04.09.2019 - 09:31 Uhr
KonnersreuthOberpfalz

Schneiderei klug eingefädelt

Dirndl, Vorhänge, Kostüme Kissenbezüge: Michaela Burger aus Konnersreuth näht alles, was daherkommt. Und das recht erfolgreich. Mit ihrer kleinen Dorfschneiderei ist sie das ganze Jahr über gut ausgelastet.

Michaela Burger in ihrer Nähstube im Keller. Dort arbeitet die 53-Jährige und lagert ihre Arbeitsmaterialien: Stoffe, Knöpfe, Häckchen, Bordüren und Schnittmuster.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Egal ob ein Couch-Überzug oder neue Vorhänge gebraucht werden, ob Hosen gekürzt werden müssen, Ringkissen oder Mittelaltergewänder angeschafft werden sollen, ob Brautkleider, Faschingskostüme, Trachtengewänder, Badeanzüge, Abschlussball-, Cocktailkleider oder Theaterkostüme auf der Wunschliste stehen - Michaela Burger macht es.

Viele Stammkunden

Alleine die Nähmaschine setze Grenzen, erzählt sie: "Solange ich's unter die Nadel bringe, nähe ich alles. Das gehört in einer Dorfschneiderei dazu." Die 53-jährige Damenschneidermeisterin stattet auch etliche Schützenvereine, Musikkapellen und Faschingsgesellschaften aus, da kommt einiges an Arbeit zusammen. Und nicht zuletzt floriert das Geschäft mit den privaten Kundinnen, die sich ein maßgeschneidertes Dirndl zulegen wollen. Vom Aufwand her seien die meisten Arbeitsstücke ähnlich. "Zu Fasching glitzert es halt mehr als sonst", sagt Burger.

Seit 2005 bestreitet sie ihr Ein-Frau-Unternehmen. Nach über 20 Jahren in einem Angestelltenverhältnis entschied sich die Konnersreutherin 1996, sich selbstständig zu machen - zunächst im Nebenerwerb, dann im Vollerwerb. Innerhalb der vergangenen 14 Jahre wuchs und wuchs ihr Kundenstamm durch Mundpropaganda. Der Schritt in die Selbstständigkeit war eine Erleichterung für Burger. "Jetzt kann ich nähen, wann ich will und muss nicht von 8 bis 16 Uhr arbeiten." Schwierige Teile hebt sie sich gerne für den Abend auf. "Da klingelt kein Telefon und keine Haustürglocke, da kann ich mich in Ruhe konzentrieren."

"Angefangen hat alles mit dem Spielmannszug aus Pechbrunn", erinnert sich die Schneiderin an ihren ersten Auftrag. Für die Gruppe, die mittlerweile nicht mehr existiert, nähte sie Hemden. Dazu kamen auch die Faschingsgesellschaften Mitterteicher Gaudiwurm und Tursiana Tirschenreuth. Für die Narren näht die 53-Jährige Kostüme, ändert diese auch immer wieder und das nun schon seit rund elf Jahren. "Viele Tänzerinnen kenne ich von klein auf. Es ist schön, sie heranwachsen zu sehen."

Auch die Schultanzgruppe der Mädchenrealschule in Waldsassen und eine Hip-Hop-Tanzgruppe aus Weiden setzen bei den Kostümen auf das Know-how aus Konnersreuth. Zu Burgers Kunden gehören Eiskunstläuferinnen ebenso wie Turnerinnen. "Die Trainer und Sportler kennen sich untereinander und empfehlen mich weiter", freut sich die Schneiderin.

Ihr fällt auf, dass das Dirndl in der nördlichen Oberpfalz wieder mehr getragen wird und die Frauen Wert auf Qualität und Individualität legen. "Jetzt kommen wesentlich mehr Anfragen." Zum Trachtennähen kam Burger, als ein Verein sie fragte, ob sie für die Damen Dirndln fertigen könne. In dem Auftrag sah die Stiftländerin eine neue Herausforderung. Für Einzelstücke bekommt die Konnersreutherin meist ein Foto oder eine Zeichnung, mit den Maßen macht sie sich dann an die Fertigung. Die Schnitte erarbeitet sie individuell. Für ein Dirndl benötigt die 53-Jährige zwischen vier und viereinhalb Meter Stoff und rund 18 Arbeitsstunden. Eine maßgeschneiderte Tracht kostet einen mittleren dreistelligen Betrag, je nach Aufwand. Aber: "Es kommen wieder die schlichteren Sachen." Sie findet es schön, wenn Festdamen im Dirndl auftreten, oder Frauen in Tracht standesamtlich heiraten.

Doch ein Problem hat sie mit ihrer Dorfschneiderei. "Bei uns in der nördlichen Oberpfalz ist es etwas schwierig, Stoffe zu bekommen", erklärt Burger. Entweder bringen die Kunden den Stoff selbst oder die Schneiderin bestellt ihn. Dabei bevorzugt sie natürlich regionale Unternehmen - soweit es geht.

Vielfalt wichtig

Nach dem Faschingstrubel ist die 53-Jährige jedes Jahr wieder froh, etwas anderes nähen zu dürfen: "Die Vielfalt macht's, das gefällt mir!" Und dass es keine Regeln gibt, was den Stoff anbelangt. "Früher wurden die Dirndln aus Bettlaken genäht. Warum das also nicht einfach wieder ausprobieren?" Im Herbst leitet Burger die Fortsetzung eines Trachtnähkurs des Bauernverbands. Weil die Schneiderin normalerweise allein arbeitet, freut sie sich auf den Kurs und die gesellige Runde.

"Ich wollte nie etwas anderes machen", erzählt Burger. Auch ihre Tante war eine Schneiderin, das Handwerk begeisterte die Oberpfälzerin schon als Kind. Die Ausbildung fing Burger beim Industriebetrieb Kerner in Wiesau an. "Die Firma gibt es heute nicht mehr. Damals waren dort 600 Beschäftigte. Wir stellten Oberbekleidung, wie Mäntel, Blazer oder Röcke her." Als Gesellin arbeitete die Konnersreutherin dann in der Musterei. Den Meisterkurs absolvierte sie über zwei Jahre an den Wochenenden in Bayreuth. Seit 1989 ist Burger Damenschneidermeisterin. Insgesamt zehn Jahre arbeitete sie bei Kerner, danach ging Burger als Schnittdirektrice zum Sportartikelhersteller Voith in Thiersheim. Dort blieb die Stiftländerin elf Jahre, bis sie sich selbstständig machte.

Zwischen Knöpfen, Stoffballen, Schnittmustern, Garn und Pailletten, einem großen Tisch und drei Nähmaschinen herrscht in ihrem Arbeitszimmer im Keller kreatives Chaos. Viel Platz zum Lagern hat Burger nicht, deshalb will sie demnächst ausmisten und neu sortieren. "Ich brauche hier einfach mehr Platz", sagt sie. Für sich selbst näht sie übrigens gar nicht gerne: "Ich kaufe nichts, was nicht einwandfrei passt. Wenn ich etwas kaufe, will ich das nicht selbst umnähen müssen. Das mache ich nicht."

Aus dieser Meterware soll ein Dirndl entstehen. Eine Kundin suchte sich diesen Stoff aus und brachte ihn Michaela Burger vorbei.
Ein Regenbogen aus Faden und Garn. Dieses Aufhänge-Brett zimmerte ihr Mann für die Damenscheidermeiserin.
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