10.06.2020 - 09:59 Uhr
KirchenthumbachOberpfalz

Zweifelhafte Liebe in der Soldatenstadt

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Nachdem amerikanische Soldaten in Grafenwöhr eingezogen waren, ging der Ärger los: Die käufliche Liebe blühte auf. Den Bürgern waren die Dirnen ein Dorn – aber nicht allen.

In der ehemaligen Luftüberwachungsstation in Thurndorf wurde über Nacht ein Krankenhaus eingerichtet. Dort wurden die Freudenmädchen behandelt, die sich mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt hatten.
von Fritz FürkProfil

Mit dem Einzug der amerikanischen Soldaten zog rund um den Truppenübungsplatz auch eine "Weiberplage" ein. Es wurde sogar gefordert, Grafenwöhr und Umgebung in ein "moralisches Notstandsgebiet" einzustufen. Die käufliche Liebe blühte und trieb besondere Blüten. Die konservativen und tief tiefgläubigen Christen sprachen von Sodom und Gomorrha und meinten: "Ja a su a Schand, pfui Teifl".

Als am 8. Mai 1945 die Kanonen endlich schwiegen und das Reich Hitlers zu Ende ging, galt die Angriffslust unter anderem den Frauen. Die US-Armee, die in die Oberpfalz eingerückt war, übernahm das Kommando über den Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Zwei Jahre lang übten nur direkt hier stationierten Soldaten. Ab 1947 wurden Einheiten aus ganz Deutschland zu Manövern in die Oberpfalz verlagert.

Weiberplage in den Gemeinden

Mit der Ankunft ständig neuer GIs brach auch eine Weiberplage über die Gemeinden rund um den Übungsplatz herein. Ältere Bürger können sich noch gut daran erinnern , wie die Amis mit Dollars um sich warfen. Kein Wunder, für einen US-Dollar gab es mehr als vier Mark – das war viel Geld. Beobachtet wurde auch, wie bei Einbruch der Dunkelheit die GIs mit ihren Ami-Schleichern, wie Buicks und Chevrolets in die Orte einfuhren. In den Seitenstraßen und auf Waldwegen schaukelten die schweren und gut gefederten Straßenkreuzer. "Da gab es Geld für Liebe. Und das alles für Freiheit, Frieden und Vaterland", erzählte ein heute über 90-jähriger Senior, der namentlich nicht genannt werden will. "Ich könnte ja a Buch schreib'n", sagte er schmunzelnd.

Whiskey, Zigaretten, Kaffee, Orangen waren beliebt

Die Tageszeitung "Eschenbacher-Auerbacher Volkszeitung" warf damals ein Schlaglicht auf die Probleme, die durch die Kombinationen von stets wechselnden Truppen einerseits und dem horizontalen Gewerbe andererseits für die Truppenübungsplatz-Anrainer erwuchsen. Doch nicht alles wurde von den Leuten als negativ eingestuft: Handel und Tausch mit Whiskey und Zigaretten, Kaffee, Orangen und US-Konserven stillten Genuss und Hunger.

Dirnen in der Oberpfalz

Doch mit der Moral ging es steil bergab. Die Soldaten übten nicht nur den scharfen Schuss, sie waren auch scharf auf deutsche Mädchen. Die Sogwirkung blieb nicht aus. Mit den Truppen kamen auch die Dirnen zu Hunderten in die tiefgläubige Oberpfalz. Die Eschenbacher-Auerbacher Volkszeitung befasste sich in einem zweispaltigen Bericht mit dem Sündenpfuhl und berichtete mit dem Titel "Weiberplage gefährdet Jugend" über die sexuellen Ausuferungen der Dirnen und der Soldaten, die nicht einmal vor dem kleinen Dorf Gmünd Halt machte. Der Zeitungsausschnitt ist nicht datiert, stammt aber mit Sicherheit aus der Zeit um 1950.

Geschlechtskrankheiten häufen sich

Bei den Dirnen, den Soldaten und auch bei der Zivilbevölkerung häuften sich die Geschlechtskrankheiten. Die US Army handelte und verteilte an die Soldaten Vorbeugepäckchen, so genannte "Pro Kit". Der Inhalt bestand unter anderem aus einem Desinfektionstuch, eine Penicillinsalbe und einer Verhaltensregel. Die Dirnen wurden aufgegriffen und ärztlich untersucht. Die geschlechtskranken Freudenmädchen wurden auf Trucks verladen und nach Thurndorf gekarrt. In einem Gebäude der ehemaligen Luftüberwachungsstation, das zu einem kleinen Krankenhaus umfunktioniert wurde, wurden die Damen behandelt und geheilt, ehe sie erneut ins "Manöver" zogen. Damaliger Schullehrer Hans Baumgartner appellierte an die Regierung, das Dirnenwesen zu beseitigen. Er forderte für den Raum Grafenwöhr die Einstufung zu einem "moralischen Notstandsgebiet" und Sonderbestimmungen zu schaffen. Eine weitere Forderung war, die Wiedereinrichtung von Arbeitshäusern. Diese seien das einzige Mittel, das Dirnen noch erschrecken könnte.

Razzien der Polizei wirkungslos

Die Razzien der deutschen Polizei und der Militärpolizei (MP) waren damals für die Katz, wie Baumgartner frustriert feststellte. Allerdings fehlt das Datum des Erscheinungstages: Vermutlich vor 70 Jahren berichtete die "Eschenbacher-Auerbacher- Volkszeitung" in einem Zweispalter über die Weiberplage in Grafenwöhr und anderen Orten am Rande des Truppenübungsplatzes. Die Überschrift lautete: "Weiberplage gefährdet Jugend – Die Zustände um Grafenwöhr müssen energischer angepackt werden."

Der unbekannte Autor schrieb damals unter anderem: "Wenn die Landpolizei in einem ihrer letzten Monatsberichte von einem Absinken der Weiberplage gegenüber den Vorjahren berichten konnte, so mag das vielleicht für Grafenwöhr selbst zutreffen, auf keinen Fall aber für die Umgebung von Grafenwöhr; hier sind die Zustände eher schlimmer als besser geworden," sagte ein Einwohner der in der Nähe Grafenwöhrs gelegenen Ortschaft Gmünd dem Reporter der "Eschenbacher Volkszeitung". Und tatsächlich scheinen die Einführung der verkürzten Meldepflicht und die von Zeit zu Zeit durchgeführten Razzien der Polizei wenig zu fruchten: Weil es ihnen in Grafenwöhr zu gefährlich geworden ist, strömen die "Truppen leichter Mädchen" in die Fluren um Grafenwöhr und übernachten in Zelten oder gar im Getreidefeld. "Wir werden durch das wilde Herumbiwakieren einen erheblichen Flurschaden zu verzeichnen haben", meinte ein Bauer. "Die Bevölkerung ist an dieser Landplage aber oft selbst schuld, denn es finden sich immer wieder Leute, die die bettelnden Mädchen aus Gutmütigkeit etwas zu essen geben".

Info:

Erinnerungen eines Lehrers

Damaliger Schullehrer Hans Baumgartner, der nach dem Krieg nach Gmünd kam und 1957 nach Weiden versetzt wurde, führte etwa zwei Jahre lang Protokoll. In einem mehrseitigen, mit Schreibmaschine geschriebenen Bericht "Zur Lage der Jugend in Gmünd" brachte der Pädagoge die "Schandtaten" zu Papier. Baumgartner kam damals zu dem Urteil, die Jugend der Gemeine lebe in einer bedenklichen Erziehungsatmosphäre. Die Bevölkerung sei gemischt mit Einheimischen und Flüchtlingen. Der eigentliche bodenständige und bäuerliche Anteil der Einwohner betrage nur mehr 35 Prozent. Ein Teil der Bevölkerung seien Flüchtlinge. Die Arbeitslosenquote betrage 80 Prozent. 54,5 Prozent lebe von Rente sowie Fürsorge und 29 Prozent der Neugeborenen hätten keinen Vater. Weiter schrieb Baumgärtner: "Entscheidend und geradezu vergiftend wirkt sich die Atmosphäre des Truppenübungsplatzes aus. Ein großer Teil der amerikanischen Soldaten, die nach Gmünd kommen, zeigen ein Verhalten, in dem sexuelle Ausschweifungen und Zügellosigkeit sowie alkoholische Exzesse die hervorragende und augenfällige Tendenz sind". Am ärgsten wirke sich dies nach dem "Payday" dem amerikanischen Zahltag aus.

Dann griff der Dorflehrer das Tabuthema direkt auf. Die Dirnen würden den Truppen ins Manöver folgen. In Schuppen und Wohnungen würden sie Unterschlupf finden und in Laub- und Strohhütten, im Unterholz und Ufergebüsch campieren. "Waschen, Baden und Sonnen geschehen splitternackt, ohne Rücksicht auf Zuschauer oder Vorübergehende. Diese Gegend ist ein Eldorado für nackte Damen und Soldaten, ein Naturbordell". Ein dreizehnjähriger Bub habe außerdem beobachtet, wie Soldaten eine Dirne gewaltsam entkleidet, missbraucht, sie blutig geschlagen, ihr Geld abgenommen haben und dann geflüchtet seien. An einem Dorfrand sei eine Dirne auf den Kopf gestellt und fotografiert worden. (ü)

Mehr zum Grafenwöhrer Truppenübungsplatz

Die fehlgeleitete 21-cm-Granate einer US-Haubitze schoss drei Kilometer zu weit - und detonierte mitten im bewohnten Zelt-Camp "Casserine". Die Explosion verwandelte das Areal in eine blutige Todeszone.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.