11.12.2020 - 13:06 Uhr
MitterteichOberpfalz

Atommülllager im Stiftland: Als ganz Mitterteich auf die Straße ging

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Am 13. Dezember 1980 passierte etwas höchst Ungewöhnliches: Mehrere tausend Bürger gingen in Mitterteich demonstrieren. Das geplante Zwischenlager für Atommüll in der Stadt trieb die Massen auf die Barrikaden.

Erste Demonstration gegen das Atommülllager in Mitterteich am 13. Dezember 1980.
von Michaela Kraus Kontakt Profil

Ein riesiger Protestmarsch formierte sich vor 40 Jahren in Mitterteich. "München frisst den Speck, Mitterteich den Dreck", stand auf einem der vielen Transparente. "Wir wollen nicht der Atom-Abfalleimer in Bayern werden", "Grenzlandhilfe ja - Atommüll nein", "Forschung in München, Abfall in Mitterteich - gemeinsam nein": Die Ablehnung des geplanten Zwischenlagers war deutlich. Zwischen 6000 und 10000 Menschen - die Schätzungen gingen auseinander - zogen durch die weihnachtlich geschmückten Straßen von Mitterteich. Rentnerinnen und Studenten, Handwerker und Schülerinnen, Akademiker, Landwirte und Hausfrauen waren dabei. Quer durch die Alters- und Gesellschaftsschichten ging der Protest.

Die Nachricht schlug ein wie die sprichwörtliche Bombe. "Das war überall Gesprächsstoff damals, mindestens so wie heute Corona", erinnert sich Gerhard Wehner. Der Mitterteicher, Jahrgang 1942, organisierte mit vielen Mitstreitern die "Bürgerinitiative gegen Atommüll im Grenzland". Sie besteht als eingetragener Verein immer noch. Vor 40 Jahren schlossen sich spontan rund 1400 Mitglieder an und hielten den Protest einige Jahre aufrecht.

Die wohl größte Demo in der Geschichte des Landkreises Tirschenreuth hat eine kurze Vorgeschichte. "Radioaktives Mülllager in Mitterteich", lautete die Schlagzeile nach der Bekanntgabe am 20. November vor 40 Jahren. Bayerns Umweltminister Alfred Dick hatte in München den überraschenden Plan vorgestellt, vor den Toren der industriell geprägten Stadt zwei Zwischenlager für schwach- und mittelradioaktiven Müll zu bauen - das größere für Abfälle aus Kernkraftwerken, das kleinere für verstrahlte Hinterlassenschaften aus Medizin, Forschung und Industrie. Die Lagerkapazitäten am Forschungszentrum in Neuherberg waren erschöpft, ein Endlager nicht in Sicht.

Protest auch aus der CSU

"Das war ein richtiger Aufstand damals", erinnert sich Wehner. "Von der Oma bis zum Kleinkind waren alle dabei. Unheimlich viele Leute haben sich engagiert, ganz unabhängig von Parteien." Auch aus der CSU, die mit großer Mehrheit die Landtagswahlen gewonnen hatte, kam erheblicher Widerstand. Zum Beispiel von Klaus Arbter. Der Kernkraftgegner, CSU-Kreisrat und Kreisvorsitzende des Bund Naturschutz hat viele Protestaktionen mit organisiert: "Das war ein großer Aufruhr damals." Die Demonstranten gingen nicht alle hauptsächlich gegen Atomkraft auf die Straße. Deutlich ausgeprägt war die Wut über das "Geschenk" der Staatsregierung in einem Landstrich, der sich vernachlässigt fühlte: "Wenn wir sonst was wollen in der vergessenen Oberpfalz, geschieht nichts", fasst Arbter die damals verbreitete Stimmungslage zusammen.

Besondere Prügel im übertragenen Sinn bekam der Überbringer der Nachricht, der damalige Landtagsabgeordnete Ernst Dietz – ein Mitterteicher. Er verteidigte die Standortentscheidung bis zuletzt und verstand den Widerstand nicht, der sich auch in persönlichen Anfeindungen äußerte. Die Handvoll neuer Arbeitsplätze, die er als Grenzlandhilfe ansah, empfanden selbst viele Parteikollegen als Hohn. Letztlich wurde Dietz aus dem Ortsverband ausgeschlossen, die CSU nominierte ihn nicht mehr als Landtagskandidaten. Nach dem abrupten Ende seiner politischen Karriere ging der Lehrer nicht an die Schule zurück, sondern in die Dienste der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung (DWK). Die beschloss im Februar 1985 dann Wackersdorf als Standort für eine WAA.

Mit dem Motorrad durch den russischen Tiefschnee

Sulzbach-Rosenberg

Dieses Vorhaben zog den größten Protest nach sich, den die Oberpfalz je erlebt hat. Doch zurück nach Mitterteich, wo sich an einem Dezember-Samstag vor 40 Jahren Tausende zum Widerstand gegen das Atommülllager formierten. Von der Zanklgartenstraße aus zogen die Demonstranten über den Markt, die Bachgasse hinunter, zur Färberbrücke und zurück auf den Oberen Markt. "Da gab es die tollsten Sprüche", weiß Gerhard Wehner. Alte Fotos belegen es: "Dietz bringt die Atommüllstrahlen, er vergisst die nächsten Wahlen", hieß es auf einem Transparent. Ein anderes spielte auf die Heimat des damaligen CSU-Landtagsabgeordneten und späteren Ministers August Lang an: "Der Atommüllkampf, der ist bald aus, der Dreck, der kommt ins Zottbachhaus." Manche Demonstranten liefen in Gasmasken mit, auch ein symbolischer Sarg war dabei.

Gar nicht lethargisch

"Die Leute waren schon erbost, aber es gab keine Ausschreitungen", berichtet Klaus Arbter von der Kundgebung 1980. Der BN-Vorsitzende hielt damals selbst eine kurze Rede und zeigte sich überwältigt von der Resonanz: In München habe man sich ordentlich geirrt im Vertrauen auf die Lethargie der Oberpfälzer. Mit angeführt wurde der Demonstrationszug von Bürgermeister Karl Haberkorn, der später Landrat wurde, und SPD-Bundestagsabgeordnetem Ludwig Stiegler. Die beiden sprachen sich klar gegen das Atommülllager in Mitterteich aus. Ihre Solidarität bekundeten auch Vertreter aus vielen Nachbargemeinden. Landrat Franz Weigl rief zur Besonnenheit auf und bat die Staatsregierung, die Standortwahl nochmals zu überdenken.

„Das war damals wie jetzt bei den Brexit-Verhandlungen.“

Franz Kunz, ehemaliger BI-Sprecher, über die gegensätzlichen Standpunkte

Das tat der Freistaat bekanntlich nicht, sondern zog das Vorhaben auch gegen den Widerstand der Stadt und gerichtliche Schritte der Bürgerinitiative durch. Unvergessen ist vielen Mitterteichern der Auftritt von Umweltminister Alfred Dick, der sich ein knappes Jahr nach Bekanntwerden der Pläne erst dem Stadtrat und dann den Fragen der Bürger stellte. "Minister Dick, behalt dein Mist, da er doch gefährlich ist, denn wenn er ungefährlich wär, käm er nach Mitterteich nicht her" – mit diesem Spruchband empfing ihn die Bevölkerung. "Da war die Stimmung schon recht aufgeheizt", beschreibt Franz Kunz die Lage. Der damals 34-jährige Gymnasiallehrer aus Mitterteich war einer der drei BI-Vorsitzenden und außerdem CSU-Stadtrat. Die unterschiedlichen Ansichten trafen im Oktober 1981 ohne Annäherung aufeinander: "Das war damals wie jetzt bei den Brexit-Verhandlungen."

Vergebens ist der Widerstand dennoch nicht gewesen, findet Klaus Arbter. "Kurz danach begann ja die Diskussion über die Wiederaufarbeitung. Die Proteste gingen nahtlos weiter in Wackersdorf." Der heute 83-Jährige bescheinigt der Anti-WAA-Bewegung durchschlagenden Erfolg. Franz Kunz verweist auf einige bauliche Verbesserungen, die im sumpfigen Birkigt-Gebiet für das Atommülllager erreicht wurden. Und Gerhard Wehner blickt durchaus dankbar auch auf die kulturelle Bereicherung zurück, die sich durch Auftritte von Gerhard Polt, der Biermösl-Blosn, Dieter Hildebrandt und vielen anderen Künstlern ergab.

Messgerät auf dem Dachboden

Auf Wehners Dachboden in Mitterteich misst übrigens noch heute ein von der Bürgerinitiative angeschafftes Gerät ständig die Radioaktivität der Umgebung. Auffälligkeiten? "Gab es gottseidank noch keine", stellt der BI-Vorsitzende fest. Die speziell für Strahleneinsätze ausgerüstete Mitterteicher Feuerwehr veranstaltet regelmäßig Übungen, ein Bürgerbeirat mit Vertretern der Stadt und des Landkreises erhält Einblicke in das Geschehen im Birkigt.

Es ist ruhig geworden um das einst so umstrittene Atommülllager. Und vielleicht wird es in absehbarer Zeit noch ruhiger: Die Betriebsgenehmigung für Mitterteich läuft Ende 2028 aus. Und anders als für hoch radioaktive Stoffe gibt es für schwach- und mittelradioaktive Abfälle bundesweit bereits ein genehmigtes Endlager im Schacht Konrad. Das ehemalige Eisenerzbergwerk in Niedersachsen soll einmal über 300.000 Kubikmeter dauerhaft aufnehmen. Aber auch dort gab es massive Bürgerproteste: Der Genehmigungsprozess dauerte gut 20 Jahre.

Die Sicherheit des Atommülllagers im Katastrophenfall ist immer wieder Thema

Tirschenreuth

Der Betrieb des Zwischenlagers Mitterteich soll nicht verlängert werden

Mitterteich
Hintergrund :

Proteste säumen Weg zum Atommülllager

Ein langer Protestweg säumt die Entstehung des Zwischenlagers in Mitterteich, das maximal 40000 Gebinde aus kerntechnischen Anlagen und 10000 Behälter aus Medizin und Industrie aufnehmen kann. Einige Stationen:

  • November 1980: Die Staatsregierung gibt die Pläne samt Standortentscheidung für Mitterteich bekannt. Daneben waren Ebenhausen (Oberbayern), Gallenbach (Schwaben), Schweinfurt (Unterfranken) und Schwabach (Mittelfranken) in der Auswahl.
  • Dezember 1980: erste Großdemonstration in Mitterteich.
  • Januar 1981: Gründung der Bürgerinitiative (BI) gegen Atommüll im Grenzland.
  • April 1981: Rund 1000 Bürger reisen in Bussen und Privatautos nach München zum Protest vor der Staatskanzlei
  • März 1982: BI und Bund Naturschutz übergeben mehr als 30000 Unterschriften an Landrat Franz Weigl. Zweite Großdemo in Mitterteich.
  • April 1983: dritte Demonstration in Mitterteich.
  • August 1983: Regierung der Oberpfalz erteilt Baugenehmigung.
  • September 1984: Die Klage der BI gegen die Baugenehmigung wird abgewiesen.
  • Juni 1985: Die Klage der BI auf Baustopp wird abgewiesen.
  • Oktober 1985: Die ersten Fässer mit Atommüll kommen in Mitterteich an.
  • Januar 1986: Die BI, die von weiteren gerichtlichen Schritten wegen des hohen finanziellen Risikos absieht, löst sich nicht auf. Der Widerstand verlagert sich zunehmend nach Wackersdorf.

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