14.05.2021 - 13:16 Uhr
LauterhofenOberpfalz

Vegan trifft Sonntagsbraten: Warum ein altes Wirtshaus wieder leben soll

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Crowdfunding für die Renovierung eines alten Wirtshauses? Kai Donhauser und Steffi Lang aus Lauterhofen gehen ungewöhnliche Wege. So ist auch das Konzept. Der Lauteracher Hof soll das Leben für die Allgemeinheit ein Stück besser machen.

Steffi Lang und Kai Donhauser wollen den Lauteracher Hof wieder eröffnen - unter komplett neuen Vorzeichen. Für das alte Wirtshaus im Herzen der Ortschaft haben sie besondere Pläne.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Der Lauteracher Hof ist ein uraltes Wirtshaus im Ortskern von Lauterhofen. Teile des Gebäudes sind gut 400 Jahre alt. Zuletzt war sogar ein Drogeriemarkt in einem Nebengebäude untergebracht. Die Regale voller Toilettenartikel sind mittlerweile Geschichte und entsorgt. In den 70er Jahren erlebte die Gaststube mit Kegelbahn aber ihre gesellschaftliche Blütezeit. Das soll wieder so sein, nur anders. Gastronomie 2.0 nennt Kai Donhauser das Konzept, das er für den Ortskern von Lauterhofen auf dem 3094 Quadratmeter großen Grundstück geplant hat. "Lebensmittel", so sagt der 42-Jährige, seien ein "existenzielles Gut". Ihnen soll künftig im Lauteracher Hof höchster Wert beigemessen werden. Die Kernsanierung ist schon im vollen Gange - mit allen Überraschungen, die ein altes Objekts mit sich bringt. "Man reißt eine Seite auf und schon sieht man das nächste." Wäre Corona nicht gewesen, er hätte wohl nie losgelegt.

Es begann mit einem Wasserzähler. Weil dieser ständig lief, wollte Kai Donhauser in dem leerstehenden Gemäuer die Ursache ergründen. Im Frühjahr 2020 machte sich er sich also daran, die alte Theke abzubauen. Darunter kam ein Wasserschaden zum Vorschein, an anderer Stelle aber auch Flossenbürger Granit-Platten. Er riss weiter und mit jedem Stück, das er entsorgte, wuchs die Idee für das neue Projekt. "Den ersten Satz des Konzepts hab ich dann gleich auf der Baustelle ins Handy getippt." Eine ökologische Kernsanierung sollte es werden. "Hier drin wird es keine Schadstoffe geben." Verputzt wird aktuell mit einem Gemisch aus Lehm und Stroh. "Wir haben schon viel geschafft, das G'wand steht mittlerweile." Aber es fehlt auch noch mindestens genauso viel. Und schon jetzt schwärmt er von der künftigen Theke, dem Gastraum mit etwa 40 Sitzplätzen, dem nostalgischen Metzger-Verkaufsraum, der ähnlich wie im Café Hubmann in Amberg in diesem Charakter beibehalten werden soll, dem Holzofen in der Küche, dem Biergarten und Speisekarten mit gestaffelten Preisen. "Wo jeder sehen kann, wieviel Geld letztendlich beim Wirt, beim Koch, beim Metzger, beim Erzeuger ankommt." Er will Transparenz bei den Gehältern, plant vegane und vegetarische Küche, Kuchen aber auch einen "Sonntagsbraten", damit Fleisch wieder die Wertschätzung verdient, die es haben sollte. Alle Zutaten sollen im Umkreis von zehn Kilometern erworben werden.

Woher diese Einstellung kommt, kann er nicht an einem Ereignis festmachen. Für den dreifachen Familienvater, der in seinem Leben nichts ausgelassen hat wie er selber sagt, spielt die Erkenntnis, dass vieles auf der Welt in die falsche Richtung läuft, eine entscheidende Rolle. Als Kind sei er noch im Wirlbach in Utzenhofen (Landkreis Amberg-Sulzbach) bei Kastl gestanden und hätte Forellen mit der Hand gefangen. Seine Eltern hätten ihm die Technik gezeigt. "Den ganzen Tag haben wir so verbracht." Dann kamen Flurbereinigung, Düngemittel und Klimawandel. Fische gibt's dort nicht mehr. "Der Bach ist ausgetrocknet." Oder die Frage, die ihm in den Sinn kam, als er vor den Regalen voller verschiedener Chipstüten in einem Amberger Supermarkt stand. Er war frisch von einer Nepal-Reise zurück gekehrt und dachte fassungslos: "Wie leben wir hier eigentlich?" Die Antwort darauf trieb ihn um. All seine Gedanken und Überlegungen für eine bessere Gesellschaft, in der Nachhaltigkeit und regionale Wertschöpfung eine große Rolle spielen, münden jetzt im Konzept für den Lauteracher Hof.

Crowdfunding gibt es immer öfter

Mantel

Das Anwesen selbst ist seit Urzeiten in Familienbesitz von Steffi Langs Vorfahren. Gegründet wurde das Wirtshaus von ihren Urgroßeltern: Ludwig und Anna Gehr. Die beiden hatten drei Mädchen. Lina, die jüngste, Steffis Oma, übernahm das Wirtshaus und baute es in den 70er Jahren um. Sie übergab den Lauteracher Hof wiederum an ihren Sohn Josef Stöckl, der kinderlos blieb und sich vor elf Jahren das Leben nahm. Noch nie sei der Betrieb eingestellt gewesen. Bereits einen Tag nach dem Tod des letzten Wirts habe wie gewohnt der Stammtisch stattgefunden, so die 35-Jährige. "Die Erben wurden völlig unerwartet mit dem Anwesen konfrontiert. Sie versuchten alles, neben ihren eigentlichen Tätigkeiten, der Verantwortung gerecht zu werden", beschreibt Kai Donhauser. Der Entschluss, das Wirtshaus am Leben zu erhalten - allerdings von Grund auf ökologisch saniert und mit einem klaren Konzept - sei eine "emotionale Entscheidung" gewesen. "Jetzt ist die Zeit, etwas neues zu machen", sagt Steffi Lang überzeugt. Sie hat die Wirtshaus-Gene im Blut. "Den Kopf in den Sand stecken wollten wir nicht. Wir denken Alternativen."

Idealismus, der natürlich Geld kostet. Über die Crowdfunding-Plattform "Startnext" versuchen Kai Donhauser und seine Frau Steffi Lang finanzielle Hilfe dafür zu bekommen. Mit 60.000 Euro Privatdarlehen sind sie gestartet. Alle, die möchten, dass die Idee Wirklichkeit wird, können das Projekt mit einem freien Betrag finanzieren. Als Dankeschön kann man zum Beispiel ein von Kai Donhauser selbst gestaltetes T-Shirt bestellen. Man kann aber auch seinen Namen für 100 Euro in eine Steintafel meißeln lassen. Im Idealfall sollen 230.800 Euro zusammenkommen. Viel Geld für Crowdfunding, das ist Kai Donhauser bewusst. Doch der Hobby-Koch brennt für seine Idee und das Konzept. Über 26.000 Euro sind schon eingegangen. Allein für die neue Theke sind 30.000 Euro veranschlagt. Und wenn es nicht klappt? "Dann gibt es noch Plan B", sagt Kai Donhauser. Denn der Lauteracher Hof müsse was werden, schließlich hätte er eine Mission, einen "Auftrag" für das "Wirtsheisl" wie er es gerne nennt. "Ideen haben wir genug." Weitere Informationen unter www.lauteracher-hof.de

Auch der Weidener Eishockeyverein versuchte es mit Crowdfunding

Was ist Crowdfunding?:
  • Viele Menschen (crowd) finanzieren (fund) gemeinsam eine Idee, ein Projekt oder ein Unternehmen.
  • Alle, die möchten, dass die Idee Wirklichkeit wird oder bleibt, unterstützen das Projekt während der Finanzierungsphase mit einem freien Betrag oder bestellen ein Dankeschön.
  • Startnext ist eine Crowdfunding-Plattform im Internet, auf der sich Projekte und Startups vorstellen und für ihre Ideen sammeln können.
  • Das Crowdfunding für den Lauteracher Hof ist bis 6. Juni unter www.startnext.com/essentrinkenlebensart zu finden.

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