26.12.2020 - 07:06 Uhr
MähringOberpfalz

Der Heilige Nikolaus ist in Mähring daheim

Die St. Nikolauskirche, ein mystischer Ort mitten im Wald zu Tschechien – Kleinod mit einer rund 1000 Jahre alten Geschichte

von Ulla Britta BaumerProfil

Wer von Mähring aus gen Altmugl fährt, kommt an einem romantischen Ort vorbei: Auf einer Waldlichtung steht rechts ein kleines Gotteshaus, die St. Nikolauskirche. Rosa Schöner hat einen der Schlüssel. Die Mähringerin bewahrt ihn gut auf, für Besucher der St. Nikolauskirche und für Veranstaltungen der Pfarrgemeinde wie dem traditionellen Marienfest am 15. August und natürlich dem Nikolaustag. Dann wird die St. Nikolauskirche, die das ganze Jahr über in der Stille der Waldregion Zeugnis für den Glauben gibt, zum Rummelplatz der einheimischen Bevölkerung. Erst vor gut drei Wochen am 6. Dezember war er wieder da, der Nikolaus. Heuer nur draußen im Freien besuchte er die Kinder. Immer ist die Freude groß, wenn der heilige Mann mit den Buben und Mädchen spricht und ihnen Geschenke gibt.

Nicht durchgehend geöffnet

Um das Kirchlein vor Einbruch zu schützen, ist es ansonsten nicht durchgehend geöffnet. Die mit einem Eisengitter überzogene Glasscheibe des Portals gewährt aber einen Blick ins Kirchenschiff. Dieses Haus des göttlichen Herrn ist nicht groß und nicht üppig ausgestattet. Der Altar ganz vorn wird vom Licht der Rundbogenfenster durchflutet. Zwei Wandbilder, gemalt von Künstler Emil Schicker, erzählen die Geschichte des Heiligen Nikolaus. Die Plätze der hölzernen Sitzreihen zeigen Abnutzungsspuren, von Gottesdiensten, die einst rege gefeiert wurden in der Nikolauskirche.

Plopp, Plopp. Zwei Mal dumpf dreht sich das Türschloss, das den Weg ins Innere frei gibt. Der eiserne Schlüssel ist sehr groß, er könnte auch zu einer Burg gehören. Das erwartete Quietschen der Tür bleibt aus. Die kleine Kirche wird von der katholischen Kirchenverwaltung in Mähring und den Ortsansässigen gut gepflegt. Sie ist ein Kleinod mit einer beinahe 1000 Jahre alten Geschichte. Solch ein Schmuckstück nennt nicht jede Kommune ihr Eigen. Deshalb halten die Mähringer die St. Nikolauskirche sehr in Ehren.

"Wald tanken"

Unter den Gotteshaus-Besuchern befinden sich zahlreiche Landkreisbewohner, viele kommen öfter. Sie wollen beten an diesem mystischen Ort mitten im Wald zu Tschechien. Sie wollen innehalten in der Hektik des Alltags, ihre Ruhe haben. Oder sie wollen im angrenzenden Waldstück einfach nur wandern, eine Stunde „Wald tanken“ oder Schwammerl suchen. Es gibt viele Gründe für ein Vorbeischauen beim Niklaskircherl am Grenzkamm, wie es liebevoll von den Stiftländern genannt wird.

Der Ort für das Kirchlein wurde von den Urahnen nicht willkürlich ausgewählt. Wer diese heilige Stätte betritt, spürt bereits draußen auf der Wiese vor der Kirche eine außergewöhnlich starke Aura. Es ist einer dieser „Kraftorte“, die es immer wieder einmal in der Natur gibt und die – ohne dass es näher erforscht wurde – wie ein Anziehungspunkt auf Menschen wirken. Zeugt dieser stille Platz von Gottes Anwesenheit? Oder sind es die unzähligen Gebete, Wünsche, Danksagungen und Bitten an Gott, die hier gesprochen, gefleht, geflüstert und vielleicht auch hinausgeschrien wurden in den über 800 Jahren seit Bau von St. Nikolaus und die ewig in diesem Luftraum um das Kirchlein bleiben? Die Gründe, warum man gern herkommt, werden mit dem Glauben erklärt.

"Bitte stehe mir bei!"

Seit über 800 Jahren bis heute wird das Kirchlein gern fürs Danke sagen, aber auch fürs Flehen an Gott um die Erfüllung einer Bitte aufgesucht. Ein Tagebuch im überdachten Eingangsbereich zeugt davon. Die Besucher schreiben liebe Worte hinein. „Wir waren da“, möchte eine Familie mitteilen. Die Kinder haben ihre Namen notiert, in unsicherer Grundschulschrift. „Danke, dass du geholfen hast“, sagt eine Frau dem Heiligen Nikolaus. Welches Schicksal ihr geschah und wie Nikolaus ihr helfen konnte, bleibt ein Geheimnis. „Bitte stehe mir bei, diese für mich schwere Zeit zu überstehen“, heißt es ein paar Seiten zurück. Meist sind die Einträge mit Datum versehen. Die St. Nikolauskirche wird bis zum heutigen Zeitpunkt nahezu täglich aufgesucht.

Wie aber haben die Menschen, die einstmals hier gelebt haben, gebetet? Nachweislich soll es einen Ort gegeben haben. Hohenstein oder Högelstein genannt lebten hier in wenigen Häusern einige unserer Vorfahren. Nehmen wir einmal an, einer dieser Bewohner von Högelstein war Bauer Bertram. Mit seiner Frau Martha hatte er fünf Kinder. Und er hatte einen Knecht, Frido. Vielleicht hat sich die Geschichte folgendermaßen zugetragen:

Bauer Bertram und sein Knecht Frido steuern mit ihrem Ochsenkarren das Waldstück bei St. Nikolaus an. Beim Passieren der Kirche schlagen sie ein Kreuzzeichen und halten inne für ein „Vater unser“. Jeden Tag richten Bertram und Frido, wenn sie zur späten Stunde vom Feld kommen, erschöpft und hungrig von der anstrengenden Arbeit, ein paar Worte zum Heiligen Nikolaus. Die Zeit ist schwer, das Essen schwer verdient. Da schadet es nicht, Gott ins Leben einzubeziehen. Und hat St. Nikolaus nicht besonders den Armen geholfen?

Zuflucht in der kleinen Kirche

Daheim in der Hütte warten Frau Martha und die sieben Kinder mit dem kargen Abendessen. Es ist dunkel geworden. Auf der Fronfeste über Högelstein sind die Lichter aus. Der Vogt und seine Familie schlafen schon, die hohen Mauern werfen düstere Schatten auf das Dorf. Die Högelsteiner haben allen Grund zum Beten. Dieser auf der Weltlandkarte unscheinbar winzige Ort wird heimgesucht von der Gier der Machthaber um mehr Grundbesitz und Einfluss. Vogte, Kirchenfürsten, Adelige wollten das Gebiet um Högelstein und die St. Nikolauskirche für sich. Bertram sucht dann Zuflucht in der kleinen Kirche, wo er um Essen, Frieden und Gesundheit betet.

St. Nikolaus ist einer der wenigen Orte, das den Menschenbegierden Stand hält. Man schrieb das Jahr 1183, als die Kirche erstmals urkundlich erwähnt wird. König Konrad II. übergibt Hohenstein (später Högelstein) dem Kloster Reichenbach. Das Kloster stellt einen Probst auf und weiht die Kirche dem Heiligen Nikolaus. Bertram, Frido und Martha erlebten nicht mehr, als sich sogar Papst Gregor IX. im Mai 1238 in die Belange von Högelstein einmischt und St. Nikolaus dem Kloster zugehörig erklärt. Jetzt beginnt die Zeit der Vögte. Sie sollen die Propstei gegen Feinde verteidigen. Ein ehrbares Ansinnen.

Aber Bertrams Nachfahren leiden unter den adeligen Herren, die aus dem Schutz der Bevölkerung ein Geschäft machen und die Bauern um ihre Ernteerträge betrügen. Das Stift Waldsassen kauft im Jahr 1442 die Propstei. Die Bewohner von Högelstein, heißt es, müssen – obwohl im Schutzbrief von Pfalzgraf Johann von Sulzbach ausdrücklich untersagt – hohe Steuern zahlen. Aber das ist ein Pappenstiel gegen das, was folgt: 1421 überzieht die Hussitenplage das ganze Land. Der tapfere Ritter Wilhelm Paulsdorfer von Tännesberg tut alles, um Högelstein zu beschützen. Er kann das Unheil, das auf das Egerland, das Stiftland und auf weite Teile der Oberpfalz hereinbricht, nicht aufhalten. Högelstein wird von den Hussiten zerstört, seine Bewohner werden Opfer von Mord und Schänderei. Plünderer und Mordbrenner fallen in Scharen ein und bringen die Pest mit. Wer nicht im Krieg stirbt oder der Hungersnot erliegt, den rafft die Krankheit dahin.

Schwerer Schicksalsschlag

Nichts ist mehr übrig von Högelstein. Es ist dem Erdbodenplatt gemacht. Nur ein Zeuge der schrecklichen Geschehnisse bleibt: Das St. Nikolauskirchlein übersteht alle Schrecken des grausamen Hussitenkrieges. Jetzt ist es die Pfarrgemeinde Mähring, die St. Nikolaus in den religiös geprägten Jahresverlauf einbindet. Bis das Gotteshaus von einem eigenen, schweren Schicksalsschlag getroffen wird. Diesmal legen nicht die Menschen selbst ihre zerstörerische Hand an. Es sind die Urgewalten der Natur, die St. Nikolaus nicht schadlos übersteht. 1874 wird das Kirchlein bei einem verheerenden Unwetter vom Blitzschlag getroffen. Es brennt bis auf die Grundmauern aus. Fünf Jahre zeugt St. Nikolaus als kohlrabenschwarze Ruine davon, dass der Mensch zwar denkt, er könne alles lenken und richten. Aber gegen die Urgewalten der Erde kann niemand, nicht einmal Gott selbst, etwas ausrichten.

Hintergrund:

Geschichte der St. Nikolauskirche bei Mähring

Fünf Jahre nach dem Brand im Jahr 1874 ließ der Mähringer Pfarrer die Nikolauskirche nach altem Vorbild wieder aufbauen. Dass es den Ort Hohenstein wirklich gegeben hat, davon zeugen Überreste, die heute noch sichtbar sind. Unweit der Kirche gibt es einen Hügel, wo laut Überlieferungen das Halsgericht in Hohenstein abgehalten worden sein soll. Eine Umwallung im Wald soll der Umriss des Dorfweihers, der mit dem Wasser des Nikolausbaches gespeist wurde. Um die Kirche herum befand sich ein Friedhof. Oberförster Eder aus Mähring verwendete 1868 die Friedhofsmauersteine für den Straßenbau nach Altmugl. Dabei entdeckte er im Halbkreis ausgehauene Steine, die wohl von einer Rundbogentür zum Propsteigebäude stammten.

Über 800 Jahre später kommen weiterhin die Gläubigen an dieses geschichtsträchtigen Ort. Der Heilige Nikolaus hat nach wie vor ein wachsames Auge darauf. Immer am 6. Dezember segnet er die Kinder und bringt kleine Gaben. Die Mähringerin Rosa Schöner liest in der Ortschronik von über 150 Kindern, die zum Nikolaustag zur Kirche gekommen sind. Auch heute noch ist die Freude und Aufregung groß bei den Buben und Mädchen, wenn der Nikolaus ins Kirchenschiff einzieht und ihnen nach seiner Predigt eine kleine Süßigkeit in die Hand legt. Das Kirchlein bietet dafür die romantische Kulisse, beständig trotzt die St. Nikolauskirche weiterhin allen Anstürmen der Weltgeschichte. St. Nikolaus hat die Pest überlebt und wird auch Corona überdauern. Die kleine Feier für die Kinder wurde in diesem Jahr ins Freie verlegt.

Die St. Nikolauskirche ist auch in ihrem Umfeld interessant. In der Nähe gibt es noch Spuren der früheren Silber-, Gold- und Kupfergruben. Ab 1478 wurde in Mähring Bergbau betrieben. Aus der Überlieferung heißt es, die St. Nikolauskirche in dieser Zeit als Magazin für die Bergbauer zweckentfremdet worden. 1923 übernahm der Markt Mähring die Verantwortung für St. Nikolaus. Umfangreiche Innen- und Außenrenovierungen wurden die mit einem Waldfest abgeschlossen. Seither gibt es am 15. August ein Waldfest auf der Lichtung von St. Nikolaus, das Gäste aus dem gesamten Landkreis Tirschenreuth anlockt. Eine neue, umfangreiche Renovierung folgte 1996. (ubb)

 

 

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