07.05.2021 - 09:42 Uhr
KrummennaabOberpfalz

Porzellan made in Krummennaab

Mit dem Abriss der Porzellanfabrik 2013, die 2006 stillgelegt worden ist und die 2001 die Produktion eingestellt hat, endete die über 100-jährige Geschichte des Porzellans aus Krummennaab. Ein Blick in die bewegte Vergangenheit.

Die Porzellanfabrik Mannl um 1904. Hinter dem Schornstein das Schloss, rechts der Anbau von 1898 als Wohnhaus und Druckerei.
von Externer BeitragProfil

Ein gut 900 Jahre altes Dorf mit einer reichen industriellen Vergangenheit ist Krummennaab: Bereits in vorindustrieller Zeit hatte hier ab 1717 Louis Anne de Sainte Marie d’Eglise im unteren Dorf, an der Naab, mit schließlich 40 Arbeitern eine der ersten modernen Spiegelglasschleifereien der Oberpfalz errichtet. Der französische Adlige aus Krummennaab, der das technische und ökonomische Wissen aus seinem Heimatland mitgebracht hatte, wurde zum Initiator eines kleinen wirtschaftlichen Neuaufbruchs in der Oberpfalz im 18. Jahrhundert, da nun auch wieder all die stillgelegten Hammerwerke eine Neuverwendung fanden.

So weiß die Frühneuzeitforschung für das Jahr 1733 von gerade einmal 3 Spiegelglasschleifereien in der Oberpfalz, 8 waren es 1755, 14 im Jahr 1785 und schließlich 49 im Jahr 1810. Der Betrieb in Krummennaab lief bis 1905. Als Erster ließ Sainte Marie d’Eglise hier eine Arbeitersiedlung erbauen. Die Einwohnerzahl überstieg 200. D’Eglise starb 1756 mit 80 Jahren. Er ist in der evangelischen Kirche begraben. An ihn erinnert heute der goldene Adler im Gemeindewappen.

Schloss wird zur Fabrik

Entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung zu einer modernen Industriegemeinde waren der Verkauf und die Zerschlagung des adeligen Gutsbesitzes ab 1858 durch Karl Theodor von Künsberg, der diesen erst zwei Jahre zuvor erworben hatte. Denn es war das nach einem Brand 1705 neuerbaute herrschaftliche Schloss im oberen Dorf, in dem eine Fabrik eingerichtet wurde. Der Käufer des massiven, 27 Meter langen und 22 Meter breiten Gebäudes war 1874 Franz Seraph Mühlmeyer aus Kemnath, der hier mit seiner Klara, geborene Weyh aus Kulmain, die „Erste bayr. Sicherheits-Zündhölzerfabrik“ betrieb. Da sich das Geschäft nicht lohnte, folgte vier Jahre später die Versteigerung. Das Ehepaar wanderte in die USA aus und lebte 1889 mit fünf Töchtern in St. Louis (Missouri).

1894 baute der Reuther Josef Peschka im Schloss den ersten Porzellanbrennofen und stellte mit fast 30 Arbeitern hier erstmals Porzellanwaren her. Zu dieser Zeit lebten 259 Menschen im Ort. Bei Versteigerungen erstand Wenzeslaus Mannl 1897 den Großteil der Schlossgebäude. Die Firma W. Mannl begann den Betrieb mit rund 80 Arbeitern. Die Porzellanerzeugnisse wurden in die USA, nach England, Kanada, Afrika, Indien, China, Südamerika, auf die Südseeinseln sowie nach Australien und Neuseeland exportiert.

Arbeiterhäuser wurden errichtet, 1898 erfolgte ein Anbau an das Schloss mit drei zusätzlichen Brennöfen sowie die Einrichtung einer Druckerei; 1904 wurde ein Büro- und Kontorgebäude erbaut, das 1925 erweitert wurde; ein Malerei- und Packereigebäude wurde 1906 gebaut und 1925 mit dem Bau eines Weißlagers erweitert.

1906 waren 130 Arbeiter bei Mannl beschäftigt, Spezialität waren die Herstellung und der Export von Tee-, Kaffee- und Toilette-Service sowie von Tellern, Tassen, Krügen, Leuchtern, Menagen, Vasen, Butter- und Käseglocken. Die Zahl der Einwohner erreichte inzwischen die 500er Marke. Ein eigenes privates Anschlussgleis erhielt die Fabrik 1910 an der neuen, seit dem Vorjahr an Krummennaab vorbeiführenden Lokaleisenbahn von Reuth nach Erbendorf. Die Beschäftigtenzahl stieg in dieser Zeit auf 180 bis 190. Eine Betriebskrankenkasse wurde im Januar 1925 gegründet.

Höhepunkt der Porzellanherstellung

Kurz vor dem New Yorker Börsencrash 1929 und der folgenden Weltwirtschaftskrise waren bei Mannl 279 Menschen beschäftigt, darunter 122 Frauen und 14 Lehrlinge. Die Krise wirkte sich natürlich auch hier aus. Zwei Jahre später wurde mit der Firma „Illinger & Co. Porzellanfabrik Krummennaab“ die Betriebsfirma der weiterhin als offene Handelsgesellschaft existierenden Firma Mannl gegründet. Mit nur noch rund 200 Arbeitern und Angestellten musste die Firma Illinger 1933 die Zahlungen an die Gläubiger einstellen und beabsichtigte, die Fabrik wegen der schlechten Wirtschaftslage stillzulegen. Daraufhin hat sie die Bayerische Handelsbank als Hauptgläubiger ersteigert. Im Jahr darauf kaufte sie der ehemalige Fabrikdirektor Hermann Lange und führte sie als „Hermann Lange Porzellanfabrik Krummennaab“ weiter.

Eine neue Ära sollte mit dem Kauf der Fabrik durch Wilhelm Seltmann wenige Monate vor Beginn des Zweiten Weltkrieges beginnen. Erst im Jahr darauf erwarb Seltmann auch die Erbendorfer Porzellanfabrik Schrembs. Richtig durchstarten sollten die beiden neuen Seltmann-Werke erst nach 1945. Eine Erweiterung der Krummennaaber Fabrik erfolgte kurz nach Kriegsende mit einem neuen Expeditions- und Buntbetriebgebäude.

Mitte der 1950er Jahre war das Werk aufgrund seiner Einrichtung nicht mehr konkurrenzfähig und die Wahl zwischen Schließung und Modernisierung stand zur Entscheidung. So wurde die Fabrik ab 1957 grundlegend modernisiert, automatisiert und vergrößert. Erweiterungsbauten waren nur in nördlicher Richtung, zur Ortsmitte, möglich, da im Süden die Lokalbahnstrecke Reuth–Erbendorf verlief. Daher mussten im Laufe der folgenden Jahrzehnte bis 1983 Häuser weichen. Und so wurde 1966 auch das Schloss mit dem Mannl-Anbau abgebrochen, das inzwischen schon von drei Seiten von den neuen Fabrikbauten regelrecht umzingelt war.

Zur Geschichte der Porzellan-Industrie in Erbendorf

Erbendorf

Auf dem Höhepunkt mit bis zu 850 Beschäftigten war das Seltmann-Werk in Krummennaab eines der modernsten in Europa. Die Beschäftigten wurden größtenteils mit Bussen zur Arbeit und nach Hause gefahren. Auch Hunderte griechische und türkische Gastarbeiter waren ab den 1960er Jahren darunter. Die ab 1960 erbaute „Wilhelm-Seltmann-Schule“ wurde am 3. September 1961 eingeweiht, zu deren Kosten von 800.000 D-Mark auch Wilhelm Seltmann beitrug.

Um das Bild der Industriegemeinde Krummennaab zu vervollständigen, darf die hier 1961 gegründete Sportmodenfabrik Weidner, in der bis zu 120 Mitarbeiter angestellt waren, nicht unerwähnt bleiben. Auch wenn die Gebietsreform von 1972 in Rechnung zu stellen ist, lässt sich der Aufschwung in der Einwohnerzahl ablesen. Von Ende 1972 bis in die zweite Jahreshälfte 1975 weist die Gemeinde mit über 2000 Einwohnern ihren historisch höchsten Stand auf. Heute sind es 1453.

Das lange Ende

Im Jahr 2000 waren noch 200 Mitarbeiter im Werk beschäftigt, die Produktion wurde ein Jahr später eingestellt. Daraufhin stand die Fabrik weitgehend leer, Teile wurden noch als Lager genutzt. Die Mitarbeiter und die Weißfertigung gingen ins Werk nach Erbendorf. Endgültig stillgelegt wurde die Fabrik 2006, ein Jahr später begannen erste Gespräche zwischen der Firma Seltmann mit der Gemeinde über mögliche Verwendungszwecke. Noch 2007 richtete ein Allgemeinarzt seine Praxis im ehemaligen Bürogebäude ein, die bis Ende 2011 bestand. Im November 2012 erwarb die Gemeinde Krummennaab für einen symbolischen Euro das drei Hektar große Areal, das ein Fünftel des Ortes ausmacht.

Mit einem Eigenaufwand von mehreren hunderttausend Euro übergab die Firma Seltmann die Fabrik schadstofffrei. Der Abbruch kann für eine kostengünstige Geländemodellierung verwendet werden. Einzig die Lagerhalle von 1981 in der Trautenberger Straße, die südlich der ehemaligen Bahnlinie liegt, verblieb bei der Firma Seltmann und wird weiterhin genutzt.

Im Sommer 2013 begann der Totalabbruch der Fabrik, der sich bis in den November hinzog und 1,3 Millionen Euro kostete. Die einstigen Seltmann-Mietshäuser in der J.-B.-Lehner-Straße wurden 2018 abgebrochen. Seit 2014 entstand auf dem Fabrikgelände der Krummennaaber Bürgerpark mit Spielplatz und Solarblumen für Dorffeste als aufgewertete Ortsmitte für alle Generationen. Für diesen Zweck erfolgte im August 2020 durch den Regierungspräsidenten der Oberpfalz der Spatenstich für das Mehrzweckgebäude an der Westseite des Bürgerparks.

Hier gibt's Bilder zu den Abriss-Arbeiten zu sehen

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.