21.03.2021 - 09:53 Uhr
KohlbergOberpfalz

Kohlberger Anekdote: Kanonendonner mit Dynamit und Äpflpampern

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"Heiliges Kanonenrohr!" Dieser Ausruf passt prima zu einer Anekdote, die der 95-jährige gebürtige Kohlberger Georg Gäbelein an seinem Geburtstag zum Besten gibt. Im schönsten Oberpfälzer Dialekt und einfach zum Schießen.

Georg Gäbelein feierte seinen 95. Geburtstag. Gerne erzählt der Jubilar Geschichten aus seiner Jugendzeit in Kohlberg, so wie das Lausbubenstückl von der Pamperlkanone.
von Autor JMLProfil

Vor kurzem hat der „Gäwerl-Schorsch“ in Weiden seinen 95. Geburtstag gefeiert. Ein Anlass, hier eine Anekdote aus seiner Jugend in Kohlberg noch einmal zu erzählen. Es ist ein Lausbuben-Stückl aus seiner Ministrantenzeit, so um 1935/36 herum. Der Georg Gäbelein, wie er richtig heißt, war damals etwa zehn Jahre alt und hatte es wohl auch faustdick hinter den Ohren.

Aber zuerst mal noch einen Sprung in die Gegenwart, weil es das Corpus delicti im Ort immer noch gibt. Es ist die alte Böllerkanone der Reservisten-Kameradschaft, ein Erbstück vom früheren Kriegerverein, hergestellt wohl noch vor dem Ersten Weltkrieg. Die meiste Zeit steht sie – gut gewartet – in der Lagerhalle des Steinmetz-Betriebs Roith. Jedes Jahr am Volkstrauertag sowie bei Beerdigungen von Kriegsteilnehmern und Mitgliedern der Reservistenkameradschaft wird mit ihr ein Ehren-Salut geschossen, so wie schon seit nahezu 100 Jahren. Der Posaunenchor oder eine Musikkapelle stimmt das: ‚Lied vom guten Kameraden’ an und bald darauf rummst es ganz gewaltig. Beim ersten Knall sacken dabei oft die Instrumente der Musikanten und, bei schlechtem Wetter, die Schirme der Anwesenden erschrocken nach unten. Traditionell werden drei Schüsse abgefeuert, bis die zweite Strophe mit den Worten endet: „Er liegt zu meinen Füßen, als wär’s ein Stück von mir.“

Aber jetzt soll der Schorsch erzählen. „Woißt, des wor damals so", beginnt er im schönsten Oberpfälzer Dialekt. Dou hout im heitichen Behrend-Haus (zwischen den Anwesen Schlegl und Gäbelein) ein gewisser Windisch-Hans g'wohnt. Der woar Kriegsveteran vom erschtn Weltkröich und hout schlecht gäih kinner." Immer bei Beerdigungen auf dem katholischen Friedhof am Südende des Ortes hat der die Böllerkanoner bedient. Die Ministranten-Buben mussten sie vom Unterstellplatz im Nebengebäude des Rathauses, wo auch die Feuerspritze stand, bis zum Friedhof hinaufschieben. Geschossen wurde gleich unterhalb dem Friedhofszaun auf der Wognerbeckn-Wiesn. Dort standen etliche Obstbäume und eine stattliche Eiche. Der Kriegsveteran lud die Kanone damals noch mit Dynamit. In eine Kartusche aus fester Pappe mit einem Messingboden wurde die Ladung reingeschüttet und dann kam ein Pappdeckel oben drauf. Das Ganze wurde am hinteren Ende des Rohres in den Lauf eingeklinkt und die Zündkammer verriegelt. Drei Kartuschen waren da für die Böller zu befüllen.

Es muss in den großen Ferien, so um die Jahresmitte gewesen sein, als die begleitenden Ministranten bei einer ‚Leich’ (Beerdigung) ihr Lausbubenstückl lieferten. „Oi Kreizltrocher (Kreuzträger) und zwoa Ministranten san mit dem Pforrer ganger und mir annern worn die Kanoniere. Des wor natirlich fir uns Boumer des vül Intressantere“, erzählt der Schorsch. Am vorgesehenen Platz in der Wiese hat der Windisch-Hans sorgfältig die Böllerschüsse vorbereitet und nicht gemerkt, was die ‚Lausbuben Gottes’ derweil für einen Schabernack trieben. Die Kapelle stimmt das Lied: ‚Ich hatt’ einen Kameraden’ an, der Kriegsveteran betätigt die Zündvorrichtung, es kracht gewaltig und dann prasseln aus der etwa fünf bis acht Meter entfernten Eiche Laub und Zweige "ner so oier“, lacht der Schorsch. Die jungen ‚Kanoniere’ hatten – um die Sache spannend zu machen - das Kanonenrohr mit „Äpflpampern“, also unreifen Äpfeln gefüllt. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, hätte die Rohrmündung mit den unreifen Äpfeln in Richtung der Trauergemeinde gezielt. „Da Windisch-Hans is g’scheit daschrocker, weil er gmoint hout, des warn Schtoiner g’wen und hout uns glei flouchert (fluchend) zum Teifl g’haut!", erzählt der Jubilar lachend. Aber zum Runterziehen der Kanone hat er dann die Ministranten doch wieder gebraucht.

Zum Schluss sagte der Gäwerl-Schorschnoch einen Satz, bei dem es einen kalt über den Rücken laufen kann. „Des woar a so", holt er aus. Erst wenn sich einer ausgekannt hat als Ministrant, dann is er Kanonier gewoden und hat mit in die Feuerstellung gedurft. Wie viele gute Ministranten haben wohl seitdem ihr Leben gelassen in den Feuerstellungen rund um den Globus? Dort, wo nicht mit ‚Äpflpampern’ geschossen wird? das fragt sich wohl auch der 95-Jährige. Auch er wurde 1943 in den Krieg geschickt und kam erst 1949 aus sibirischer Gefangenschaft zurück.

Es tut sich was in der Pfarrei

Kohlberg
Hintergrund:

Die Böllerkanone

  • Die Böllerkanone wurde um 1895 gefertigt, Kaliber 50 mm.
  • Jetziger Besitzer ist die Krieger- und Reservistenkameradschaft Kohlberg
  • Aufbewahrungsort: Lagerhalle im Steinmetzbetrieb Roith. Die Kanone wird auf der Ladefläche eines Betriebs-Lkw zu den Einsätzen transportiert.
  • Einsätze bei den Feiern zum Volkstrauertag in Röthenbach und Kohlberg sowie bei Beerdigungen von KRK-Mitglieder
    und Kriegsteilnehmern (einer noch in Kohlberg),
  • Kanonier: Stabsfeldwebel a. D. Reinhard Welzl; er hat in seiner Dienstzeit den Lehrgang zum Sprengstoffgesetz absolviert.
Sie hat schon mehr als 100 Jahre auf dem Buckel, die Böllerkanone der Kohlberger Reservistenkameradschaft ist aber noch bestens in Schuss. Die meiste Zeit steht sie in einer Lagerhalle. Als "Pamperlkanone" haben Ministranten sie mal bei einer Beerdigung für ein Lausbubenstückl benutzt.

 

 

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