebnisse in der Oberpfalz aus?

Sophia Guttenberger: In der Oberpfalz gab es zwei Messstandorte. Ein Passivsammler stand in Hohenburg (Kreis Amberg-Sulzbach) und es wurden Filtermatten der Be- und Entlüftungsanlage eines Wohnhauses in Neumarkt beprobt. In Hohenburg wurden 15 Pestizide gefunden, in Neumarkt eines. Auch in der Oberpfalz werden also Pestizide über die Luft verbreitet.

ONETZ: Wie wird es weiter gehen? Was kann die Studie bewirken?

Sophia Guttenberger: "Die Studie kann hoffentlich bewirken, dass im ersten Schritt das europäische Zulassungsverfahren verschärft wird und zum Beispiel besser untersucht wird, ob Pestizide auf dem Acker bleiben. Außerdem fordern wir ein jährliches Monitoring im Hinblick auf Pestizide in der Luft. Und natürlich ist unser Ziel, dass grundsätzlich weniger und schlussendlich gar keine Pestizide mehr eingesetzt werden."

Weniger Gift für mehr Insektenschutz

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Insgesamt wurden in Bayern 78 Pestizid-Wirkstoffe gefunden. Darunter fünf der kritischsten Pestizide: Glyphosat, Metolachlor, Pendimethalin, Prosulfocarb und Tervuthylanzin.
Hintergrund:

Zur Person: Sophia Guttenberger

  • Geboren 1988, aufgewachsen in Nabburg
  • nach dem Abi Biologie-Studium an der Uni Würzburg
  • Praktika beim "Neuen Tag" in Nabburg und bei "Spektrum der Wissenschaft" in Heidelberg
  • Seit 2015 Referentin beim Umweltinstitut in München
  • Verheiratet und Mutter von zwei Kindern

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