20.01.2021 - 14:44 Uhr
MarktredwitzOberpfalz

Künstler-Ehepaar blickt zurück: Reiselustig in so manches Abenteuer

Das Künstler-Ehepaar Kießling hat mit dem Bully viel erlebt. Die Corona-Monate hat das Duo nicht fürs Malen genutzt, sondern um ein Buch über seine Reisen zu schreiben.

Bärbel und Horst Kießling schwelgten in Erinnerungen und verfassten ein Buch mit dem Titel „Mit dem Camper ins Abenteuer“.
von Autor FPHProfil

„Einfach einsteigen, losfahren und sich überraschen lassen.“ Das ist die Devise des Künstler-Ehepaars Kießling aus Marktredwitz. Bekannt sind die beiden – Bärbel und Horst – weit über die Grenzen des Landkreises Wunsiedel hinaus. Eigentlich aber für ihre Plastiken, Grafiken und Malerei sowie Kunst im öffentlichen Raum. Jetzt hat sich das Duo auf neues Terrain begeben. „Wir haben die letzten Corona-Monate nicht ungenutzt verstreichen lassen, sondern haben in Erinnerungen geschwelgt.“ Und so ist ein Buch von Bärbel und Horst Kießling mit ihren besten Geschichten aus 50 Reise-Tagebüchern entstanden. Und besagte Reisen führten sie im VW-Bus, dem heiß geliebten Bully, kreuz und quer durch die Welt.

„Mit dem Camper ins Abenteuer“ heißt der Titel des 285 Seiten umfassenden Werks, das, reichlich bebildert, etliche Stationen ihrer Reisen schildert. Mal humorvoll, mal ernst, aber stets angereichert mit viel Abenteuerlust. „Wir waren immer wissbegierig, die Neugierde auf das Fremde hat uns ebenso angetrieben wie der Motor unseres Heims auf vier Rädern“, erzählt die 78-jährige Bärbel Kießling. Die Reiseberichte hat das Ehepaar, das sich im Geschichtenerzählen abwechselt, mit Anekdoten, Rezepten aus Bärbels Bordküche und mit Tipps für unterwegs angereichert.

„Über all die Jahre haben wir Tagebuch geführt, wenn wir mit dem Camper in Europa, Afrika, Amerika oder Asien unterwegs waren“, erklärt der 82 Jahre alte Horst Kießling, warum die Erinnerungen an all die Erlebnisse noch so frisch sind. „Während Corona hatten wir ausreichend Zeit, um einmal die alten Dias auszusortieren und in den alten Aufzeichnungen zu stöbern. Und daraus ist letztlich dieses Buch entstanden“, ergänzt Ehefrau Bärbel. Denn all die geplanten Ausstellungen, für die sie sonst ihre Zeit genutzt hätten, seien der Pandemie zum Opfer gefallen.

Schweren Herzens musste sich der einstige Schulamtsdirektor als junger Mann von seinem VW Scirocco trennen. „Bärbel hat mich mit ihrem Bully einfach überzeugt“, zwinkert er ihr belustigt zu. Und so wurde auch er ein begeisterter Camper. Während seine Frau ihren Ideenreichtum beim Kochen auslebte, um in jedem Land neue, regionale Zutaten aufzuspüren und kennenzulernen, war Ehemann Horst nie ohne Fotoapparat auf Achse. Zudem hielt er diverse Skizzen in den Reisetagebüchern fest.

Männer mit Pistolen

„Der Bratfisch in der Schmugglerbucht“ heißt ein Kapitel, in dem es eher turbulent, nahezu gefährlich zugeht. Während Bärbel Kießling nahe einer Bucht bei Brindisi den Fisch in der Pfanne anbrät, stimmt Tochter Birgit ein Lied in deutscher Sprache an, um ihren Vater darauf hinzuweisen, „dass da vorn zwei Männer mit Pistolen im Gras liegen“. Das Mädchen und ihre Freundin laufen langsam zurück zum Bus, während die Mutter die heiße Pfanne vom Herd reißt und in die Ecke feuert. Derweil wird Ehemann Horst von fünf Italienern bedrängt. Panisch springt Bärbel Kießling hinters Steuer, startet durch und hält auf die Gruppe zu. „Los, steig ein!“, befiehlt sie beim kurzen Bremsmanöver, während ihr Mann in den Wagen springt und die Fremden perplex zurückbleiben. Wenige Kilometer weiter finden die Kießlings einen Platz zum Übernachten und atmen erstmal durch. Doch so ruhig wird die Nacht dann doch nicht: „Wir haben beobachtet, wie Gestalten in der Dunkelheit große Schachteln vom Meer wegschleppen und sie irgendwohin transportierten.“ Am Morgen danach entdeckt die Familie verlorene Zigarettenstangen. „Da waren also Schmuggler am Werk.“

Bauchgefühl

Navigationsgeräte gibt es damals längst noch nicht, weshalb so manche Fahrt in der Pampa endet. Da muss Horst Kießling mit stoischer Ruhe auch mal zwei Kilometer rückwärts durch sumpfiges Gelände fahren. Zuweilen ist es nicht schlecht, sich auf Mutter Bärbels Bauchgefühl zu verlassen. Ein enger Schlafplatz über dem Meer ist ihr nicht ganz geheuer, zumal heftige Gewitter angesagt sind. Wie recht sie hatte, erfahren sie einen Tag später aus der Zeitung. Genau dort, wo sie hätten übernachten wollen, sind Campingwagen zum Teil von Geröll und Schlamm überspült und zerstört worden. Das belegen auch Fotos von einst.

Weil sie die Handtücher im Bully vergessen hat, kann Bärbel Kießling wohl einen Einbruch in ihr mobiles Zuhause verhindern. „Das dreieckige Ausstellfenster war schon eingeschlagen. Gefehlt hat gottseidank nichts.“ Ihr Ehemann weiß sich mit einem Stück Plexiglas zu helfen, um die kaputte Scheibe zu ersetzen.

Das Angebot eines Griechen, der Tochter Birgit für seinen Sohn Dimi auserkoren hatte, lehnen die Kießlings dankend ab, wenngleich ein Unternehmen, Weinberge und ein Haus als Mitgift im Raum stehen. Dafür kann Birgit an anderer Stelle helfen, und zwar mit einem Kaugummi, den sie ausgiebig zermalmt, so dass ein Camping-Nachbar mit wackligem Gebiss den Auspuff seines Wagens flicken kann.

Eher unfreiwillig wird Horst Kießling zum Akteur zwischen griechischen Tempelsäulen, wo er, in ein weißes Bettlaken gehüllt, Theater spielt. „Da tauchte wie aus dem Nichts eine Touristengruppe auf, und die Säulen wurden auf einmal beleuchtet. Horst fügte sich sofort in die Szenerie ein und schmetterte einige lateinische Sätze aus seiner Schulzeit“, erzählt Bärbel Kießling lachend. „Die dachten, die Inszenierung gehört dazu.“

In Sizilien hat es den fast neuen Ducato voll erwischt: „Ein Hagelsturm hat riesigen Schaden hinterlassen.“ Die Kontrolleure an der türkischen Grenze hingegen wundern sich, wo die Familie ihren VW-Bus hat, der eigentlich im Pass eingetragen ist, wie das früher so üblich war. „Aber den hatten wir in Griechenland stehenlassen, um mit dem Zug nach Istanbul zu fahren. Bis das geklärt war, wartete der gesamte Zug auf uns. Echt unglaublich!“

Das schönste Weihnachtsfest mit Tochter Birgit erleben die Kießlings mitten in der Sahara. „Am Heiligen Abend genossen wir den Sonnenuntergang in der sich verfärbenden Dünen-Landschaft. Und am Horizont entdeckte Birgit eine Kamel-Karawane, die allmählich mit der Nacht verschmolz. Ein biblisches Bild, das wir nie vergessen werden. Es war unser schönstes Weihnachtsfest“, versichert die Künstlerin. Und Ehemann Horst nickt dazu.

Freundliche Helfer

Mit ihren VW-Bussen und zuletzt einem Mercedes Sprinter hat das Ehepaar viel erlebt, „auch Defekte und Reparaturen“. Doch immer hätten sie freundliche Fremde getroffen, die ihnen aus der Patsche halfen. Und wenn das Mobil mal über den Winter beim Bauern eingemottet wurde, wurde es sorgsam darauf vorbereitet, „dass es im Frühjahr wieder rund läuft“. Bis auf das eine Mal, als es just am Tag nach dem Unterstellen einen Großbrand in der Scheune gibt. „Wenngleich die Versicherung den Schaden bezahlt hat, waren doch viele wichtige Utensilien mit zerstört“, bedauert das Paar. „Vom Schrotthändler bekamen wir noch 60 Euro für den 60.000-Euro-Bus.“

Mit Vorliebe treiben sich die Kießlings auf ihren Reisen auch auf Flohmärkten herum. Objekt der Begierde war einst eine metallene Teekanne. „Bei der Reinigung des integrierten Spiritusbrenners, der zum Aufschrauben war, kam ein weißes Pulver zum Vorschein. Das haben wir einem Bekannten von der Kripo gezeigt. Und es war tatsächlich Kokain“, erzählt Bärbel Kießling. Und auf dem Boden eines alten Tonkrugs vom Flohmarkt finden sich unter einer dicken Wachsschicht fünf wertvolle Goldmünzen.

Dass Bärbel und Horst Kießling auch unglaubliches Glück hatten, erzählen sie am Ende ihres Buchs. „An der Südküste Islands sind wir beide von einer mächtigen Welle ins Meer gespült worden. Nur dank kräftiger Männer, die uns aus dem Wasser gezogen haben, überlebten wir diese Grenzerfahrung. Wir hatten wirklich einen Schutzengel.“ Heute sei die Bucht gesperrt, wie sie bei einem weiteren Besuch vor erst zwei Jahren entdecken. „Nach unserer Rettung sind hier vier Menschen ertrunken.“

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Marktredwitz

„Während Corona hatten wir ausreichend Zeit, um einmal die alten Dias auszusortieren und in den alten Aufzeichnungen zu stöbern."

Bärbel Kießling

 

 

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