09.08.2019 - 16:21 Uhr
NabburgOberpfalz

Adieu mit gutem Gewissen

Die unaufgeregte und vermittelnde Art Birgit Angerers hat dem Freilandmuseum Neusath-Perschen gut getan. Es zeigt, was früher war, ist aber nicht in der Vergangenheit stehen geblieben, sondern greift aktuelle Themen auf.

Den „Webergirgl“ mag Birgit Angerer besonders gern, aber auch mit dem Urschlbauernhof verbindet sie positive Erinnerungen.
von Irma Held Kontakt Profil

Birgit Angerer mag diese Einrichtung, die sie seit 2007 leitet und zum 31. Dezember verlässt. Das ist aus vielen ihrer Worten herauszuhören. Das Museum ist ihr wirklich ans Herz gewachsen, so banal es klingen mag. Wer der promovierten Kunsthistorikerin und Volkskundlerin zuhört, wird angesteckt von ihrer Liebe zu alten Häusern zum Beispiel, von ihrer Liebe zu den Menschen, denn diese können sie mehr motivieren als Ideen.

Voller Leben

Die Gebäude stellen für sie nicht nur tote Objekte dar, sondern stecken voller Leben, das Leben der Bewohner. Dabei neigt die 63-Jährige nicht zum Idealisieren oder Verklären. Heimattümelei ist ihr fremd. Das Leben früherer Generationen wird schonungslos gezeigt, in seiner ganzen Erbärmlichkeit, in seiner ganzen Kargheit. Da steht die Norddeutsche im Widerspruch zu all denjenigen, "die denken, dass früher alles viel besser war". Doch: "Wir haben Wohlstand und Freiheit gewonnen."

"Insgesamt ist dieses Museum besonders schön", sagt Birgit Angerer, gerät fast ins Schwärmen und wirkt auf ihre zurückhaltende Art so überzeugend, dass es gar nicht anders sein kann. Ein Grund für diese Einzigartigkeit liegt in der Planung. "Die Kulturlandschaft wurde gleich mitgeplant." Das ist ein Pfund, mit dem Neusath-Perschen wuchern kann. Bewahren und Erhalten ist das eine, aber die Museumsleiterin wollte auch Dinge anstoßen. Als Beispiel nennt sie das Maibaum aufstellen und die Museumskirwa. Neusath-Perschen hat diese Bräuche wieder in den Jahresablauf eingebettet. Jetzt seien sie in vielen Dörfern Gang und Gäbe. Das macht die 63-Jährige irgendwie stolz.

Anregungen geben

Nachhaltigkeit etwa ist ein topaktuelles Thema, das ihrer Auffassung nach, auch zu den Aufgaben des Museums zählt. Es beteiligt sich jährlich an der Weltwasserwoche und ist Umweltstation. Mit dem Markt im Bauernmuseum Perschen hat die aus der Nähe von Hamburg stammende Wissenschaftlern eine erfolgreiche Plattform für Direktvermarkter geschaffen. Jahresthemen und moderne Ausstellungen seien dazu da, Diskussionen zu initiieren. "Das Museum sollte Anregungen zum Nachdenken geben." Davon ist sie überzeugt.

Birgit Angerer sieht sich als Noch-Museumsleiterin in einem Spannungsfeld zwischen Dienstleistung, wissenschaftlicher Arbeit und Management. "Irgendwas ist immer. Mal ist ein Pferd krank, mal ein Traktor kaputt." Mit 38 Angestellten ist der Museums- mit einem mittelständischen Betrieb vergleichbar. Birgit Angerer, Sternzeichen Waage, hat es geschafft, die Mitarbeiter unter einen Hut zu bekommen und "nicht in die totale Routine zu verfallen".

Ihr eigener wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt in der Zeit um 1800 und das schönste Buch über Landwirtschaft ist für sie der "Michel aus Lönneberga". Und da schimmert sie wieder deutlich durch, ihre Sympathie für das Menschliche, ihre Empathie, ihre Liebe auch zu alten Häusern. Das "Webergirgl"-Haus zählt zu ihren Lieblingsgebäuden. "Da ist das Gefühl da, dass es immer einigermaßen gut gegangen ist." Wer da auf wen abfärbt, die Bewohner auf das Haus oder umgekehrt, will sie nicht bewerten. "Das ist aber auch nicht wissenschaftlich." Genauso wenig wissenschaftlich begründet, ist ihre zweite Museumsliebe, der Urschlbauernhof. Da saß sie mal ganz zu ihrer Anfangszeit in Neusath-Perschen und im Stall nebenan waren die Pferde zu hören. "Das war beruhigend", erinnert sie sich noch heute gerne an diese Situation und verlässt auch mit einem guten Gewissen das Museum. "Was gegangen ist, habe ich auch gemacht."

Kreisheimatpflege:

Alte Bauten

Seit kurzem ist die in Regensburg wohnende Birgit Angerer Kreisheimatpflegerin für den nördlichen Landkreis und bleibt über dieses Ehrenamt der Region verbunden, in der sie viele Kontakte und Freunde hat. Kreisheimatpfleger müssen bei denkmalpflegerischen Belangen gehört werden. Doch Birgit Angerer möchte in dieser Funktion auch etwas bewirken. Sie will ein denkmalpädagogisches Programm zusammenstellen und auf ihr Steckenpferd setzen: alte Bauten und Bauernhäuser. "Ich möchte jungen Leuten beibringen, warum es schön ist, in einem alten Haus zu wohnen." Vielleicht könnte sie das mit Pfreimd und er dortigen Schule anstoßen, mit der das Museum bereits in einem Gartenprojekt zusammenarbeitet.

Birgit Angerer

Ich bin sehr stark von Menschen abhängig. Menschen können mich mehr motivieren als Ideen oder Sachen.

Museumsleiterin Birgit Angerer

Museumsleiterin Birgit Angerer

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