13.08.2020 - 14:54 Uhr
MitterteichOberpfalz

100 Tage im Amt: Landrat Roland Grillmeier über Corona, Kliniken AG und Gewichte stemmen im Keller

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Den Einstieg stellte sich Roland Grillmeier anders vor: Der neue Landrat des Landkreises Tirschenreuth war durch die Corona-Krise und die Diskussionen um die Kliniken Nordoberpfalz AG sofort mit zwei großen Problemen konfrontiert.

Landrat Roland Grillmeier zusammen mit seiner Frau Claudia im Esszimmer. Sein Tablet hat er bei fast allen Terminen griffbereit.
von Martin Maier Kontakt Profil

Gut 100 Tage nach der Amtsübernahme ist es üblich, eine erste Bilanz zu ziehen. Landrat Roland Grillmeier lädt dazu in sein Haus nach Mitterteich. Fürs Foto steigt er schnell auf sein Bike. Wobei er das oft nutzt. So paradox es klingt: Zeit dafür hat der 49-Jährige momentan mehr als sonst. Durch die Covid-19-Beschränkungen gibt es für den Berufspolitiker viel weniger Vereins- und Abendtermine, als er eigentlich seit zwei Jahrzehnten gewohnt ist. „Nach dem Stress der letzten Wochen ist das auch gut. Das habe ich gebraucht“, steigt der Landrat gleich in das alles prägende Thema ein: die Corona-Krise.

Keinen Landkreis in Deutschland hat die Pandemie so hart getroffen. Daher war es für Grillmeier ein sehr turbulenter Start. Schon kurz nach der Kommunalwahl Mitte März hatte ihn der damalige Landrat Wolfgang Lippert fest in den Krisenstab mit eingebunden. Bevor er im Mai offiziell sein neues Amt antrat, war Grillmeier Bürgermeister von Mitterteich. Der Ort, über den die erste Ausgangssperre Deutschlands verhängt wurde, da dort die Corona-Zahlen explodiert waren.

Roland Grillmeier setzt sich bei der Landratswahl im März 2020 schon im ersten Wahlgang durch

Tirschenreuth

„Mittlerweile sind wir fast ein Muster-Landkreis“, verweist der CSU-Politiker darauf, dass es schon seit über fünf Wochen keine gemeldeten Corona-Neuinfektionen im Landkreis gibt. Trotzdem mahnt er die Bürger, wachsam zu bleiben. „Es ist wichtig, dass wir uns alle an die Regeln halten.“ Aus all den Erfahrungen der vergangenen Wochen ergibt sich daher die Frage:

Welche Lehren zieht der Landrat aus der Corona-Krise?

Tiefes Durchatmen bei Roland Grillmeier. Er gibt zu: „Jeder würde es heute anders machen.“ Ende Februar/Anfang März hätten noch die meisten Bürger ihr normales Alltagsleben geführt. „Die Masse war der Meinung, dass so etwas wie in Heinsberg bei uns kaum passieren kann.“ Auch er sei im Februar, wie viele andere auch, noch relativ locker mit der Sache umgegangen. Grillmeier habe in den vergangenen Monaten viel Kontakt zu Kollegen gehabt, in ganz Bayern habe es Anfang März noch Veranstaltungen gegeben. Fast alle seien sorglos gewesen.

Eine Studie des Robert-Koch-Instituts hat untersucht, warum die Coronazahlen im Landkreis Tirschenreuth so hoch waren

Tirschenreuth

Im Rückblick hätte man Veranstaltungen wie beispielsweise das Starkbierfest in Mitterteich absagen müssen. Der Landrat ist sicher: „Es hätte einen früheren bayernweiten Lockdown geben müssen. In manchen Gebieten war schon erkennbar, dass es Urlaubsrückkehrer gibt, die das Virus mitbringen, während es in der Oberpfalz noch keine Infizierten gab.“

Allerdings wären hier Institutionen wie das Landesamt für Gesundheit und das Robert-Koch-Institut gefordert gewesen. Das System habe ein Stück weit versagt. Letztendlich „hat es keine konkreten Anweisungen gegeben“. Der Landkreis sei somit auf eine solche Situation nicht vorbereitet gewesen. Trotzdem hätten alle Verantwortlichen auf die Ereignisse „schnell und effektiv“ reagiert. „Hier hat sich unsere Stärke der ehrenamtlichen Strukturen wieder gezeigt.“

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise für den Landkreis?

Der Mitterteicher glaubt nicht, dass die deutschlandweiten Medienberichte über den Landkreis als Corona-Hotspot Nummer eins nachhaltige Probleme für die Region mit sich bringen werden, auch mit Blick auf den Tourismus. „Denn das hätte überall passieren können. Und wir haben gezeigt, wie man mit der Krise umgehen muss. Das wird anerkannt“, ist sich der 49-Jährige sicher. Trotzdem würden ihn die hohen Todeszahlen natürlich noch immer betroffen machen.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landkreises seien noch nicht abzuschätzen. Mit Blick auf den Kreishaushalt macht sich Grillmeier aber „momentan wenig Sorgen“. Es werde zwar Einbrüche bei der Gewerbesteuer geben, aber der Arbeitsmarkt zeige sich momentan in der Region sehr stabil.

„Die Frage ist eher: Was kann der Staat ausgleichen? Da mache ich mir mehr Sorgen“, spielt er auf die künftige finanzielle Ausstattung an. Als Beispiel nennt Grillmeier diverse Förderprogramme, die den Fokus auf den ländlichen Raum richten. „Das haben wir die vergangenen 15 Jahre zu nutzen gewusst. Das war unser großes Plus und davon haben wir profitiert.“ Wie es damit weitergeht, sei nicht abzusehen.

Wie geht es bei der Kliniken Nordoberpfalz AG weiter?

Das „größte Sorgenkind“ neben Corona war für Grillmeier die zukünftige Aufstellung der Kliniken Nordoberpfalz AG. Den drei Trägern (Stadt Weiden und Landkreise Tirschenreuth und Neustadt) sei es nach Höhen und Tiefen in den vergangenen Wochen gelungen, einen gemeinsamen Weg zu finden. „Wir haben uns grundsätzlich darauf geeinigt, die Anteile zu dritteln und haben auch Gremiumsbeschlüsse“, bestätigt der Mitterteicher erstmals öffentlich. Auch soll der Aufsichtsrat verkleinert werden. In dieses Gremium wolle Tirschenreuth weiterhin Politiker entsenden.

Die Träger der Kliniken Nordoberpfalz ringen um die zukünftige Aufstellung der AG

Weiden in der Oberpfalz

Der Zeitplan sieht vor, dass es am 10. September eine Gesellschafterversammlung gibt. Dort werde alles auf den Weg gebracht. Es müsse gelingen, neues Vertrauen aufzubauen. Hier nennt Grillmeier neben dem ärztlichen Personal die Patienten und die Kommunen. „Wir als Politiker geben den Rahmen vor. Die Ausgestaltung liegt dann beim Klinken-Vorstand“, spricht der neue Landrat dem Team um Vorstand Dr. Thomas Egginger sein Vertrauen aus. Grillmeier bestätigt auch, dass eine weitere Finanzspritze für die Kliniken AG nötig sein wird. Für die nächsten drei bis vier Jahre geht er von einem weiteren einstelligen Millionenbetrag (insgesamt rund fünf Millionen Euro) für den Kreis Tirschenreuth aus. „Das sind uns unsere Krankenhäuser aber wert.“

Momentan würden die Juristen und Berater an der Ausgestaltung der Beschlüsse feilen. Der Landrat hofft, dass dies den Zeitplan und den Weg nicht verändert. „Aber sicher sind wir erst, wenn alles unterschrieben ist.“

Wie lief der Wechsel vom Bürgermeister zum Landrat?

Corona hat und hatte auch Auswirkungen auf die Arbeit im Landratsamt. Seit Anfang Mai ist Grillmeier Chef der über 400 Landkreismitarbeiter. „Die Amtsgeschäfte zu übernehmen, war wirklich eine Herausforderung“, sagt der Mitterteicher. Was er lernen musste: „Ich kann mich nicht mehr um alles selber kümmern.“ Der Landrat sei auf funktionierende Strukturen angewiesen und müsse seinen Sachgebietsleitern absolut vertrauen. „Das direkte Handeln, wie es als Bürgermeister möglich ist, ist als Landrat viel komplexer.“ Er schaffe es auch nicht mehr, alleine die Flut an E-Mails, die direkt an ihn gehen, zu überblicken. Hier sei er auf seine direkten Mitarbeiter angewiesen. Der Mitterteicher gibt zu: „Landrat ist schon eine andere Hausnummer als Bürgermeister.“ Insgesamt habe er eine gut funktionierende Landkreisverwaltung übernommen.

Was soll im Landratsamt geändert werden?

Vorantreiben will er im Landratsamt die Digitalisierung. Bis Ende des Jahres soll es rund 60 Verfahren geben, die der Bürger online erledigen kann, beispielsweise bei der Autoanmeldung. Grillmeier ist sich sicher, dass sich nach der Corona-Pandemie immer mehr in der digitalen Welt abspielen wird. Zudem gibt es seit einigen Tagen eine eigene Facebook-Seite der Behörde. Auch die Homepage werde weiter überarbeitet. Und im Büro des Landrats gebe es immer weniger Papier: „Ich will versuchen, von der Zettelwirtschaft wegzukommen. “

Vor der Landratswahl äußerte sich Roland Grillmeier ausführlich in einem Interview

Tirschenreuth

Im oft kritisierten Bauamt will er den Dialog mit den kommunalen Bauämtern und den Bürgermeistern verbessern. Ziel sei, die Baugenehmigungsprozesse zu beschleunigen. Aber Grillmeier weiß mit Blick auf die Gesetze und die ständig steigenden Auflagen: „Das wird immer ein Spannungsfeld bleiben.“

Wie kann die Außendarstellung des Landkreises verbessert werden?

Auch in der Außendarstellung des Landkreises sieht der Landrat Verbesserungspotenzial: „Da müssen wir mehr machen und uns besser präsentieren“, sagt er mit Blick auf die Imagekampagnen der Nachbarlandkreise („NEW“ in Neustadt und „Freiraum für Macher“ in Wunsiedel). Allerdings arbeite das Regionalmanagement schon daran. Zu diesem Thema zählt für Grillmeier auch das Bildungs- und Rückholmanagement. Um junge Leute aber zurück in die Heimat zu holen, seien auch die Kommunen gefordert. Als Stichworte nennt er Baugebiete, Wohnraum, attraktive Innenorte und entsprechende Angebote für diese Zielgruppe.

Wie können mehr Familien und junge Menschen in ihren Heimatlandkreis zurückgeholt werden?

Wie konkret soll aber das Rückholmanagement aussehen? Für den Landrat ist wichtig, den Kontakt zu den eigenen Leuten in den Ballungsräumen zu halten. Dazu seien digitale Plattformen nötig. Er kann sich vorstellen, mit einer Art Nordoberpfälzer Botschafter in den Ballungszentren zu agieren. Dies gehe aber nur im Verbund mit Neustadt und Weiden. Zudem müsse abgefragt werden, was die Wirtschaft konkret erwarte. Was auf Nordoberpfalz-Ebene dabei sinnvoll sei, wolle er mit OB Jens Meyer und Landrat Andreas Meier weiter entwickeln. Daher sei eine stärkere Verzahnung der Wirtschaftsförderung nötig.

Rund 1000 Kilometer legt Roland Grillmeier im Jahr mit seinem Ghost-Fahrrad zurück.
Zur Person:

Der Landrat privat

Roland Grillmeier ist seit Mai neuer Landrat des Landkreises Tirschenreuth. Vorher war er 18 Jahre Bürgermeister von Mitterteich. Der 49-Jährige hat mit seiner Frau Claudia zwei Kinder (Jonas und Lara-Marie).

Zwei- bis dreimal in der Woche steigt Grillmeier auf sein Bike, das ihm zu seinem 40. Geburtstag geschenkt wurde. Im Jahr legt er nach eigenen Angaben rund 1000 Kilometer mit dem Fahrrad zurück. Als weitere Hobbys nennt der Mitterteicher Spazierengehen, Laufen und im Winter Langlauf oder Skifahren. Zudem stemmt der Landrat auch manchmal Gewichte. Denn er hat sich im Keller ein „kleines Workout-Zimmer“ mit Hantelbank und Stepper eingerichtet. Das nutzt er gemeinsam mit seinem Sohn.

„Sportlicher Ausgleich ist wichtig, sonst wird man verrückt“, sagt Grillmeier. Seit er 2002 Bürgermeister wurde, habe er „so ungefähr“ sein Gewicht gehalten. Dem E-Bike-Boom ist er mittlerweile auch verfallen: „Ich habe mir ein Einsteigermodell zugelegt.“ Aber zum 50. Geburtstag im nächsten Jahr soll ein „gescheits E-Bike“ her. Ab Mitte August verabschiedet sich der Landrat für zwei Wochen in den Urlaub. Wie es momentan ausschaut, wird er mit seiner Familie zu Hause bleiben: „Das entscheiden wir kurzfristig“, verweist er auf die Corona-Beschränkungen.

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