13.06.2021 - 08:56 Uhr
KümmersbruckOberpfalz

Abzug aus Afghanistan: Oberpfälzer Soldaten packen mit zusammen

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Die Bundeswehr verlässt Afghanistan. Der Einsatz endet nach knapp 20 Jahren. Einer, der dabei mit anpackt, ist Oberstabsfeldwebel Matthias L. aus dem Landkreis Tirschenreuth. Er erzählt, wie der Alltag in Masar-i-Sharif aussieht.

Oberstabsfeldwebel Matthias L. vom Logistikbataillon 472 in Kümmersbruck (Kreis Amberg Sulzbach) steht Anfang Juni im deutschen Feldlager "Camp Marmal" in Masar-i-Sharif. Er ist Kompaniefeldwebel des Logistikbataillons.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Im Norden von Afghanistan ist bereits Hochsommer. Die Temperaturen klettern jetzt im Juni mühelos auf 40 Grad Celsius und mehr. Natürlichen Schatten gibt es im deutschen Feldlager "Camp Marmal" nicht mehr. Als die Deutschen im Jahr 2005 das riesige Lager im Osten der 100.000 Einwohner-Stadt Masar-i-Sharif ausgebaut haben, fällten sie Bäume und Sträucher – und sie schotterten die rund 2,5 Kilometer mal 1,5 Kilometer große Fläche. Rennmäuse und Sandmücken, die beide die schwere Hauterkrankung Leishmaniose übertragen, sollte jeder Unterschlupf verwehrt werden. Jetzt wird im "Camp Marmal" wieder gebaut – allerdings nicht auf, sondern ab.

Dabei packen Oberpfälzer Soldaten mit an. Knapp 120 Männer und Frauen vom Logistikbataillon 472 aus Kümmersbruck (Kreis Amberg) waren ursprünglich im Frühling nach Afghanistan gesandt worden, um die dort eingesetzten Truppen zu versorgen. Seit die Nato im April das Ende des Afghanistan-Einsatzes beschlossen hat, haben sich die Aufgaben der Kümmersbrucker geändert.

Siftländer kümmert sich um Wohl der Soldaten

"Der Auftrag hat sich geändert, vor allem in den letzten vier Wochen. Jetzt heißt es Rückbau, Verpacken, Verladen. Fahrzeuge, Ausrüstung und Soldaten müssen nach Deutschland zurück", erzählt Oberstabsfeldwebel Matthias L.. Der 49-Jährige aus dem Landkreis Tirschenreuth ist der Kompaniefeldwebel der Logistikkompanie in Masar-i-Sharif. Der "Spieß" oder die "Mutter der Kompanie", wie nicht nur Wehrdienstleistende früher den Kompaniefeldwebel genannt haben. Dieser ist durch die geflochtene goldgelbe Schnur, die er unter der rechten Schulterklappe trägt, leicht zu erkennen.

Der Stiftländer hat dieselbe Funktion auch Zuhause. "Ich bin der Kompaniefeldwebel der 2. Kompanie des Logistikbataillons 472 in Kümmersbruck", schreibt Oberstabsfeldwebel Matthias L. in einer E-Mail aus Masar-i-Sharif. "Mein Auftrag ist die Betreuung der Soldaten dieser Kompanie." Das Umfeld müsse passen. Er nennt als Beispiele Unterkunft, Verpflegung und im Einsatz wie in Afghanistan die Verteilung der Feldpost.

"Briefe schreiben ist zwar nicht mehr up to date, macht aber trotzdem Spaß", erzählt der Oberstabsfeldwebel. "Jeder Soldat freut sich wenn er im Einsatz Post bekommt." Kontakt zur seiner Familie hält er zudem täglich über WhatsApp oder Skype. Das W-LAN im Feldlager ist kostenlos. Jeder sei informiert – über Apps oder das Internet. Es sei nicht mehr notwendig, dass ihm seine Frau, wie in seinem ersten Einsatz 2004/2005 in Bosnien, wöchentlich die Lokalteile des "Neuen Tags" der Vorwoche schicke.

Um 5 Uhr werden die ersten Flugzeuge beladen

Im "Camp Marmal" hat sich gegenüber 2013/2014, als Oberstabsfeldwebel Matthias L. zum ersten Mal in Afghanistan war, viel geändert. Damals war gerade der Abzug aus dem östlich von Masar-i-Sharif gelegenen Kundus abgeschlossen worden. Die Panzerbrigade 12 "Oberpfalz" hatte das dortige deutsche Feldlager geräumt und an die afghanische Armee und die Polizei übergeben. Das Material war damals über Masar-i-Sharif in die Türkei geflogen und vorn dort nach Deutschland gebracht worden.

Heute, acht Jahre später, ist es auch in "Camp Marmal" ziemlich leer geworden. "Betreuungseinrichtungen sind abgebaut, die Geschäfte der deutschen, norwegischen und amerikanischen Militärausrüster geschlossen, der afghanische Bazar nicht mehr vorhanden." Wegen des 1. Mai geltenden Alkoholverbots und der Maßnehmen wegen der derzeitigen Sicherheitslage sei es vor allem Abends ruhig im Lager.

Die Ruhe am Abend ist sicher auch den langen Arbeitstagen geschuldet. Die ersten Flugzeuge werden teilweise schon früh am Morgen um 5 Uhr oder 6 Uhr be- und entladen. Besonders das ohrenbetäubende Dröhnen der riesigen Antonow-Transportflugzeuge AN-124 ist weithin zu hören. Mit diesen Maschinen werden unter anderem Hubschrauber und große Fahrzeuge ausgeflogen.

Der Auftrag hat sich geändert, vor allem in den letzten vier Wochen. Jetzt heißt es Rückbau, Verpacken, Verladen. Fahrzeuge, Ausrüstung und Soldaten müssen nach Deutschland zurück.

Oberstabsfeldwebel Matthias L, derzeit in Masar-i-Sharif in Afghanistan

Oberstabsfeldwebel Matthias L, derzeit in Masar-i-Sharif in Afghanistan

Gedenkstein für Gefallene nach Deutschland gebracht

Auch der Gedenkstein für die in Afghanistan gefallenen deutschen Soldaten ist so Ende Mai nach Deutschland gebracht worden. Dabei halfen auch Kümmersbrucker Soldaten. Im "Camp Marmal" war der 27 Tonnen schwere Findling auf einen Schwerlasttransporter der Bundeswehr geladen worden. Dann wurde dieser nach Leipzig geflogen. Inzwischen steht der Gedenkstein in der Henning-von-Tresckow-Kaserne in Schwielowsee. Dort, unweit des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr, befindet sich der Wald der Erinnerung. Da soll der Gedenkstein im Zentrum des nachgebauten Ehrenhains von "Camp Marmal" stehen.

Auch die ökumenische Kapelle, der markanteste Bau in "Camp Marmal" ist abgebaut worden. Altar und Portal sollen ebenfalls nach Deutschland gebracht werden. Für den Stiftländer ein deutliches Anzeichen, "dass die Mission wirklich zu Ende geht und die Bundeswehr dieses Land verlässt". "Ich finde es richtig, beides hier zu entfernen, um es vor Vandalismus und Schändung zu schützen", schreibt Oberstabsfeldwebel Matthias L.. "Gerade der Gedenkstein soll uns immer an die Gefallenen hier in Afghanistan erinnern."

Während des Tages wird Material vorbereitet, abgebaut und aufgeräumt. Wer damit fertig ist und in seinem Bereich keinen Auftrag mehr hat, fliegt nach Hause. Zunächst mit dem Bundeswehr-Transporter A400M in die geogische Hauptstadt Tiflis und von da weiter nach Deutschland.

Die Hälfte des Materials wieder in Deutschland

Inzwischen ist rund 50 Prozent des Materials zurückgebracht worden, teilte eine Sprecherin des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr auf Anfrage mit. Derzeit sind noch rund 850 deutsche Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan im Einsatz. Als der Abzug am 1. Mai begann, waren es noch rund 1100. Oberstabsfeldwebel Matthias L. berichtet, dass schon mehr als die Hälfte seiner Kameraden aus der Logistikkompanie nach Hause zurückgekehrt ist. Einige wenige würden aber bis zum Ende bleiben, weil ihre Fähigkeiten bis zum Schluss gebraucht würden. Wann er nach Hause fliegt, weiß der Stiftländer noch nicht.

Wann der Abzug aus Afghanistan abgeschlossen sein wird ist offen. Ursprünglich hatte US-Präsident Joe Biden den 11. September, also 20 Jahre nach den verheerenden islamistischen Terroranschlägen auf die USA, als Abzugstermin genannt. Im Hauptquartier der Nato-Mission in Kabul gab es Überlegungen, den Abzug zu beschleunigen. Dabei fiel auch das Datum 4. Juli, der amerikanische Unabhängigkeitstag.

Schlüssel bereits an Afghanen übergeben

In der vergangenen Woche hat die Bundeswehr schon einmal symbolisch den Schlüssel für "Camp Marmal" an die afghanischen Streitkräfte übergeben. Zur Unterzeichnung des Vertrages mit dem deutschen Kommandeur, Brigadegeneral Ansgar Meyer, war am 7. Juni als Vertreter des afghanischen Verteidigungsministeriums General Mohammed Saheer Nasari ins deutsche Feldlager gekommen. Durch die vorgezogene Übergabe soll gewährleistet werden, dass die afghanischen Streitkräfte Unterkünfte und Einrichtungen ohne Verzug nutzen können, sobald in den nächsten Wochen die letzten deutschen Soldaten "Camp Marmal" verlassen haben. Bis dahin hat aber noch die Bundeswehr das Sagen im Feldlager.

Dort gibt es inzwischen deutlich weniger Komfort. Seite Mitte vergangener Woche wird die Kleidung der Soldaten nicht mehr gewaschen. Die Männer und Frauen müssen jetzt selbst eine der wenigen verblieben Waschmaschinen nutzen oder auf Handwäsche umsteigen. "Damit kommt man klar", sagt Oberstabsfeldwebel Matthias L. Die Soldaten kennen solche Bedingungen von Übungen oder wenn eine Auslandsmission beginnt.

Mit der Familie im August wandern gehen

Dass sich dieser Einsatz nicht nur Oberstabsfeldwebel Matthias L deutlich von vorangegangenen unterscheidet liegt nicht nur am Abzug. Auch die Corona-Pandemie und der erforderliche Schutz vor Ansteckung hat viele Abläufe verändert. "Die 14-tägige Quarantäne/isolierte Unterbringung im Hotel vor dem Abflug hierher und die häusliche Absonderung von zehn Tagen nach der Rückkehr verlängern den Einsatz subjektiv um weitere vier Wochen", schreibt der 49-Jährige. Auch im Camp gibt es entsprechende Regeln. So sind etwa die Fitnessgeräte wegen Corona auf mehrere Plätze verteilt worden. Und: "Laufen, Walking, Fahrradfahren gehet immer, wenn der Auftrag es zulässt", berichtet Oberstabsfeldwebel Matthias L..

Die Stimmung ist gut berichtet der Stiftländer. "Mir persönlich geht es gut, ich freue mich aber auch schon auf meine Familie." Zum Abschluss schreibt Oberstabsfeldwebel Matthias L.: "Ich selbst weiß derzeit noch nicht genau, wann ich nach Hause verlege, gehe aber davon aus, dass ich nach Rückkehr spätestens im August mit meiner Familie einige Tage beim Wandern verbringen werde."

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Hintergrund:

Zur Person: Oberstabsfeldwebel Matthias L.

  • Oberstabsfeldwebel Matthias L. ist Kompaniefeldwebel der 2. Kompanie des Logistikbataillons 472 in Kümmersbruck (Kreis Amberg-Sulzbach).
  • Für den 49-Jährigen ist es der zweite Einsatz am Hindukusch und insgesamt der vierte Einsatz nach 2013/2014 in Afghanistan, 2016/2017 im Kosovo und 2004/2005 in Bosnien.
  • In Masar-i-Sharif ist er ebenfalls Kompaniefeldwebel der Logistikkompanie. Seine Aufgabe ist die Betreuung der Soldaten.

 

 

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