09.07.2020 - 18:46 Uhr
KirchenthumbachOberpfalz

Die Milch kommt vom Pferd

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Pferde werden hierzulande überwiegend zum Reiten gehalten. Die Stuten können aber auch gemolken werden. Die Familie Grassler-Schuhmann züchtet Haflinger für die Milchproduktion und ist überzeugt von den heilenden Eigenschaften.

Derzeit werden auf dem Hof von Familie Grassler-Schuhmann nur zwei Stuten gemolken. Katrin Grassler ist überzeugt von der Wirkung der Stutenmilch.
von Christa VoglProfil

Wenn auf der Weide von Familie Grassler-Schuhmann aus Kirchenthumbach die Haflingerstuten samt Nachwuchs mit wehenden Mähnen und Schweifen ausgelassen über die Weide galoppieren, dann trügt der erste Eindruck: Familie Grassler-Schuhmann betreibt keinen Reiterhof, bietet keine Reitstunden an und hat auch keine Pensionspferde im Stall. Familie Grassler-Schuhmann hält die Haflinger zur Gewinnung von Milch, von Stutenmilch.

Angefangen hat alles mit der Geburt des kleinen Toni. 2007 war das, erzählt seine Mutter, Katrin Grassler, 41, die auf dem Hof ihrer Eltern in der Oberpfalz aufgewachsen ist und seit sie denken kann, mit Pferden zu tun hat. Damals allerdings noch mit Reit- und Kutschpferden: Ihre Eltern betrieben zu der Zeit eine Fohlenaufzucht, hatten einen kleinen Gnadenhof und auch einige eigene Pferde.

Entzündungshemmend

Als Toni kurz nach der Geburt massive Hautprobleme - Milchschorf, Neurodermitis - bekam und das Medikamenten-Spektrum der Schulmedizin ausgeschöpft schien, hörte die junge Mutter von der heilenden und entzündungshemmenden Wirkung der Stutenmilch. "Wir haben davor wirklich alles Mögliche ausprobiert. Dann versuchten wir es mit Stutenmilch. Und die hat gleich angeschlagen", sagt Katrin Grassler, auch rückwirkend immer noch begeistert von deren Wirkung. Anfangs kaufte sie die Stutenmilch "übers Internet", doch ab 2010 beschloss die Familie, die Sache in die eigene Hand zu nehmen.

Dass "die Sache" aber gar nicht so einfach zu bewerkstelligen war, und es dafür eine Menge Auflagen und Besonderheiten gab und immer noch gibt, auch davon erzählt Grassler bereitwillig: von der Milchkammer mit Abfüllanlage, vom staubgeschützten Melkstand, von den Milchproben, die zweimal pro Monat zur Untersuchung der Keimzahl und des Zellgehalts eingeschickt werden müssen, um die Güte der Milch und auch die Gesundheit der Tiere sicherzustellen. Und natürlich - das Herz des Melkstands - von der Ziegenmelkmaschine. Ziegenmelkmaschine? "Kühe haben vier Zitzen, Ziegen und Pferde aber nur zwei. Daher kann man die Melkmaschinen für Kühe nicht automatisch auch für Pferde oder Ziegen hernehmen." Es gebe aber auf dem Markt Ziegenmelkmaschinen und diese können auch auf das Melken von Stuten "umgestellt" werden.

Doch nicht nur technisch gab es Herausforderungen, auch die Entscheidung für eine bestimmte Pferderasse war wichtig, denn nicht jede Stute eignet sich zum Melken. Familie Grassler-Schuhmann hat sich für Haflinger entschieden. Denn: "Haflinger sind ruhige Pferde. Sie sind gelassen, sie sind relaxed." Das sei wichtig, weil es "nicht ohne" sei, das Melkgeschirr an den Zitzen der Stuten anzusetzen.

Mit Fohlen melken

Der Melkvorgang selbst läuft ähnlich wie in einem Kuhstall ab. Allerdings mit der Besonderheit, dass hier "mit Fohlen" gemolken wird. Weil die Milch leichter fließt, wenn sich das Fohlen in der Nähe der Mutter befindet. Der Ablauf ist für die Pferde Routine. So sehr, dass die Stuten selbstständig den Melkstand betreten und dabei immer eine bestimmte Reihenfolge einhalten. Während sie gemolken werden, erhalten sie eine Portion Hafer und verlassen danach die Melkbox. Auch hier wieder aus eigenem Antrieb.

20 Liter Milch pro Tag

Die Milch kommt sofort in die Kühlung und wird anschließend tiefgefroren für den Verkauf ab Hof - allerdings nur auf Vorbestellung - oder für die Weiterverarbeitung zu Cremes und Seifen. Ergebnis des Melkens: ein bis zwei Liter pro Stute. Das ist nicht besonders viel, wenn man bedenkt, dass Kühe in der Landwirtschaft pro Tag und zweimaligem Melken durchaus 25 Liter Milch liefern. "So ein Pferd produziert auch ungefähr 20 Liter Milch pro Tag, aber wir nehmen nur die zwei Liter, den Rest überlassen wir den Fohlen." Normalerweise könnte zweimal pro Tag gemolken werden, aus zeitlichen Gründen geschieht dies aber auf dem Hof von Katrin Grassler nur ein einziges Mal.

Damit das Euter der Stuten beim Melken gut gefüllt ist - das maximale Fassungsvermögen beträgt ungefähr drei Liter - werden die Fohlen zwei Stunden vor dem Melken von ihren Müttern getrennt. Die Füllen kommen dabei in den sogenannten "Kindergarten", einem Fohlenlaufstand in Sichtweite ihrer Mütter. Diese stundenweise Trennung erfolgt zum ersten Mal ungefähr vier bis sechs Wochen nach ihrer Geburt, erst dann wird auch mit dem Melken begonnen. Die Trennung sei aber nicht so schlimm, betont Grassler: "Die Stuten und Fohlen sehen sich ja, sie sind nicht komplett getrennt, die Ställe befinden sich direkt nebeneinander. Sie gewöhnen sich schnell daran." Nach dem Melken dürfen die Tiere dann wieder gemeinsam auf die Koppel. Auch der Zeitraum, in dem die Stuten überhaupt gemolken werden können, sei sehr begrenzt: "Die Stute gibt nur Milch, so lange das Fohlen ,bei Fuß' läuft, also so ungefähr acht Monate. Danach saugt das Fohlen nicht mehr an den Zitzen und es wird auch nicht mehr gemolken."

Auf der Weide

Jetzt befindet sich die Herde gerade wieder gemeinsam auf der Koppel. Nach zwei Runden ausgelassenem Galopp entlang der Umzäunung beginnen die Tiere friedlich zu grasen. Bis zum nächsten Melken am Folgetag liegt nichts mehr an. Denn geritten werden die Milchstuten nicht. "Sie dürfen den ganzen Tag herumlaufen oder einfach dastehen und fressen", erklärt Katrin Grassler lachend. "Weil sie uns ja einen Teil ihrer Milch überlassen."

Pioniere der Haflingerzucht in der Oberpfalz

Kemnath am Buchberg
Wenn die Milchstuten von der Koppel kommen, wartet ein luftiger, heller und geräumiger Stall auf sie.
Nur einmal pro Tag wird die Stute gemolken, die restliche Zeit darf sich das Fohlen an der Milchbar bedienen.
Hintergrund:

Tradition des Stutenmilch-Trinkens

Schon vor 3000 Jahren galt die Stutenmilch in China als Heil- und Wundermedizin. Die Kaiser der Ming-Dynastie schworen auf die Wirkung des "göttlichen Nektars".

Das Reitervolk der Skythen trank die Stutenmilch regelmäßig in vergorener Form. Dschingis-Khan, der Herrscher der Mongolen, führte bei seinen Eroberungszügen ganze Stutenherden mit und versorgte so seine Krieger. Das erste Stutenmilchsanatorium entstand 1858 in Russland, in Samara.

Heutige Stutenmolkereien werben für ihr Produkt als natürliches Arzneimittel mit besonderen Eigenschaften: Schutz des Immunsystems, Stärkung von Herz und Kreislauf, Hilfe bei Darmbeschwerden, Förderung des Stoffwechsels, Hilfe bei Hautproblemen. (cvl)

Information:

Stutenmilchprodukte

Das bekannteste Stutenmilchprodukt heißt Kumys. Es kommt ursprünglich aus Kasachstan, der Mongolei und Russland. Kumys ist ein Produkt, das aus vergorener Stutenmilch besteht.

Kumys, auch Airag, ist weiß wie Milch, schmeckt säuerlich frisch und hat einen leichten Alkoholgehalt von 1,2 bis 2 Prozent.

Auch im kosmetischen Bereich ist die Stutenmilch vertreten. Es gibt Hautbalsam, Bodylotion, Gesichtscreme und Bade-Dusch-Shampoo, die einen hohen Anteil von Stutenmilch enthalten. (cvl)

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