22.10.2020 - 14:57 Uhr
MarktredwitzOberpfalz

Systemkritisch und im eigenen Land unerwünscht

Nach den Terminabsagen im Frühjahr folgte nun eine von vielen erwartete Wiederauflage des "Literarischen Cafés". In den Mittelpunkt rückte Referent Leonhard Fuchs die Werke des Schriftstellers Ota Filip.

Geleitet wird das "Literarische Café" von Roswitha Budow (links), die sich bei Referent Leonhard Fuchs mit einem Geschenk bedankte.
von Werner RoblProfil

„Ein denkwürdiger Tag“, kommentierte die Leiterin des "Literarischen Cafés", Roswitha Budow, das erste Angebot nach der langen Corona-Pause. „Ich wäre viel lieber näher bei Ihnen. Leider bin ich aber verpflichtet, am Pult stehen zu bleiben“, bedauerte Leonhard Fuchs aus Neumarkt, der noch bis vor drei Jahren der Ackermann-Gemeinde vorstand. Dem Verband ist es auch zu verdanken, dass das vom Freistaat Bayern geförderte "Literarische Café" in regelmäßigen Zeitabständen stattfinden kann.

Vorsorglich jedoch, um die Auflagen zu erfüllen und den Schutz vor einer möglichen Ansteckung mit dem Coronavirus zu wahren, wechselte man diesmal in den Saal des Egerland-Kulturhauses. Die beliebte Kaffeestunde fand bereits eine Stunde zuvor im Café der Veranstaltungsstätte statt. Es war ein Versuch, der aber vielen nicht gefiel. "An der Gestaltung des beliebten Kaffeetreffs werden wir noch arbeiten", versprach deshalb Roswitha Budow.

Fuchs, nicht zum ersten Mal in Marktredwitz, hatte sich ein Thema vorgenommen, das – wie er versicherte – im Egerland-Kulturhaus präsent sei. „Literarisch, satirisch, aber auch tragisch“, umriss Fuchs die Werke des tschechischsprachigen Schriftstellers Ota Filip, "der im eigenen Land unerwünscht war" und den er an diesem Nachmittag näher vorstellte.

1974 folgte die Ausbürgerung; bis zu seinem Tod im Jahr 2018 lebte Filip in Oberbayern. „Der Autor und seine Fabulierkunst haben mich sehr beeindruckt. Leider habe ich ihn nie persönlich kennengelernt“, spannte der Referent Leonhard Fuchs dann den Bogen zu den Werken des Autors, aus denen er in der Folge kurze Passagen vorstellte. Dazu zählte auch das Werk „Die stillen Toten unterm Klee“.

In Ostrau geboren

Fuchs warf an anderer Stelle auch einen Blick auf das Leben des Schriftstellers, der mit seinem Heimatort Ostrau nicht glücklich war. Fuchs zitierte: „Hätte mich der Schöpfer gefragt, wo ich auf die Welt kommen möchte, dann hätte ich ihm geantwortet: Keinesfalls in Mähren.“ Filip sei ein systemkritischer Autor gewesen. „Er war in seinem Heimatland – der damaligen CSSR – unerwünscht.“ Unter fadenscheinigen Gründen habe man ihm nahegelegt, dem Land den Rücken zu kehren. Die Probleme der Zweisprachigkeit schilderte Fuchs mit Filips Worten: „Wenn ich tschechisch schreibe, entweicht das Deutsch in mir wie die Luft aus einem Ballon."

Die Werke, teils nachdenklich, manchmal auch ein wenig düster, begeisterten die Zuhörer, die sich auf ein humorvolles Finale freuen durften. „Haben wir noch ein wenig Zeit“, blickte Fuchs zur Uhr, um die letzten vorbereiteten Seiten aufzuschlagen. Nach gut 90 Minuten erfuhren die Gäste im "Literarischen Café", dass ein Opernbesuch an Weihnachten manchmal kostspieliger ist als anfangs geglaubt. Die Gäste hörten aber auch von der Vergangenheit Filips beim Geheimdienst der CSSR, die – von der Presse aufgedeckt – für Aufruhr sorgte.

November-Treffen fraglich

Die Leiterin des "Literarischen Cafés", Roswitha Budow, sprach von "einem Vergnügen, wieder einmal eine Veranstaltung durchführen zu können". Die Marktredwitzerin bedankte sich bei Leonhard Fuchs, der aus Neumarkt angereist war. „Vielleicht sehen wir uns ja im November wieder“, hoffte Budow. „Dann vielleicht wieder mit dem gewünschten Café-Charakter.“ Noch ist aber offen, ob der November-Termin stattfinden und welcher Gast dazu eingeladen werden kann. Man werde rechtzeitig darüber informieren, versicherte die Leiterin.

Hier ein weiterer Bericht zur Reihe "Literarisches Café"

Marktredwitz
Im "Literarischen Café" las Leonhard Fuchs aus Werken von Ota Filip.

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