11.12.2020 - 17:16 Uhr
NabburgOberpfalz

300 laufende Meter Archivbestand: Wegen Corona mehr Arbeit für Nabburger Stadtarchivar

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Urkunden und Protokolle, Staub und düstere Räume, gelegentlich Schimmel: Das öffentliche Klischee über Archive hat meist einen wahren Kern. Dass dies nur eine Seite ist, beweist der 30-jährige Nabburger Stadtarchivar Felix Engel.

Was kann weg und was muss für nachfolgende Generationen bewahrt werden? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Historiker Felix Engel täglich. Ohne Ordnung würde ein Archivar sofort im Chaos versinken, beteuert Engel.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

„Gedächtnis der Stadt“, „Geschichtsspeicher“, „Tor zur Vergangenheit“: Die Sammlung von Schlagwörtern für kommunale Archive ist groß – und die Beschreibungen sind treffend. Auch in Nabburg. In den beengten Räumlichkeiten im Dachgeschoss am Unteren Markt 4 ist Felix Engel seit über einem Jahr Herr über 300 laufende Meter Archivbestand. „Die Urkundenüberlieferung reicht bis ins Jahr 1300 zurück. Das ist für eine Kleinstadt wie Nabburg schon besonders“, sagt der 30-Jährige über den historischen Schatz.

Im Archiv der Verwaltungsgemeinschaft Nabburg lagern nicht nur teils viele Jahrhunderte alte Bestände der Stadt selbst, sondern auch der Gemeinden Guteneck und Altendorf. „Die Ratsprotokolle reichen bis 1470 zurück und sind fast geschlossen erhalten. Das macht den Bestand in seiner Gesamtheit sehr wertvoll“, sagt der gebürtige Magdeburger. Auch sei mit ihrer historischen Altstadt, den Stadtmauern und Toren die Geschichte in Nabburg sehr lebendig. „Das historische Potenzial ist enorm. Man sieht das am Baubestand – und am Archivbestand“, erklärt Engel.

Aussortieren und Wegwerfen

Trotz der reichen Geschichte: Zu Engels Aufgaben gehört zuvorderst das Wegwerfen. „Ich bin für die kommunale Überlieferung zuständig und prüfe, ob amtliche Bestände archiviert oder vernichtet werden.“ Nur, was wertvoll ist, wird aufgehoben. Der Rest kommt weg. Wie wichtig die Selektion ist, zeigt gerade das Nabburger Archiv, das aus allen Nähten platzt. „In den vergangenen Jahren ist kaum mehr etwas hinzugekommen. Die Räume geben es nicht mehr her“, sagt der 30-Jährige. „Die Kollegen aus dem Rathaus musste ich schon vertrösten, weil die Bestände der Registratur nicht mehr reinpassen.“

Doch längst überfällige Abhilfe ist in Sicht. Ende kommenden Jahres soll das Archiv eine neue Heimat bekommen und ins Büro-Gewerbezentrum (BGZ) in der Bachgasse umziehen. Die unmittelbare Nachbarschaft zur dort ansässigen Lokalredaktion der Oberpfalz-Medien passt: „Ich verwahre im Archiv auch die Ausgaben des Neuen Tags. Die ältesten reichen bis in die 1950er Jahre zurück“, erklärt Engel.

Die Handschrift der Nabburger Stadtschreiber ist teilweise eine Sauklaue. Ohne Kenntnisse der Paläographie geht da meistens nichts.

Stadtarchivar Dr. Felix Engel

Schimmel an den Urkunden

Die alten Archivräume sind schon länger untragbar. Während sich im Winter die Raumtemperatur durch die Heizung einigermaßen konstant halten lasse, sei dies in den heißen Monaten laut dem promovierten Historiker unmöglich. „Die Temperaturschwankungen im Dachgeschoss sind enorm. Im Sommer hat es hier 30 Grad. Das begünstigt den Schimmelbefall.“ Grau-grünliche Flecken und Streifen auf einigen der wertvollen Urkunden belegen dies. Hinzu kommt das enorme Gewicht der prall gefüllten Regalstrecken. „Wir haben hier statische Probleme, weil die tragenden Balken aus Holz sind.“

Die neuen Magazinräume in der früheren Sparkasse werden nicht nur deutlich größer sein, sondern: „Es ist ein Glücksfall, dass sie nicht unterkellert sind. So müssen wir beim Bestand nicht auf das Gewicht achten“, freut sich Engel. Das neue Archiv erhält auch einen Quarantäneraum für vom Schimmel befallene Archivalien, getrennte Arbeits- und Magazinräume, und es wird barrierefrei ausgebaut. „Viele Benutzer und geschichtlich Interessierte sind schon älter. Die kommen hier oftmals gar nicht mehr hoch“, beschreibt Engel die Unzulänglichkeiten des alten Archivs im Dachgeschoss des Gebäudes am Unteren Markt 4.

Urkunden im Tresorraum

Mit einem Schmunzeln im Gesicht berichtet der Historiker von einer Besonderheit der neuen Räume. Die wertvollsten Dokumente – Urkunden und Ratsprotokolle – will Engel nämlich im früheren Tresorraum der Bank verwahren. Nicht mehr Geld und Gold werden dort künftig geschützt, sondern historische Schätze. Eine Gravur auf der schweren Eisentür zum Tresorraum verrät zudem, dass die Tür in Engels Geburtsstadt Magdeburg hergestellt wurde – „ich hab schon gesagt, die muss unbedingt drin bleiben“, erzählt der Archivar und lacht.

Die Leute haben im Lockdown mehr Zeit und fangen an, sich auf die Spuren der Geschichte zu begeben.

Stadtarchivar Dr. Felix Engel

Stadtarchivar Dr. Felix Engel

Wichtig ist, dass die Beschaffung eines neuen, professionellen Archivscanners geplant ist. „Die Digitalisierung spielte hier bislang überhaupt keine Rolle“, sagt Engel. Vor allem in den großen und überregionalen Archiven ist man hier deutlich weiter. Eingescannte Dokumente erhöhen die Nutzerfreundlichkeit. Forscher müssen die alten, teils empfindlichen Archivalien dann nicht mehr händisch aus den Regalen holen, sondern können sie am PC betrachten – über das Internet auch von Zuhause. „Mittel- bis langfristig ist es mein Ziel, eine Auswahldigitalisierung zu starten und die gescannten Dokumente den Benutzern dann auch auf der Homepage zur Verfügung zu stellen“, kündigt Engel an. Mit dem sperrigen Begriff der Auswahldigigtalisierung deutet er jedoch an, dass es unmöglich ist, die 300 laufenden Meter Archivbestand vollständig einzuscannen. „Das geht niemals. So viel Arbeitszeit gibt es gar nicht.“

Corona und Geschichte

Deutlich mehr Arbeitszeit musste Engel in den jüngsten Monaten auf Recherche verwenden. Neben dem Sichten und Archivieren von Unterlagen gehört nämlich auch das Bearbeiten von Privatanfragen zu den Aufgaben des Stadtarchivars. Viele Bürger hätten den Wunsch, etwas über die Familiengeschichte oder einzelne Vorfahren zu erfahren. „Es gibt viele Anfragen zur Zeit aus dem Zweiten Weltkrieg oder zu Stammbäumen.“ So habe ein Mann als Hochzeitsgeschenk für seine Schwester den Familienstammbaum erforschen lassen. „Ich konnte die Verbindungen weit bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen“, sagt Engel. „Es ist schön, wenn man sieht, dass die Leute ein ehrliches Interesse an Geschichte haben und ich hier helfen kann.“

Gerade diese „Geschichtsforschung im Kleinen“ habe für viele eine große, teils auch emotionale Bedeutung. Den Sprung bei den Recherche-Anfragen erklärt sich der Historiker besonders mit der Pandemie. „Corona spielt da wahrscheinlich eine Rolle. Die Leute haben im Lockdown mehr Zeit und fangen an, sich auf die Spuren der Geschichte zu begeben.“ Wegen des Mehraufwands habe die Stadt inzwischen auch eine Gebührenordnung erlassen – Privatanfragen sind nun nicht mehr kostenlos. „Die Kosten dafür halten sich aber Grenzen“, beruhigt Engel. Auch blieben Anfragen zu Heimatkunde und Geschichtsforschung wegen des öffentlichen Interesses kostenlos.

Handschriften kaum lesbar

Doch nicht immer lassen sich historische Geheimnisse auf die einfache Art lüften. Oft ist viel Geduld gefragt – und Fachwissen. Das betrifft besonders Urkunden aus dem Mittelalter, die teils stark verbleicht in lateinischer oder altdeutscher Schrift verfasst und nur noch äußerst schwer zu entziffern sind. Dass es damals keine Schreibmaschinen oder Computer mit einheitlichen Schriftarten gab, macht die Sache zusätzlich komplex. Die städtischen Ratsprotokolle seien hier laut Engel ein gutes Beispiel. „Die Handschrift der Nabburger Stadtschreiber ist teilweise eine Sauklaue. Ohne Kenntnisse der Paläographie geht da meistens nichts.“ Sein Vorgänger als damals noch ehrenamtlicher Betreuer des Archivs, der pensionierte Studiendirektor Bertram Sandner, habe hier aber bereits gründlich vorgearbeitet, lobt Engel. „Herr Sandner hat Regesten-Werke für die Urkunden erstellt. Wer das Original nicht entziffern kann, braucht nur in die Übersetzung schauen.“

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Nabburg
Ein Blick in den Journalismus der 1950er Jahre – die archivierten Ausgaben des Neuen Tags.
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