29.11.2020 - 10:49 Uhr
MarktredwitzOberpfalz

Euregio Egrensis in Corona-Zeiten: Kontakte pflegen und weiter ausbauen

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Die Euregio Egrensis steht wie kaum eine Organisation für grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Derzeit müssen sich die Beteiligten oft neu ausrichten. Der Antrieb bleibt gleich, sagt Geschäftsführer Harald Ehm.

Harald Ehm: "Es gibt bei uns in der Region sehr viele Schulen, Gemeinden oder Vereine, die äußerst aktiv sind auf dem Gebiet des Austauschs."
von Autor FPHProfil

Von Christoph Plass

Die Corona-Pandemie verändert auch die Arbeit in der Euregio Egrensis. Doch die Region lebe von der Begegnung der Menschen, davon, dass sie über die Grenzen hinweg Kontakte pflegen, erklärt Euregio-Geschäftsführer Harald Ehm im Interview.

Herr Ehm, wie viel Prozent Ihres regulären Programms können Sie derzeit umsetzen – und was geht nicht?

Harald Ehm: Unsere Arbeit besteht einerseits aus Projekten, die wir von der bayerischen Euregio her organisieren, und aus solchen, bei denen wir mit unseren Partnern aus Sachsen, Thüringen und Tschechien zusammenarbeiten. Erstgenannter Teil läuft zu einem hohen Prozentsatz weiter: Ein Beispiel dafür ist das Gastschuljahr für tschechische Austauschschüler, das im September wieder angelaufen ist. In puncto grenzüberschreitende Projekte mussten wir einiges canceln – die Jahreskonferenz im Frühjahr beispielsweise oder die Verleihung des Euregio-Preises im Porzellanikon Selb im Oktober. Diese monatelang geplante Veranstaltung mussten wir vier Tage vorher absagen, da die tschechischen Teilnehmer nicht hätten kommen können.

Stichwort Gastschuljahr: Seit September besuchen wieder tschechische Schüler ein Jahr lang bayerische Schulen. Wie läuft‘s?

Zuerst noch ein Wort zum Schuljahr zuvor: Da ist es zum ersten Mal überhaupt vorgekommen, dass wir den Austausch unterbrechen mussten. Von Mitte März bis Pfingsten mussten wir alle gut 20 Gastschüler nach Hause schicken – das war bisweilen dramatisch, sie mussten die Grenze zu Fuß passieren und durften nicht mit dem Auto hinüber zu ihren Eltern gebracht werden. Was uns sehr gefreut hat: Bis auf drei sind alle wiedergekommen, um das Schuljahr und ihr Stipendium zu beenden.

Haben sie während der Unterbrechung von Tschechien aus am digitalen Unterricht ihrer bayerischen Schulen teilgenommen?

In der Tat, einige haben das gemacht: Dafür hatten sich nicht zuletzt einige Lehrer und Gasteltern mächtig ins Zeug gelegt.

Wie läuft das neue Schuljahr bislang?

Aus unserer Sicht gut, auch wenn natürlich die Exkursionen, die normalerweise anstehen würden, unsicher sind. Auch haben wir diesmal mit 16 Jugendlichen etwas weniger Teilnehmer als üblich: Es war schwieriger, Gastfamilien zu finden. Was dieses Schuljahr von anderen unterscheidet: Wir müssen immer aktuell klären, welche Regeln gelten, wenn Schüler während der Ferien zum Heimatbesuch nach Tschechien fahren und dann wieder einreisen wollen. Da kümmern wir uns, und arbeiten viel mit den Behörden zusammen – die auch wirklich gut mitziehen.

Gab es Überlegungen, das Gastschuljahr ausfallen zu lassen?

Nein, nie. Als im Frühjahr die Grenzen geschlossen wurden, war das ein Schock für den gesamten Grenzraum. Da ging es ja nicht nur um Arbeitsstellen, sondern auch darum, dass Freunde und Familien plötzlich wieder getrennt waren.

Dabei ist doch vieles auch auf digitalem Wege möglich...

Unser operatives Geschäft etwa läuft sehr gut online: Abstimmungen, Besprechungen per Videokonferenz und die Arbeit an laufenden Maßnahmen lassen sich digital gut erledigen. Wir arbeiten zurzeit beispielsweise gerade an einem deutsch-tschechischen Verwaltungsleitfaden: Darin werden Zuständigkeiten von Behörden, Begrifflichkeiten oder Strukturen zweisprachig erklärt. Das funktioniert gut, ebenso wie der digitale Austausch mit meinen beiden Geschäftsführerkollegen in Tschechien und Sachsen/Thüringen.

Haben sich die Aufgaben der Euregio geändert?

Wir haben neue hinzubekommen. Beispielsweise helfen wir kommunalen Behörden, gewisse Bestimmungen auf der jeweils anderen Seite der Grenze zu klären – etwa, wie mit positiven Corona-Tests umgegangen wird. Dazu gleichen wir permanent die aktuellen Bestimmungen der einzelnen Bundesländer und Länder ab.

Weg von der Akut-Situation: Woran arbeiten Sie langfristig?

Wir haben im Frühjahr eine Entwicklungsstudie vergeben, die beleuchten soll, wo in der Zukunft die Schwerpunkte dieser Region liegen könnten, wer die Akteure sein werden und worauf wir unser Augenmerk richten könnten – zum Beispiel bei den Themen. Die Universität St. Gallen und ein tschechischer Projektpartner sind da seit April am Arbeiten, wir erwarten demnächst den Abschlussbericht. Das Ganze findet statt in Vorbereitung der nächsten Förderperiode der EU ab 2021. Denn auch wir als Euregio vergeben Fördermittel aus einem EU-Fonds – da stehen im Übrigen noch Mittel zur Verfügung. Hier stehen wir noch für Beratungen zur Verfügung.

Wie viel Bewegung ist hier momentan zu verzeichnen?

Wir merken schon, dass die Stimmung etwas gedämpft ist: Die Unsicherheiten sind einfach groß. Aber es gibt bei uns in der Region sehr viele Schulen, Gemeinden oder Vereine, die äußerst aktiv sind auf dem Gebiet des Austauschs, die interessieren sich auch immer wieder dafür, weiterzumachen. Ein großer Teil unserer Arbeit besteht aber momentan auch darin, Laufzeiten für genehmigte Projekte zu verlängern. Ein tolles Ereignis war beispielsweise unser jährliches Jugendsommerlager, an dem im August 30 Jugendliche aus allen Teilen der Euregio im Vogtland teilnehmen konnten.

Wie verändert sich durch Corona gerade die generelle Ausrichtung der Euregio?

Wir werden mehr digital arbeiten müssen, und das wird auch funktionieren. Allein bei mir sind in diesem Jahr jede Menge Dienstreisen ausgefallen, und das allermeiste konnte online kompensiert werden. Unsere Devise insgesamt bleibt aber unverändert: Wir wollen die grenzüberschreitenden Beziehungen so schnell wie möglich wieder in die Gänge bringen. Die Region lebt von der Begegnung der Menschen, davon, dass sie über die Grenzen hinweg Kontakte pflegen. Die Leute warten darauf, dass sie das irgendwann wieder tun können – so geht es ja im Übrigen allen europäischen Grenzregionen. Sobald es wieder möglich ist, werden wir den grenzüberschreitenden Austausch wieder ankurbeln.

Kürzlich gab es einen Wechsel an der Spitze der Euregio Egrensis

Marktredwitz
Hintergrund:

Euregio Egrensis

  • Grenzübergreifend: Die Euregio Egrensis ist eine grenzübergreifende Einrichtung, die zum Ziel hat, Austausch und Begegnung im Grenzgebiet zwischen Bayern, Böhmen, Sachsen und Thüringen zu fördern.
  • Fördermittel: Es gibt zahlreiche eigene Projekte. Auch fließen Fördermittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung. Allein zwei Millionen Euro an Fördermitteln standen und stehen hier im aktuellen Förderzeitraum auf bayerischer Seite zur Verfügung. Neuer Präsident ist der Wunsiedler Landrat Peter Berek, er hat das Amt von Birgit Seelbinder übernommen.
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