12.10.2020 - 10:31 Uhr
KümmersbruckOberpfalz

Streit um Streetballplatz: Wie laut dürfen spielende Jugendliche sein?

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Es zischt zwischen Anwohnern eines Streetballplatzes unterhalb des Kümmersbrucker Rathauses und einer Jugendgruppe. Nachdem der Bauausschuss eine "letzte Warnung" aussprach und die Jugendlichen weiterzogen, ist Ruhe eingekehrt. Für immer?

Der Streetballplatz unterhalb des Kümmersbrucker Rathauses wird gern von Jugendlichen angenommen. Einige Anwohner stören sich daran, dass es manchmal recht laut zu geht.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Das Freizeitgelände unterhalb des Kümmersbrucker Rathauses ist seit jeher ein beliebter Treffpunkt. Ein Spielplatz lockt die Jüngsten, die Älteren vergnügen sich beim Streetball. Für manch einen Anwohner amüsierte sich eine Gruppe Jugendlicher seit dem Frühjahr dort aber zu laut. Es wurde bei der Gemeinde ein Antrag gestellt, dass der Korb abgenommen werden solle.

"Letzte Warnung" spricht der Bauausschuss aus

Kümmersbruck

Als der Bauausschuss Kümmersbruck Ende September „eine letzte Warnung“ aussprach, sonst würden Korb und Sitzbänke wirklich abgebaut, kochten die Emotionen auf unseren Onetz-Plattformen hoch. „Da waren wir schon als Kinder. Die waren wohl niemals jung oder sind von sonst wo zugereist. Sind wir froh, dass sie noch rausgehen. Viele zocken eh nur zu Hause rum“ und „Wenn es nur beim Bolzen bliebe, habe ich kein Problem damit. Aber wenn man in der Gruppe raucht, trinkt, Musik aufdreht und Party macht, finde ich es nicht richtig“ – das waren nur einige Meinungen, die uns erreichten. Was steckt genau dahinter?

Die dritte Flucht

Bürgermeister Roland Strehl erzählt, dass es ein stetes Auf und Ab mit Ärger sei wegen des Platzes, den es seit gut 30 Jahren gibt. Der Grund: „Das Gelände grenzt relativ nah an eine Wohnbebauung.“

Laute Musik vom Basketball, die auf die Terrasse in 40 Metern Entfernung herüberschallt: Auch Anwohner haben Rechte.

Bürgermeister Roland Strehl

Bürgermeister Roland Strehl

Im Frühjahr beziehungsweise Sommer „ist die Lage eskaliert, weil sich eine Gruppe nicht an die Regeln gehalten hat“. Auf dem Platz solle unter anderem um 20 Uhr Ruhe einkehren. „Laut Anwohner wurde dort Alkohol getrunken, Musik laut gehört, teilweise bis 21 Uhr oder 0 Uhr.“ Anfang Juli sei das Problem an ihn herangetragen worden, erinnert sich Strehl. „Ich habe die Polizei gebeten, dort häufiger vorbeizuschauen, damit um 20 Uhr Schluss ist.“ Auch mit Jugendpflegerin Helena Schubert habe er Kontakt aufgenommen. Noch im Juli kam es zum Gespräch zwischen Schubert, Bürgermeister Strehl und 15 Jugendlichen. „Ein tolles Gespräch. Meiner Meinung nach ist es dort nun besser geworden. Ich höre nichts mehr vom dem Brennpunkt.“

Mittlerweise ist die Gruppe um (von links) Jonas, Mika, Manuel und Franz zum Basketballplatz am Sportzentrum weitergezogen. "Hier hat man nichts gegen uns", sagen sie.

Das dürfte mitunter daran liegen, dass die Gruppe weitergezogen ist. Zum Sportzentrum Am Butzenweg. „Der Ärger mit dem Anwohner hat uns den Streetballplatz am Rathaus verdorben“, sagt Manuel. Es sei eine Flucht gewesen. Die dritte im Übrigen: nach einem Platz an der Schule, vor dem Schwimmbad, nun unterhalb des Rathauses. „Wir sehen keinen Grund mehr, dorthin zurückzugehen.“ Dort oben seien die Basketballer wesentlich freundlicher aufgenommen worden, lobt der 16-Jährige die Reaktion der Pächterin. „Hier hat man nichts gegen uns und unsere Musik.“ Die sei im Übrigen in normaler Lautstärke aufgedreht.

Buntes Spektakel am Platz

Jugendpflegerin Schubert bedauert grundsätzlich, dass nun am Platz unterhalb des Rathauses tote Hose herrscht. „Es ist ein öffentlicher Raum, bei dem Fremde zusammentreffen. Jung und Alt: Wo haben Erwachsene schon Kontakt mit Jugendlichen? Der Platz an sich muss unbedingt erhalten werden.“ Im Sommer habe sie nachmittags beobachtet, dass am Spielplatz Eltern mit Kleinkindern spielten, eine Yogagruppe übte auf der Wiese und die Jugendlichen zockten Basketball. „Wir müssen uns glücklich schätzen, dass das Gelände zeitgleich so bunt bespielt wird.“ Natürlich immer innerhalb der Regeln.

Aktuell sieht Schubert die Fronten jedoch ziemlich verhärtet. „Eventuell gelingt es uns, 2021 noch einmal einen Versuch zu starten, miteinander ins Gespräch zu kommen.“ Solange ist die Gruppe einverstanden, sich vom Ortskern abseits am Sportzentrum zu treffen. Bald solle auch der neue Jugendraum eröffnet werden. „Das sind aber nur Angebote, die wir Jugendlichen machen. Sie sind nicht verpflichtet, sie anzunehmen.“

Die Fronten sind womöglich auch deshalb verhärtet, weil in den vergangenen Wochen und Monaten rund um das Gelände einiges passierte: Die Jugendlichen erzählen, dass zunächst Gesprächsbereitschaft auf beiden Seiten herrschte. „Als ein Anwohner auf uns zukam und sagte, dass wir zu laut sind, wurden wir leiser“, sagt Franz (15).

Lack auf dem Auto und Eier an der Hauswand

Ende Juli kippte dann ein Unbekannter Lack über das Auto eines besonders genervten Anwohners. Eier landeten an einer Hauswand. Der Schaden wurde laut Polizei auf gut 15 000 Euro geschätzt. „Man dachte, dass wir das waren“, sagt Mika (17). Die Jugendlichen weisen die Schuld jedoch von sich, finden es schade, dass man sie unter Generalverdacht nehme. Wenn sie nun am Platz abhingen, dauerte es oft kaum mehr als zehn Minuten, dann tauchte die alarmierte Polizei auf. „Wir wurden nach Alkohol und Drogen kontrolliert“, erzählt Jonas (16). Immer und immer wieder. „Wir würden es verstehen, wenn die Beamten je etwas gefunden hätten“, sagt Manuel. Auch Zivilpolizei soll die Jugendlichen regelmäßig angesprochen haben, ob sie etwas zum Vorfall mit dem beschädigten Auto beitragen könnten.

Die Polizei ermittelt

Kümmersbruck

Dann lagen an einigen Nachmittagen Glasscherben von Flaschen auf dem Basketballplatz herum. „Auch das waren wir nicht. Wäre ja blöd, weil wir mit unserem Ball dort spielen wollen“, erklärt Manuel. Mehrmals nahmen die Jugendlichen den Besen in die Hand, um die Scherben aufzukehren. Die Gruppe stört, dass sie oft über den Zaun von einem Anwohner beleidigt wurde.

„Mir wurde glaubhaft versichert, dass der Aufenthalt der Jugendlichen zwischen Mai und Juni schlimm war“, setzt Bürgermeister Strehl entgegen. „Laute Musik vom Basketballplatz, die auf die Terrasse in 40 Metern Entfernung herüberschallt: Auch Anwohner haben Rechte“, sagt der Gemeindechef. Er wolle nicht die Augen davor verschließen, wenn sich jemand nicht an Regeln hielte. Trotzdem glaubt Strehl, dass die „eindrückliche Warnung des Bauausschusses“ Wirkung zeigen werde und dass man den Korb und die Sitzmöglichkeiten dort nicht entfernen müsse. „Im April, Mai werden wir weitersehen.“

Wohin nach 20 Uhr?

Nun ist es aber auch so in Kümmersbruck, dass es aktuell keine Möglichkeit für Jugendliche gibt, sich nach 20 Uhr irgendwo regelkonform zu treffen. Denn durch Corona hatte sich die geplante Eröffnung des Jugendraums im Frühjahr deutlich nach hinten verschoben. Im Herbst sollen die Jugendlichen erst einmal den Raum nach ihren Wünschen einrichten und Benutzungsregeln aufstellen. Später kann er dann eine Möglichkeit sein, sich eventuell bis 22 Uhr an einem Ort zu verabreden.

Eventuell gelingt es uns, 2021 noch einmal einen Versuch zu starten, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Jugendpflegerin Helena Schubert

Jugendpflegerin Helena Schubert

Jugendpflegerin Schubert wünscht sich für die Zukunft ein klein wenig mehr Toleranz – auf allen Seiten. Ihr geht es auch darum, dass die unterschiedlichen Ansprüche, wie ein öffentlicher Platz genutzt werden darf und soll, zusammenfinden. Kürzlich habe ihr ein Polizist erzählt, dass sich die Beschwerden von Anwohnern bei Lärmbelästigung immer mehr häuften. „Heute haben Leute vielleicht ein größeres Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung. Dinge, die früher normal waren, empfinden manche schneller als störend.“ Sie hofft, dass auch mehr Erwachsene nachempfinden würden, wie es Kindern und Jugendlichen während der Coronapandemie und den verbundenen Einschränkungen geht. „Es hilft, sich zu erinnern, wie man selbst als Jugendlicher war. Wären wir bei so etwas wie Corona so geduldig?“

Kommentar:

Bloß nicht aus dem Ortskern abschieben

Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn sich knapp ein Viertel einer befragten Gruppe am meisten an jungen Menschen in der Umgebung stört? 2012 hat das Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin die Frage untersucht: "Welcher Wohntyp nervt am meisten?" Nach gut 4600 Telefoninterviews mit Deutschen ohne Migrationshintergrund wurde klar: „Trinker“, „alte Menschen“ und vor allem „Jugendliche“ gelten gemeinhin als problematisch. Jugendliche wurden mit 23 Prozent deutlich am häufigsten genannt. Was stört, muss weg. Selbstverständlich muss kein Anwohner, Alkohol- und Drogenkonsum in seiner Umgebung dulden. Vor allem nicht, wenn es Jugendliche sind, die sich betrinken. Im Gegenteil: Eine couragierte Gesellschaft schaut nicht weg, sie geht dazwischen. Darum geht es in dem Fall aber gar nicht. Was hier mächtig schief gelaufen ist, ist die Kommunikation miteinander. Nicht übereinander. Was für den Bauausschuss in Kümmersbruck die "letzte Warnung" ist, kann für die nächste spielende Gruppe das unverschuldete Ende sein, weil die Nerven der Anwohner wohl schon seit Jahren gespannt sind. Korb und Sitzbank sind dann weg - und mit ihnen die Jugendlichen im Ortskern, abgeschoben an den Ortsrand. Nicht mehr zu sehen. Wie praktisch.

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